Friedhof in Kroatien

„Steine, die sprechen“

Von Antonio Nikolić, Lucija Puljiz, Ivor Vrdoljak, 18. Gymnasium, Zagreb
 - 14:32

Die Steine sind groß oder klein, schwarz oder weiß, manche sind schlicht und unscheinbar, andere auffällig dekoriert. Der Ort erinnert stellenweise an einen Skulpturenpark. Berühmte Bildhauer wie Antun Augustinčić und Ivan Meštrović haben hier gearbeitet. Es gibt eine Pietá und Engelsfiguren und zahlreiche gemeißelte Porträts, aber auch einen wie vom Blitz gespaltenen Stein, einen stilisierten Globus, einen Basketball oder das Modell eines Kampfflugzeugs. Vor allem aber ist der Friedhof Mirogoj ein Park. Man läuft durch schattige Alleen, über Rasenflächen, an Baumgruppen und Büschen vorbei. Teils von Straßen, teils von einem Wald begrenzt, ist dieser Ort der Ruhe und des Friedens, kroatisch Mirogoj, gut sieben Hektar, nahezu 14 Fußballfelder, groß. Damit ist er der größte Friedhof Kroatiens. Doch ist dies nicht nur ein Ort des Gedenkens an die Verstorbenen, viele Besucher nutzen ihn für einen Spaziergang und überraschende Entdeckungen.

Was der Tod möglich macht

Nicht jeder kann jede Inschrift lesen: Die Steine tragen neben lateinischen Schriftzeichen auch arabische, hebräische und kyrillische. Selbstverständlich sind die meisten Inschriften in kroatischer Sprache, aber auch Bosnisch, Serbisch und Russisch, Ungarisch, Französisch, Italienisch und Deutsch kommen vor. Die Steine zeigen etwa ein Kruzifix, auch in orthodoxer Form, einen Davidstern oder Halbmond. Und manche zeigen unterschiedliche Sprachen und Symbole auf einem Stein vereint. Ein Beispiel: Die Inschrift beginnt hebräisch, der zuerst genannte Name spricht dann deutlich für sich: Ljudevit Deutsch. Der Schriftzug setzt sich in kroatischer Sprache fort; es folgt der Name Miroslav Dajč gesprochen: Deitsch, danach Tereza Deutsch, geborene Herrmann. Auf einem Stein von gerade einmal 1,5 mal 1,5 Metern zeigt sich, wie Religion und Kultur, Sprache und Herkunft Hand in Hand gehen können. Warum eigentlich ist im Leben nicht möglich, was der Tod möglich macht, könnte man sich an diesem Ort fragen.

5000 Bestattungen im Jahr

Jadranko Jagarinec sieht hier „eine friedliche Harmonie und Koexistenz aller Konfessionen und Klassen, weil der Tod nicht fragt“. Der 41-jährige Administrator ist zuständig für alles, was auf dem Friedhof organisiert werden muss. Er wohnt in der Nähe, schon sein Großvater arbeitete hier als Schmied. Nach dem Abschluss einer Fachschule für Elektronik hat er Geodäsie und Informatik studiert und während dieser Zeit seinen Unterhalt als Musiker verdient. Seit elf Jahren ist dies sein Arbeitsplatz, den er wirklich liebt, wie er betont. Seit der Gründung des Mirogoj-Friedhofs 1876 auf einem Grundstück des Sprach- und Kulturforschers Ljudevit Gaj wurden etwa 360 000 Verstorbene beigesetzt, berichtet Jagarinec. Am Tag werden heute durchschnittlich vier bis fünf Beerdigungen und etwa 15 Urnenbestattungen verzeichnet, etwa 5000 im Jahr. Der Friedhof wird kontinuierlich erweitert.

Fliegende Händler, konkurrierende Supermärkte und Diebe

Um den 1. November ist der Andrang so groß, dass die Polizei schon eine Woche zuvor die Zufahrten weiträumig absperren muss, weil Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen schmücken. Am 1. und 2. November sind die Straßen rund um den Friedhof auf etwa ein Kilometer Länge mit parkenden Autos blockiert. „Wir machen zu der Zeit auch unseren größten Umsatz“, sagt eine Blumenverkäuferin an einem der Eingänge. Die 48-Jährige hat eine Ausbildung zur Botanikerin absolviert und arbeitet in einer der Holzhütten, in denen ganzjährig Blumenschmuck und Kerzen verkauft werden. An den Festtagen, Ostern und Weihnachten, kommen fliegende Händler mit schnell auf- und abbaubaren Buden hinzu. „Seit ich vor fünf Jahren hier angefangen habe, kommen aber insgesamt immer weniger Leute“, berichtet die Verkäuferin, „der Umsatz wird immer schlechter!“ Ein Grund dafür sei, „dass Discounter zunehmend günstiger anbieten können. Aber es wird auch immer wieder gestohlen, Laternen und Blumenschmuck. Und das wird dann auf dem Schwarzmarkt verkauft.“ Dieses Problem kennt Jadranko Jagarinec: „Der Friedhof ist schwer zu bewachen, weil er einfach zu groß ist. Es ist auch schon vorgekommen, dass Büsten und kleinere Statuen gestohlen wurden.“ Deshalb überlege man, Kameras mit Infrarotsensoren zu installieren.

Grenzen von Moral und Anstand

Jagarinec ist stolz darauf, dass der Mirogoj „zu den schönsten Friedhöfen in Europa“ gehört. Zu der Vielfalt gehöre auch, „dass prinzipiell jede Art von Texten auf den Gräbern erlaubt ist, aber in den Grenzen von Moral und Anstand. Parolen sind ausdrücklich verboten.“ Der Friedhof ist ein aufgeschlagenes Buch kroatischer Geschichte unter freiem Himmel. Prominente Besucher aus aller Welt kommen hierher. Im Frühjahr 2016 besuchte zum Beispiel der indische Minister Vijay Kumar Singh den Friedhof. „Ich habe ihn persönlich geführt“, berichtet Jagarinec, „ohne Security, und es wurde nichts davon in den Medien erwähnt. So war die Erfahrung für den Minister umso intensiver.“

Auch eine Kölner Bürgermeisterin soll 2016 den Friedhof besucht haben, berichtet Jadranko Jagarinec. Das verwundert ihn nicht, denn der Mirogoj hat über seinen Architekten eine direkte Verbindung zur Stadt am Rhein. Hermann Bollé, 1845 in Köln geboren und 1926 in Zagreb verstorben, war der Architekt des Hauptgebäudes. Im Eingangsbereich erinnert eine Büste an den Mann, der nicht nur in Zagreb, sondern auch in anderen Landesteilen architektonische Spuren hinterlassen hat. Nach seinem Tod wurde er in den Arkaden des Mirogoj-Friedhofs bestattet.

Fußballtrainer in München und ein „Mozart des Parketts“

Den Mirogoj-Friedhof kann man mit einem der detaillierten Prospekte selbst erkunden. Dann kann man noch andere Verbindungen nach Deutschland finden. In einem unscheinbaren Grab wurde Branko Zebec beigesetzt. Als Fußballtrainer war er deutscher Meister mit dem FC Bayern München und dem Hamburger Sportverein. Größer, auffälliger und vielfach besucht, wie unzählige brennende Kerzen zeigen, ist die Grabstelle von Dražen Petrović, dem kroatischen Basketballer, der wegen seiner eleganten Spielweise der „Mozart des Parketts“ genannt wurde. Auch durch seine Erfolge in der US-amerikanischen Profiliga NBA wurde er zu einem kroatischen Idol. Der 1964 geborene Ausnahmesportler kam 1993 bei einem tragischen Verkehrsunfall in der Nähe von Ingolstadt ums Leben.

Die Liste prominenter Politiker, Schriftsteller, Künstler, Maler, Musiker, Wissenschaftler und Sportler, die hier ihre letzte Ruhe fanden, ist lang. Miroslav Krleža, Ivana Brlić-Mažuranić und August Šenoa, um nur diese Autoren zu nennen, gehören dazu. Doch auch Tote der beiden Weltkriege, des Terrors und der Kriege der 1990er Jahre in der Region wurden hier bestattet.

Er klopft sanft auf den Sarg

„Der Tod“, sagt Jadranko Jagarinec, als der Rundgang im Krematorium des Mirogoj-Friedhofs angekommen ist, „macht uns alle gleich. Er ist etwas, das zum Menschen gehört. Man muss lernen, ganz selbstverständlich damit umzugehen.“ Und dabei klopft er sanft an einen Sarg, der einen Blumenschmuck trägt und zur Einäscherung vorbereitet wird. „Wieso also sollten wir mit ihm umgehen, als ob man bei einem Fremden an die Tür kommt und sich fürchtet anzuklopfen, wenn es eigentlich doch so selbstverständlich ist?“ Die Geste überrascht. Aber sie ist höflich und ehrlich gemeint. Denn wer weiß schon, ob in diesem Sarg, an den gerade geklopft wurde, ein Mann oder eine Frau lag? Welche Sprache der Mensch sprach? Welcher Religion er angehörte, aus welchem Land er kam? Es macht keinen Unterschied. Jeder Verstorbene wird an diesem Ort auf dieselbe respektvolle Weise behandelt. Wenn dies aber im Tod möglich ist, warum dann nicht schon im Leben? Die Frage wird hier besonders deutlich, unter all den Steinen, die sprechen.

Quelle: F.A.Z.
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