Lama-Touren

Spucken tun sie in der Regel nur untereinander

Von Maja-Lina Lauer, Marienschule, Fulda
 - 12:16

Die dunkelgrauen Krallen des Tieres sind fingerdick. Sein Fell ist braun und zottelig. Der lange Hals ist aufmerksam gestreckt, während das Lama aus freundlichen, dunklen Augen in die Sonne blinzelt. Der Hengst heißt Chico; angebunden wartet er mit neun seiner Artgenossen auf die Gäste der Tour. Denn Johannes Nüdling, dem die 21 Tiere gehören und der bis vor 14 Jahren als Vertriebsleiter arbeitete, führt heute hauptberuflich Lamas spazieren.

Ursprünglich wollte er Damwild für die Obstwiese

Da seine Eltern Landwirtschaft nahe dem Rhöner Örtchen Poppenhausen besaßen, suchte Nüdling ursprünglich bloß nach Tieren, die eine kleine Wiese mit Apfelbäumen beweiden sollten. Seine Idee, dafür Damwild zu halten, scheiterte an der zu geringen Bewaldung der Fläche, weshalb ihm die Haltung von Wild dort nicht genehmigt wurde. Schließlich entschied er sich für Lamas. So kam dem damals 43-Jährigen die Idee, Lama-Trekkingtouren für Touristen anzubieten, womit er sich dann selbständig machte.

Geschenk zu Opas Geburtstag

Durch Mundpropaganda und über das Internet wurde Nüdling schnell bekannt. Auch heute ist er ausgebucht. 21 Besucher wollen mit den Lamas losziehen. Die meisten Teilnehmer gehören zu einer Geburtstagsgesellschaft. Der 80-jährige Großvater bekam die Tour zum Ehrentag geschenkt, wie seine Frau erzählt. Außer ihnen sind noch Leanne und Leo in Begleitung von Mutter und Großmutter sowie die Freundinnen Annette und Gabi dabei. Johannes Nüdling trägt schwarze Wanderstiefel und eine blaue Kappe und begrüßt alle. Auf dem T-Shirt prangt das Emblem des Familienbetriebs RhönLamas. Seine Hauptzielgruppe beschreibt er so: „Alle, die ein bisschen runterfahren wollen.“ Auch Firmgruppen und Schulklassen melden sich an. Inzwischen hat er Stammkunden, die bis zu sechsmal im Jahr kommen. „Einige von ihnen haben insgesamt schon 80 bis 100 Tage hier verbracht“, erklärt der 57-Jährige strahlend. Denn die Lamatouren gibt es für ein paar Stunden, aber auch für bis zu drei Tage.

Alle wollen das fluffige Fell berühren

In freudiger Erwartung betreten alle die Koppel. Manche zunächst ein wenig zögerlich. Die Kinder machen den ersten Schritt. Neugierig gehen sie auf die Kleinkamele zu, die die Besucher ihrerseits aufmerksam beäugen. Bald schon wollen alle das fluffige Fell der Lamas berühren. Darüber wachsen längere Haare, die vor Nässe und Kälte schützen. Am Bauch sind sie jedoch komplett kahl. Die meisten Tiere sind weiß oder hellbraun. Gaucho sticht als pechschwarzes Lama hervor und kaut entspannt. Dabei schiebt er seine Zähne nach vorne und öffnet das Maul einen Spaltbreit, fast sieht es aus, als würde er grinsen. Ähnlich wie Schafe haben Lamas nur im Unterkiefer Zähne, oben stattdessen eine Kauplatte. Doch auch damit können sie herzhaft zubeißen, wie sie nachdrücklich beweisen. Bald hier, bald dort rupfen sie in saftigen Büscheln Gras.

Mit dem dicken Führstrick gelenkt

Die Teilnehmer stehen in einem Halbkreis um Johannes Nüdling. „Die Namen der Lamas nenne ich Ihnen dann, wenn sie Ihres gefunden haben. Denn die Namen sind alle spanisch und wenn Sie Ihr Lama falsch anreden, hört es vielleicht nicht“, meint er mit einem Augenzwinkern. Die Lamas werden ausschließlich über den dicken, blauen Führstrick gelenkt, was er mit dem weißen Leithengst Antonio de Sturmio demonstriert. „Gegen den Hals drücken wie bei Pferden funktioniert hier nicht“, erklärt Nüdling. Er zupft am Strick und sofort macht Antonio einen Schritt. Ähnlich wie Hunde oder Pferde müssen auch Lamas erst trainiert und erzogen werden.

Kampf auf der Koppel

Dabei ist es wichtig, dass gerade junge Hengste den Menschen keinesfalls als Teil der Herde sehen. „Denn sonst beziehen sie ihn auch in ihre Rangkämpfe mit ein“, warnt Nüdling. So ein Kampf ist auf einer der Koppeln zu sehen: Zwei weiße und ein braunes Jungtier steigen aneinander hoch, zwingen sich gegenseitig in die Knie und jagen sich mit weit vorgestreckten Hälsen über die Weide. Noch sind sie jung und ungestüm, wenn sie ausgebildet sind, geben Lamas hervorragende Lasttiere ab, die bis zu 30 Kilogramm schleppen können. „Anders als bei Alpakas, bei deren Zucht hauptsächlich auf die Qualität ihrer Wolle geachtet wird, liegt der Schwerpunkt bei Lamas aus diesem Grund auf ihrer Körpergröße und ihrem sanften Gemüt“, erklärt Nüdling.

Zum Reiten nicht geeignet

Mittags bricht die Gesellschaft auf. Acht der Lamas tragen kleine, bunte Sättel, an denen in roten Rucksäcken das Mittagessen verstaut ist. Als Sattelunterlage dienen Decken, die in Regenbogenfarben gewebt und mit weißen Fransen verziert sind. Die Sättel selbst liegen nicht direkt auf dem Rücken auf. Sie sind so bunt wie die Decken und bestehen aus zwei Holzkreuzen, die über einige sehr kleine Bretter verbunden sind, und funktionieren eher wie Gepäckträger. Zum Reiten sind Lamas nämlich nicht geeignet, da sie, anders als Pferde, eine kaum bemuskelte Wirbelsäule haben, so dass ein Versuch, auf diesem Knochen zu sitzen, sowohl für das Tier als auch für den Reiter äußerst unangenehm ist. „Das wäre auch eine Situation, in der sie spucken würden“, erklärt Nüdling, denn normalerweise wenden sich Lamas entgegen dem Klischee einfach von einem Menschen ab, wenn ihnen etwas nicht passt, sie etwa nicht gestreichelt werden wollen; spucken tun sie in der Regel nur untereinander.

Ziegengeruch und Grasduft

Der Weg führt die Gruppe über staubgraue Feldwege, die von blühenden Wiesen umgeben sind, auf den Pferdskopf zu, einen Nachbargipfel der Wasserkuppe. Die Sonne scheint, Wattewölkchen schmücken den azurblauen Himmel. Der Geruch der Lamas weht durch die Luft. Er ähnelt dem von Ziegen und vermischt sich mit dem süßlichen Duft des Grases.

Johannes Nüdling bietet die meisten Touren von März bis November an. Auch Schneewanderungen sind möglich, denn Lamas sind an das Leben in Bergregionen angepasst und leben zum Beispiel in Bolivien auf einer Höhe von bis zu 5000 Metern. „Lamas trinken kaum etwas. Sie nehmen den Großteil der Flüssigkeit, die sie benötigen, über das Gras auf, was sie fressen“, erklärt er. Natürlich nur im Sommer, im Winter bekommen sie Heu, was ihren Flüssigkeitsbedarf nicht deckt.

Wie rauhe, ledrige Tatzen

Kurz bevor die Karawane, angeführt von Chico, eine Wegkreuzung erreicht, ist ein Kratzen zu hören. Es ist Sancho, geführt von Louise, deren blau-rote Bluse mit ihren gezackten Mustern an die traditionelle Kleidung der Inkas erinnert. Der golden-weiße Hengst trabt an den anderen vorbei. Dabei machen seine Krallen auf dem Asphalt Geräusche wie rauhe, ledrige Tatzen. Kein Wunder, denn Lamas sind Schwielengänger. Sie haben keine starren Hufe, wie Pferde oder Rinder, sondern sind mit ihren beweglichen Klauen gut an das Leben im Gebirge angepasst.

Löwenzahn für Estero

Gegen Ende der Wanderung laufen die Lamas immer flotter. Sie wissen, dass ihr Abendessen wartet. Zurück an der großen Weide, nimmt Nüdling seinen Tieren die Sättel ab und führt sie mit Hilfe der Kinder auf die Koppel, wo der Rest der Herde wartet. Dann stapelt Nüdling die Sättel übereinander. Im obersten steckt Löwenzahn. Wahrscheinlich stammt er von Florentina, die „ihren“ Estero während der Tour immer wieder gefüttert hat.

Quelle: F.A.Z.
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