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Lost places-Fotografie

Schockverliebt in ein verlassenes Gebäude in Münnerstadt

Von Anne Draga, Bayernkolleg Schweinfurt
 - 15:13
Lost-Places- Fotografen: Sie besuchen verlassene Orte voller Geschichte Bild: laborproben / Jörg Mühle, F.A.Z.

Was hat dieses Haus erlebt?“ Diese Frage stellt sich das Ehepaar Schikora regelmäßig, wenn es sich in alte, verlassene Gebäude begibt. Mit Fotos fangen die beiden die Ästhetik und Schönheit sogenannter „lost places“ ein. Lost places sind alte Wohnhäuser oder ehemalige Gewerbebetriebe, Heilanstalten oder Lagerhäuser, die seit Jahren oder Jahrzehnten leer stehen. „Wir wollen den Leuten zeigen, dass alte Häuser auch Ästhetik besitzen, gerade wenn der Putz bröckelt und zentimeterdick der Staub herumliegt“, sagt Christine Schikora.

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Die 43-jährige Inhaberin einer Werbeagentur in Münnerstadt kam gemeinsam mit ihrem Partner Oliver Schikora zur Lost-places-Fotografie. Der Ansatz der modernen Fotografie gehörte bei ihr mit zum Grafik-Design-Studium. Er, seit 1992 Redakteur bei der Main Post, hegte eine Faszination für die Fotografie, aber richtig professionell begann er damit nach einem Volkshochschulkurs vor zwölf Jahren. Damals schlugen die Schikoras auch die Brücke von traditioneller Studio-Fotografie zur Lost-places-Fotografie – das Ehepaar suchte ein neues Haus und fand in Münnerstadt ein 1643 erbautes Gebäude, das damals seit 15 Jahren leer stand. „Wir haben uns sozusagen schockverliebt“, sagt Oliver Schikora. Um die Umgestaltung zu dokumentieren, schoss er Fotos vom leeren Gebäude. „Das war im Prinzip der erste lost place, unser erster, eigener lost place“, lacht das Ehepaar.

Ins Jugendstilbad nach Spandau

Da diese Art der Fotografie beide gleichermaßen fesselt, nahmen sie später an einer geführten Tour in Berlin teil. Diese Touren bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, verlassene Orte legal zu fotografieren, ohne sie vorher erst suchen zu müssen. Diese erste Tour führte die beiden nach Spandau in ein altes Jugendstilbad, das auch heute noch oft für Fernsehproduktionen genutzt wird. Das Thema Legalität hat für das Ehepaar oberste Priorität. „Man bricht nicht ein, das möchte man selbst als Besitzer auch nicht – egal, wie lang das Haus leer steht.“ Somit holen sie sich jedes Mal vor der Fotosession die Genehmigung der Eigentümer. Gutes Timing spielt natürlich auch eine große Rolle, viele alte Gebäude sollen abgerissen werden, ohne dass die Chance besteht, sie vorher noch einmal fotografisch festhalten zu können. Glück hatten die beiden bei einem alten Lagerhaus, das, während die Fotos gemacht wurden, schon abgerissen wurde. „Wir haben den Dachstuhl fotografiert, und neben uns sind die Ziegel abgedeckt worden“, berichtet Oliver Schikora.

Die Porzellanfabrik an der tschechischen Grenze

Jedes Gebäude erzählt für sich eine Geschichte, hat eine lebendige Vergangenheit, und das halten die beiden Fotografen mit ihren Bildern fest. „Es sieht teilweise aus, als wären die Menschen von einer Sekunde auf die andere einfach gegangen. Dort liegen Rechnungen und auch Betriebsgeheimnisse offen auf den Schreibtischen herum.“ Dieses Bild bot sich den beiden in einer Porzellanfabrik in Arnsberg an der tschechischen Grenze. „Die ganze Landschaft dort ist schon eher trostlos, aber es war wirklich interessant zu sehen, wie die Menschen solche Orte verlassen.“ Um wirklich gute Bilder zu machen, benötigt man auch entsprechende Ausrüstung. Ein Stativ ist bei der Lost-places-Fotografie wichtig, da durch die oft schlechten Lichtverhältnisse die Kamera eine lange Belichtungszeit benötigt. Und um das Bild dann nicht zu verwackeln, stellt man die Kamera auf ein Stativ.

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Riesige Lüftungsschächte für die Waldluft

Natürlich muss man wissen, welche Einstellungen man an der Kamera verändern muss, um sie den gegebenen Verhältnissen anzupassen, aber für Oliver Schikora ist es nicht die technische Perfektion, die ein Bild ausmacht: „Ich persönlich stelle die Technik eher hinten an, für mich ist es das Motiv, das ein gutes Foto entstehen lässt.“ Das persönliche Highlight der beiden war es, eine Lungenheilanstalt in der Nähe von Beelitz bei Berlin fotografieren zu dürfen. Dort hätte Oliver Schikora „eine Woche lang fotografieren“ können. Die Klinik wurde 1898 errichtet, um vielen Tuberkulosepatienten eine Chance auf Heilung zu bieten. Mit riesigen Lüftungen wurde die gesunde Waldluft eingesaugt und in die Zimmer geleitet. „Das war wirklich hoch spannend, im Keller die metergroßen Lüftungsschächte zu sehen“, sagt Oliver Schikora. Dazu „runde Ecken, alles gefliest“, wie Christine Schikora ergänzt, um die Hygiene für die Insassen zu verbessern. Dort soll in Zukunft ein Kreativ-Zentrum entstehen.

Im Hintergrund hängt das Winnetou-Plakat

„Wenn wir in Gebäude gehen, fotografieren wir zwar unterschiedliche Motive“, erläutert Oliver Schikora, „es gefällt uns aber grundsätzlich dasselbe – wie in Beelitz in der Lungenheilanstalt: Backsteingebäude aus der Gründerzeit, große Fenster, helle, lichtdurchflutete, endlos lange Gänge, große Treppenhäuser, bröckelnde Farbschichten an den Wänden, auch oft Graffiti, manchmal noch hängende Bilder, nicht aufgeräumte Schreibtische, alte Produktionsanlagen, altes Werkzeug. Wir gehen dann auch oft getrennte Wege, weil der eine bei diesem Motiv länger braucht, der andere da etwas gesehen hat. Mich faszinieren Details auch, aber ich setze meist etwas in den Bildmittelpunkt und vermittele im Hintergrund Weite – zum Beispiel das Bild von dem Winnetou-Plakat im Flur in Beelitz, das im Fokus des Bildes steht, im Hintergrund kann man aber erkennen, wie groß und lang der Flur ist.“

Sie geben keine Adressen weiter

In Foren tauschen sich die Fotografen aus, aber es gibt auch schwarze Schafe, die sich unbefugt Zutritt zu Gebäuden verschaffen, fotografieren und die Orte danach verwüsten und zerstören. „Für mich eine unbegreifliche Sache, es ist wirklich traurig, so etwas dann sehen zu müssen“, sagt Christine Schikora. Solche Lost-places-Jäger, die nach dem Foto hetzen, das einzig und allein von ihnen gemacht wurde, werden immer häufiger. Das liegt auch daran, dass Lost-places-Fotografie immer bekannter und beliebter wird. Das Ehepaar Schikora hält sich an die Regeln, keine Adressen weiterzugeben und den Ort in seinem Originalzustand zu belassen. Der Traum von Oliver Schikora wäre es einmal, nach Prypjat, in die Geisterstadt nahe bei Tschernobyl, zu reisen und dort Fotos zu schießen. „Das muss ich aber noch mit meiner Frau ausdiskutieren“, lacht er.

Quelle: F.A.Z.
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