Maskenbildner

Virtuos mit dem Blutpinsel

Von Zita Konthur, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 15:35

In einer ruhigen Nebenstraße in Berlin stehen an einem verregneten Samstagmorgen Lastwagen, Anhänger und Wohnmobile hintereinander. Vereinzelte Frühaufsteher bewegen sich geschäftig zwischen den Wagen. Einige schlürfen müde ihren Kaffee, andere tragen schwere Taschen und Kabel hin und her. Am Gürtel eines Mannes hängt ein riesiger Schlüsselbund, der bei jedem Schritt klirrend den Arbeitsrhythmus anzugeben scheint. Der Base Manager ist verantwortlich für die reibungslose Kommunikation zwischen Base und Set, denn heute wird hier ein Krimi gedreht. Er begrüßt die ankommenden Kollegen und versorgt sie mit Informationen zum Tagesablauf. So empfängt er auch Maskenbildnerin Karla Meirer, die die Stufen zu ihrem Maskenmobil erklimmt.

An der Wiener Staatsoper

Die freiberufliche Maskenbildnerin ist seit mehr als 25 Jahren in dieser Branche tätig. Zunächst erlernte sie den Beruf einer Friseurin. An der Maskenbildnerschule in Köln qualifizierte sie sich zur Maskenbildnerin. Anschließend verfeinerte sie ihre Kenntnisse an der Wiener Staatsoper und am Burgtheater. Ihre lebenslustige Art und ihre positive Ausstrahlung fallen auf, der österreichische Akzent der Tirolerin und ihr ansteckendes Lachen verbreiten gute Laune. Eigentlich wollte Meirer Kunst studieren. „Aber meine Eltern sahen darin keine Perspektive. So war die Maskenbildnerei mein Weg, mich mit Kunst zu beschäftigen“, sagt sie. Anfangs sei es nicht leicht gewesen, in der Filmbranche Fuß zu fassen, aber nachdem sie über einen Schauspieler zu ihrer allerersten Babelsberger Produktion gekommen war, zogen sie immer wieder Kollegen zu ihren Projekten hinzu. „Beim Film ist es ganz wichtig, dass man sich ein Netzwerk aufbaut und Leute kennenlernt, die wissen, wie du arbeitest, so kommt man an Aufträge. Zu einem gut ausgebauten Netzwerk gehören Maskenbildnerkollegen, Regisseure, Produzenten, Produktionsleiter und Schauspieler.“

Silikonhautteile und Heißwickelkästen

Bevor die ersten Schauspieler auf den zwei Maskenplätzen Platz nehmen können, legt Meirer die Utensilien bereit, denn jeder Handgriff muss sitzen und die kalkulierte Zeit unbedingt eingehalten werden, weil sich anderenfalls der ganze Drehablauf nach hinten verschiebt. Das kann gravierende Probleme verursachen, zum Beispiel, wenn mit Kindern gedreht wird, die sich nur eine bestimmte Anzahl von Stunden am Set aufhalten dürfen, oder wenn der Drehort nur für ein paar Stunden verfügbar ist. In einem Maskenwagen steht nur wenig Raum zur Verfügung, der Platz wird effektiv genutzt. In Regalen und Schubladen befinden sich, gut sortiert, pflegende und dekorative Kosmetika, Pinsel in allen Größen, Heißwickelkästen, Filmblut in allen Rottönen, Haarteile und Perücken, Silikonhautteile und vieles mehr. „Wir sind eigentlich auch der Erste-Hilfe-Wagen“, lacht Meirer. „Die Schauspieler kommen herein, und es ist wie ein Wohnzimmer; da ruhen sie sich aus und vertrauen uns alles Mögliche an.“ Als Maskenbildner sei man die erste Anlaufstelle der Schauspieler bei ihrer Verwandlung in die Rolle. Daher müsse man ihre Stimmung auffangen können, damit sie das Maskenmobil mit einem guten Gefühl verlassen und sich auf ihre Rolle vorbereiten können.

Von Anfang an 150 Prozent

Die Arbeit beim Film bringt weitere Herausforderungen mit. Alle paar Wochen muss man sich an neue Teams gewöhnen, denn eine Produktion dauert im Schnitt sechs bis acht Wochen. Bei Bedarf sollte man spezialisierte Kollegen hinzuziehen, zum Beispiel einen Special Effect Make-up Artist. Die Arbeitsmaterialien verändern sich im Laufe der Zeit stark, und man hat nicht immer die Möglichkeit, das Neueste auszuprobieren, daher ist es immer ein Risiko, mit unerprobtem Make-up zu arbeiten. „Egal, unter welchen Umständen, man muss von Anfang an 150 Prozent leisten“, meint Meirer. Erschwerend kämen noch die irregulären und langen Arbeitszeiten hinzu. Die Drehabläufe erfolgten zum Teil unter schweren klimatischen Bedingungen bei Außendreharbeiten oder unter widrigen Voraussetzungen am Set, zum Beispiel bei erhöhtem Sicherheitsrisiko unter anderem auf Hausdächern und in Eisenbahntunneln. „Das geht manchmal körperlich ganz schön an die Substanz.“

Tiefe für das Wundeninnere

Heute Morgen ist Meirer nur für einen Schauspieler zuständig, der eines der Mordopfer im Krimi darstellt. Im Laufe des Tages wird sie noch weitere Schauspieler betreuen, und dabei wird sie von einer anderen Kollegin unterstützt werden. Sie frisiert seine Haare, trägt im Gesicht und an den anderen sichtbaren Stellen leichenblasses Make-up auf und präpariert zuletzt die Schusswunde. Dazu wird ein Prothetic, das ist in diesem Fall eine vorgefertigte Einschusswundenform, an der Schläfe befestigt. Diese wird mit unterschiedlichen Hauttönen übermalt, bis sie sich nicht mehr von der Gesichtshaut unterscheiden lässt. Nun bekommt das Wundeninnere mit Rottönen eine Tiefe, die durch die Schmauchspur am oberen Wundenrand noch verstärkt wird. Um der Verletzung Authentizität zu verleihen, werden Blutspritzer mit einem Pinsel aufgetragen. Nach anderthalb Stunden und vielen einzelnen, kleinen Arbeitsschritten entsteht ein realistisches Gesamtbild.

Ton ab! Kamera ab!

Es klopft. „Noch zehn Minuten bis Drehbeginn“, mahnt der Base Manager. Nach den letzten Handgriffen verlässt der Schauspieler das Maskenmobil. Bevor Karla Meirer ihm an den Set folgen kann, muss sie ihre Tasche mit Utensilien für alle Eventualitäten packen und sich selbst schichtweise ankleiden. Draußen probt der Regisseur mit den Anwesenden die Szene, denn alles muss auf den Punkt genau stimmen: der Text, die Lichteffekte, das quietschend wegfahrende Auto. Zum Schluss werden von allen Abteilungen letzte Korrekturen vorgenommen. Meirer zückt noch mal den Stielkamm und versorgt die Einschusswunde mit frischem Blut. Dann heißt es „Ton ab! Kamera ab! Und bitte!“ Wenn die Szene den Vorstellungen des Regisseurs entspricht, erarbeitet sich das Team die nächste Einstellung. Überhaupt ist der Regisseur aus künstlerischen Gesichtspunkten oft die letzte Instanz, auch für die Maske und andere Gewerke, schließlich will er seine Idee so gut wie möglich auf die Leinwand projizieren. „Einige Spielleiter haben ein klares Bild der Figuren vor Augen, da gilt es, dem so nah wie möglich zu kommen“, erklärt Meirer. „Andere lassen den Maskenbildnern viel Freiraum bei der Entwicklung der Figuren. Dabei schöpfen sie aus dem kreativen Potential von uns Make-up-Artists.“ Als um 20 Uhr das Wort Drehschluss zu hören ist, liegt ein zwölfstündiger Arbeitstag hinter Karla Meirer.

Nun muss sie den nächsten Tag vorbereiten und das Maskenmobil reisefertig machen, das heißt die Pinsel reinigen, alle losen Gegenstände verstauen, die Koffer festzurren und im Drehbuch die Szenen des kommenden Tages durchgehen. Dann ist es geschafft. Dieser Film ist in wenigen Tagen abgedreht. Was kommt danach? „Ich weiß nie, wie das Jahr aussieht, dieser Beruf ist unberechenbar.“

Quelle: F.A.Z.
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