Münchens Alter Peter

91 Meter in die Tiefe und kein Sprung im Weinglas

Von Serafim Bodendorf, Kilian Fatt, Asam-Gymnasium, München
 - 11:44

Joachim Wallner besteigt den Turm des Alten Peter, der ältesten Pfarrkirche Münchens. Die enge Holztreppe knarrt bei jedem Schritt und führt zur Aussichtsgalerie in luftigen 56 Meter Höhe. Durch die schmalen Fenster blickt man auf die Münchner Innenstadt. „Bis nach oben sind es 306 Stufen, aber jeder Besucher, der das nicht glauben mag, kann gerne zum Nachzählen herkommen“, sagt der gesprächige Türmer. „Ich bin Turmverwalter, und alles, was mit dem Turm zusammenhängt, ist meine Aufgabe.“ Das geht vom Ticketverkauf im Kassenhäuschen an der Kirchenmauer bis hin zu Reparaturen. Besonders mag er das Planen und Durchführen von Projekten zur Modernisierung: „Was mir Spaß macht, ist der tägliche Kontakt zu Menschen, immer im Gespräch zu sein.“

Ausschau nach Feinden und Bränden

Wallner war Chemieingenieur. „Ich wollte nicht mehr in der Industrie arbeiten, weniger Druck im Berufsleben haben und stattdessen etwas für die Allgemeinheit tun.“ Da kam es ihm recht, dass ihn seine Frau, die für die Gemeinde arbeitet, auf die freie Selle aufmerksam machte. „Da habe ich gemerkt, dass ich in eine große Familie aufgenommen wurde. Es ist für mich eine große Ehre, hier arbeiten zu dürfen.“ Der Beruf reicht mindestens bis ins 13. Jahrhundert zurück. Früher lebten die Türmer von ihrer Familie getrennt in der Turmstube, einem Zimmer auf der Höhe der heutigen Aussichtsgalerie. Der Türmer musste Ausschau nach Feinden und anderen Bedrohungen wie Bränden halten und das Volk davor warnen.

Vier im Turm, vier an der Spitze

Schon vor der eigentlichen Gründung Münchens im Jahr 1158 gab es Gebäude, wo heute der Alte Peter steht. Die erste urkundlich erwähnte Kirche war eine gotische Basilika im 13. Jahrhundert. Sie war deutlich kleiner und hatte zwei Türme. Seitdem wurde die Kirche mehrmals zerstört und aufgebaut. Heute hat der Alte Peter acht Uhren: Vier im Turm, vier an der Spitze. Der Komiker Karl Valentin erklärte das so: „Ja mei, damit acht Leute gleichzeitig auf die Uhr schauen können.“ In Wirklichkeit war es natürlich anders: Die unteren vier Uhren waren zuerst da. Damals hatte der Turm eine Doppelspitze. 1607 brannte der Turm nach einem Blitzeinschlag ab und wurde mit einfacher Spitze aufgebaut. „Weil das für die Münchner gewöhnungsbedürftig war, hat man als Verzierung vier weitere Ziffernblätter angebracht.“

Teufelswerk oder Westwinde

Jede Ecke strotze vor Geschichten. „Es ist irgendwie eine bayrische Art, alles, was rund um die Kirche passiert ist, in kleine, lustige Anekdoten zu verpacken.“ So soll der Richtmeister nach dem Zweiten Weltkrieg beim Richtfest ein Weinglas von der Turmspitze fallen gelassen haben. Obwohl es 91 Meter fiel, soll es keinen Sprung gehabt haben. Das Glas wird in der Schatzkammer der Pfarrei aufbewahrt. Das Papstkreuz auf der Turmspitze ist nicht wie gewöhnlich ausgerichtet, sondern parallel zum Kirchenschiff. Der Legende nach liegt das daran, dass der Teufel nach einem verlorenen Kampf mit dem Türmer aus Wut gegen das Kreuz getreten haben soll, so dass es sich um 90 Grad drehte. In Wirklichkeit ist es wegen der starken Westwinde gedreht worden. Wallner ist oben angekommen. „Von hier aus hat man den besten Ausblick über die Innenstadt.“ Bei klarem Wetter kann man mehr als hundert Kilometer weit sehen. Gegenüber stehen das Rathaus und die Frauenkirche, im Hintergrund leuchtet das Alpenpanorama.

Quelle: F.A.Z.
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