Obdachlosenhilfe

Wirklich gut gemeint

Von Olivia Nolte, Marion-Dönhoff-Gymnasium, Hamburg
 - 15:38

Achtet darauf, dass die Brötchen gleichmäßig geschnitten sind. Tragt die Butter nicht zu dick auf, das wird sonst viel zu fettig. Und bitte, auf jede Scheibe Käse muss auch eine Weintraube, es soll schließlich nach etwas aussehen. Ach ja, kann schon einmal jemand die Blumensträuße auf die Tische stellen?: Was anmutet wie das Buffet eines 5-Sterne-Hotels ist die Essensausgabe des St. Ansgar e.V. am Nobistor 42. Seit 26 Jahren ist die „Alimaus“ eine Hilfsstation für Obdachlose und Flüchtlinge. Angefangen hat alles mit dem Verteilen von Kuchen und Tee am Hamburger Hauptbahnhof. Später wurde ein alter Zirkuswagen gekauft, der zum Treffpunkt von Obdachlosen, Alkoholikern und Drogenabhängigen wurde. 200 Ehrenamtliche und drei Ordensgemeinschaften sorgen dafür, dass die Bedürftigen täglich zwei Mahlzeiten bekommen.

Sorgfalt bei der Zubereitung ist Gesetz

Es ist kurz vor 10 Uhr. Eilig werden Tulpen geschnitten, eine der vielen Spenden, die die Alimaus täglich empfängt. Sträuße zieren die Holztische. Fünf Sozialpraktikanten richten die Frühstückstabletts her. Heute im Angebot: Weizen-, Roggen- und Mehrkornbrötchen, Laugengebäck, Schinken- und Salamisorten, Marmeladen, eine Käseplatte. Es duftet nach Kaffee und Kakao, leise surrt der Milchaufschäumer. Es ist fast schon meditativ, wären da nicht die lauten Stimmen der Ehrenamtlichen, die ein wenig entnervt den Neulingen erklären, dass man derartig kleingeschnittene Brötchenkrumen wohl nur noch an die Pferde verfüttern kann. Sorgfalt bei der Zubereitung der Mahlzeiten ist oberstes Gesetz. „Die Alimaus möchte wie ein echtes Restaurant wirken, alles soll sauber und gepflegt sein“, erklärt Schwester Clemensa Möller.

Schwester Clemensa sieht darin die einzige Chance

Die 76-jährige Nonne in ihrem Habit leitete die Alimaus 16 Jahre lang. „Es ist die einzige Möglichkeit, all die Bedürftigen daran zu erinnern, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind. Denn das ist das Wichtigste für unsere Gäste: Akzeptanz, Zuneigung. Die einzige Chance, solche Menschen in die Zivilisation zurückzuführen, ist, sie gar nicht erst entfremden zu lassen.“ Leider kennt Schwester Clemensa nur wenige Fälle, bei denen die Resozialisierung tatsächlich erfolgreich war. Dies habe ihr lange Zeit stark zu schaffen gemacht. „Das war ein sehr langer Lernprozess. Es sind nicht alle bereit dazu, es fehlen die Möglichkeiten und vor allem die Willenskraft. Das gilt es zu akzeptieren.“

Unwillig fragt er nach

Um 10.15 Uhr öffnen sich die Tore zum Speisesaal. Herein strömen viele: Manche haben aufgrund des hohen Alkoholkonsums seit mehreren Tagen nichts mehr gegessen, andere verpassen keine Mahlzeit. Ein älterer Herr Mitte 60 krallt sich den Platz am nächsten zur Küche – hier beginnt die Ausgabe des Essens. Seine Haare sind fettig, seine Nase leuchtet rot, die Augen sind aufgequollen. Ungläubig blickt er auf eines der Tabletts, das ihm ein Praktikant reicht. Unwillig fragt er, ob es heute keine Orangenmarmelade gibt, kratzt die Butter herunter und fordert „wenigstens Sahne für den Kaffee!“. Nicht der einzige Extrawunsch, der im Laufe dieses Frühstücks geäußert wird. Auf die Frage, ob den Mitarbeitern die fehlende Dankbarkeit nicht nahegehe, sagt Clemensa: „Man muss einfach genügend Nachsicht und Mitgefühl besitzen, denn die Menschen sind Opfer einer wirklich schweren Situation. Man muss also bereit sein, den Menschen freundlich zu begegnen, selbst wenn diese Herzlichkeit nicht immer im gleichen Ausmaß erwidert wird.“ Nachdem das Frühstücksbuffet um 12 Uhr schließt, beginnt die nächste Mahlzeit um 15 Uhr. Auf der Karte stehen Tagliatelle Funghi porcini oder eine Zucchini-Reis-Pfanne. Zum Nachtisch Blechkuchen und Kaffee, dieses Mal mit Sahne.

Quelle: F.A.Z.
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