Pyrotechnik

Sie lassen es krachen

Von Clemens Engelhardt, Megina-Gymnasium, Mayen
 - 14:49

Laute Musik aus verschiedenen Richtungen, Mikrofondurchsagen und lustvoll-ängstliche Schreie von Menschen, die auf den Attraktionen oben in der Luft stehen bleiben und denen sich mit den Geräten ein und das andere Mal der Magen dreht, Menschen dicht an dicht, dazu der Duft von Backfisch und gebrannten Mandeln, Blinken und Blitzen – Jahrmärkte, wie der alljährlich stattfindende Lukasmarkt in der Eifelstadt Mayen, überfluten die Sinne. Doch am letzten Abend legt sich dort der Trubel für eine Viertelstunde. Um Punkt zwanzig Uhr ist ein Zischen zu hören, dann ein lauter Knall. Die Leute bleiben stehen und drehen sich zur Genovevaburg um, die oben auf dem Felsen über der Stadt thront. Die Fahrgeschäfte drehen die Musik leiser, manche schalten sogar die Beleuchtung aus.

Raketen in den Stadtfarben

Eine weitere Feuerwerksrakete wird aus dem Burginnenhof abgefeuert. Wieder folgt eine lange Pause. „Mehr jit et net!“, scherzt einer der Zuschauer. Dann werden von der Burgmauer die nächsten Raketen abgeschossen und das Feuerwerk nimmt seinen Lauf. Es folgen Fontänen aus Funken, Raketen in den Stadtfarben Rot und Grün, und als am Ende beim großen Finale scheinbar ein Gewitter aus Feuerwerkskörpern hereinbricht, ist die Burg kaum noch zu sehen, denn sie versinkt im Rauch der vielen Raketenabschüsse. Für das Spektakel ist seit mehr als 50 Jahren die Firma „Steffes-Ollig“ mit ihrem Leiter Helmut Reuter verantwortlich. Beim Zusammenstellen der Feuerwerke verlässt der 60-jährige kleine Mann mit Brille und Oberlippenbart sich vor allem auf seine Phantasie und jahrelange Berufserfahrung: „Ich weiß, was gut ankommt und in sich stimmig ist.“ Außerdem wird jedes Feuerwerk speziell auf den entsprechenden Abbrennplatz zugeschnitten.

Den Wali durfte er nicht direkt ansprechen

Doch nicht nur auf Jahrmärkten und Weinfesten in der Region präsentiert er sein Können, sondern er ist auch international gefragt. In Oman, in Kuweit, in Algerien, in Kanada und auf den Philippinen waren seine Feuerwerke schon zu sehen. Dass man in der Welt herumkommt und immer wieder neue Erfahrungen machen kann, macht den Beruf für ihn so spannend. Ein Abenteuer war beispielsweise ein Feuerwerk, das er 1985 in Oman veranstaltete. Um das Feuerwerk an die Abschussstelle zu transportieren, bekam er einen Lkw und einen Fahrer zur Verfügung gestellt. Dieser sprach jedoch nur Arabisch und kein Wort Englisch: „Da muss man sich mit Händen und Füßen verständigen.“ Vor dem Feuerwerk redete Reuter noch mit dem Wali, einem hohen Beamten, den er aber nicht direkt ansprechen durfte. Stattdessen redete er auf Englisch zu einem Übersetzer, der das Gesagte dann ins Arabische übersetzte. Nach dem Feuerwerk jedoch kam der Wali zu ihm und bedankte sich persönlich – in flüssigem Deutsch, denn er hatte in Deutschland studiert.

Eigentlich wollte er Lehrer werden

Ein anderes Feuerwerk, an dem er mitwirkte und das er wegen der gewaltigen Ausmaße in besonderer Erinnerung hat, fand 2012 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Verfassung in Kuweit statt: Die Abschussstelle hatte eine Breite von fünf Kilometern und das Feuerwerk dauerte eine ganze Stunde. Dabei wurden vier Weltrekorde aufgestellt, darunter der für die meisten Feuerwerkskörper zur gleichen Zeit am Himmel. Gegründet wurde die Firma „Steffes-Ollig“ 1868 von Reuters Urgroßvater. Zunächst wurde mit Schwarzpulver für die Schiefergruben in der Vulkaneifel gehandelt und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch andere Sprengstoffe verkauft. Sein Vater war es, der die Idee hatte, Pyrotechnik als zweites Standbein in das Sortiment aufzunehmen. Reuter, der schon als Kind bei den Feuerwerken seines Vaters dabei war, wollte eigentlich Lehrer werden und nebenbei am Wochenende Feuerwerke abbrennen, doch schon während des Studiums stellte er fest, dass sich beides zeitlich nicht vereinen ließ.

Drei Weltmeistertitel im Musikfeuerwerk

So entschied er sich, vollständig in das Feuerwerksgeschäft einzusteigen und es sukzessive auszubauen. Als er im Jahr 1985 die Leitung der Firma im Pyrotechnik-Bereich übernahm, veranstaltete die Firma 50 Feuerwerke im Jahr, inzwischen sind es 300. Das Familienunternehmen bietet heute neben dem Abbrennen von Feuerwerken auch Aus- und Weiterbildungslehrgänge für Pyrotechniker an und verkauft zu Silvester auch Pyrotechnik zum Selbstzünden. Neben seinem Sohn und seiner Frau, die fest angestellt sind, beschäftigt Reuter noch 35 nebenberuflich angestellte Mitarbeiter. Auch bei Wettbewerben ist Reuter mit seiner Firma erfolgreich und gewann unter anderem drei Weltmeistertitel im Musikfeuerwerk und zwei im Feuerwerk. Während bei einem normalen Feuerwerk einzelne Sequenzen per Knopfdruck nacheinander ausgelöst werden, wird bei einem Musikfeuerwerk der gesamte Ablauf in einem speziellen Computerprogramm erstellt, das es ermöglicht, die Musik und die Abschüsse auf Zehntelsekunden genau zu timen und abzuschießen. Gut geeignet sind klassische Musik, aber auch aktuelle Lieder, sie sollten dem Zuschauer auf jeden Fall schon bekannt sein, um möglichst viele Emotionen zu wecken.

In einem besonderen Bunker gelagert

Eine Jury bewertet das Feuerwerk nach bestimmten Kriterien wie Synchronität oder wie gut der Ablauf ist. Für Reuter steht fest: „Ein Musikfeuerwerk steht und fällt mit der Beschallung. Wenn der Zuschauer die Musik nicht hört, versteht er das Feuerwerk nicht.“ Anders als manche Konkurrenten probiert er bei einem Musikfeuerwerk nicht, jeden Ton mit einem einzelnen Schuss zu treffen, da das auf Dauer auch langweilig werde. Vorsicht im Umgang mit den Feuerwerkskörpern besteht auch nach jahrelanger Berufserfahrung noch. Das explosive Gut wird in einem besonderen Bunker gelagert und hinter seinem Haus gibt es Arbeitsräume, wo die Feuerwerke vorbereitet werden, die spezielle Dach- und Wandkonstruktionen haben, um im Falle einer Explosion nicht einzustürzen. „Man muss sich immer im Klaren darüber sein, man arbeitet da mit Schwarzpulver, und Schwarzpulver ist eben nicht Murmelspielen“, warnt Reuter.

Competition auf den Philippinen

Auch 2018 wird Reuter mit seinen Feuerwerken wieder für offene Münder sorgen, sei es auf dem Lukasmarkt in Mayen oder bei der International Pyromusical Competition auf den Philippinen. Auch wenn das Feuerwerk nicht jedes Jahr komplett neu erfunden werden kann, gibt es immer wieder neue Effekte oder Kombinationen, die man einsetzen kann. Reuters Ziel ist: „Ich möchte immer alle Möglichkeiten ausschöpfen, die es gibt, ein Feuerwerk zu machen.“

Quelle: F.A.Z.
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