Quidditch

Besen hoch, tönt es durch den Park

Von Julia-Katharina Schiller, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 13:10

Romanbestseller wirken oft in die reale Welt hinein. So auch Harry Potter und der Kosmos von J.K.Rowlings Zauberinternat Hogwarts. „Besen hoch“, tönt es durch den Park am Gleisdreieck in Berlin. 14 junge Erwachsene sind zum Quidditch-Training angetreten. In jedem Band der Reihe markiert das Quidditch-Turnier der rivalisierenden Zauberklassen einen Höhepunkt des Schullebens. Dabei fliegen die Zauberschüler auf ihren Besen durch ein Stadion und versuchen einen Zauberball, den Schnatz, zu erjagen, während sie Bälle durch Ringe werfen, um Punkte zu erzielen, und den Angriffen verzauberter Eisenkugeln ausweichen. Was sich schon schwierig anhört, ist in der Realität noch viel schwieriger, denn die 14 jungen Leute sind keine Zauberer, sondern Muggel, wie im Roman alle Nichtzauberer genannt werden. Für sie kommt das Fliegen nicht in Betracht. Sie müssen auf dem Boden bleiben. Märchenhaften Spaß haben sie trotzdem: „Mir macht Quidditch so viel Spaß, weil es Elemente von Völkerball, Handball und Rugby beinhaltet. Da ist auf dem Feld immer viel los“, lacht Julia Frieling. Die 24-Jährige gründete vor vier Jahren mit zwei Freunden die erste deutsche Quidditch-Mannschaft in Frankfurt. Als sie aufgrund ihres Studiums nach Berlin zog, gründete sie den ersten Berliner Verein, die „Bluecaps“. „Ich wollte nicht ohne den Sport sein“, erzählt die blonde Produktionsassistentin.

Den „Schnatz“ fangen

Beim Quidditch gibt es in jedem Team sieben Spieler auf dem Feld, die in unterschiedlichen Positionen spielen. Am Ende der jeweiligen Spielseite sind Ringe auf Stangen angebracht, die als Tor fungieren. Es gibt drei Stürmer oder Jäger in einem Team. Diese Jäger versuchen den Ball, den Quaffel, durch die Ringe des gegnerischen Teams zu werfen. Der Verteidiger oder Hüter des gegnerischen Teams bemüht sich, den Wurf abzuwehren. Wenn die Jäger den Ring treffen, bekommt ihre Mannschaft zehn Punkte. Währenddessen versuchen zwei weitere Spieler, die Treiber, die Gegenspieler mit einem Ball, dem Klatscher, abzuwerfen. Wenn ein Spieler abgeworfen worden ist, darf er erst nachdem er zu einem der eigenen Ringe gerannt ist und diesen berührt hat, wieder aktiv am Spiel teilnehmen. Parallel zu diesem Spielgeschehen versucht ein Sucher den „Schnatz“ zu fangen. Dies ist der in Rowlings Roman herumfliegende, goldene Ball. Im Muggel-Quidditch übernimmt diese Rolle ein in Goldgelb gekleideter Spieler, der eine mit einem Tennisball gefüllte gelbe Socke an seinen hinteren Hosenbund geklemmt hat und vor dem Sucher wegrennt. Wird der Schnatz gefangen, ist das Spiel vorbei und das Team mit den meisten Punkten gewinnt. Der gefangene Schnatz bringt der Mannschaft weitere 30 Punkte.

Krafttraining im Winter

Erschwert wird das Spiel durch das Element des Besens. Aus aerodynamischen Gründen und zur Sicherheit wird kein echter Besen genutzt, sondern eine Stange, die stets zwischen den Beinen der Spieler bleiben muss, was das Werfen, Fangen und Rennen erschwert. „Wir machen uns beim Training zu Beginn alle zusammen warm und gehen dann in unsere Positionen“, erklärt Julia. Die Hüter üben das gezielte Abwerfen und Fangen, weil sie auch im Spiel Gegner abwerfen. Die Jäger trainieren, Tore zu werfen und zu passen. Am Ende üben alle die strategischen Spielzüge und wenden das Geübte an. Im Winter gibt es Kraft- und Ausdauertraining, weil im Dunkeln die Bälle nicht mehr zu sehen sind. Deshalb hoffen die Bluecaps auf einen beleuchteten Platz. Bislang trainieren sie zwei bis dreimal wöchentlich im Park am Gleisdreieck. Zusätzlich findet sonntags das große Training für alle Mitspieler statt.

Nationalmannschaft mit Amateuren

Als Zuschauer muss man sich in das Spiel hineinfinden, da viel zeitgleich innerhalb und außerhalb des Feldes passiert. Mitten im Getümmel ist Tara Jamali. Die 18-Jährige kam vor drei Jahren zum Quidditch. Sie will Biowissenschaften studieren. Bis zum Studienbeginn bewirbt sie sich bei der Quidditch-Nationalmannschaft: „Ich mache in diesem Pausenjahr das, was ich später nicht mehr machen kann.“ Sie habe die Spieler der Nationalmannschaft schon immer bewundert, sich aber nie vorstellen können, dabei zu sein, da das Niveau so hoch sei. Von vielen Seiten ermutigt, wagt sie es. Die Nationalmannschaft besteht nur aus Amateuren. Alle vier Wochen wird trainiert. Dafür muss man sich freinehmen. Geld bekommt man nicht, allein der Spaß ist der Lohn. Die jüngste Weltmeisterschaft fand 2016 in Frankfurt statt. Australien ging von den 21 teilnehmenden Mannschaften mit insgesamt 350 Spielern als Quidditch-Weltmeister hervor. Australien und die Vereinigten Staaten, die beiden Finalisten, galten als Favoriten, da der Sport dort schon seit 2005 gespielt wird.

Mit Gender-Quote und Teamgeist

Überdies gibt es die deutschen Quidditchspiele. Wer diese gewinnt, qualifiziert sich für die europäischen Quidditchspiele. Mittlerweile gibt es über 30 Quidditch-Vereine in Deutschland. „Quidditch ist ein revolutionärer und progressiver Sport, da er mit gemischten Mannschaften gespielt wird“, sagt Tara. Es gibt eine Gender-Quote, so dass immer ungefähr gleich viele männliche und weibliche Personen auf dem Feld sind. „Dadurch gibt es einen super Teamgeist“, schwärmt Julia. 21 Spieler umfasst das Team der „Bluecaps“. „Viele kommen wegen Harry Potter, aber bleiben wegen Quidditch“, sagt Julia, bevor sie zurück aufs Spielfeld geht.

Quelle: F.A.Z.
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