Rechtsmedizin

Der Knochenjob kommt bei Frauen gut an

Von Danielle Kallenborn, Ludwigsgymnasium, Saarbrücken
 - 10:00

Temperance Brennon kniet über einer Leiche mitten auf der Straße. Um sie herum hetzen Polizisten, das Absperrband flattert im Wind. Sie geht rational und analytisch vor. Auf ihrem Gebiet ist sie mit Abstand die Beste und wird von vielen Experten um Rat gebeten. Brennon, besser bekannt unter ihrem Spitznamen „Bones“, ist die Hauptfigur der gleichnamigen Fernsehserie, gefeierte forensische Anthropologin und für viele Frauen ein Vorbild. Der Alltag in der Rechtsmedizin ist für Außenstehende dagegen eher ernüchternd. Dennoch zieht es viele junge Mediziner, Biologen oder Toxikologen in diesen Bereich.

Sie macht DNA-Abgleiche

Die Rechtsmedizin in Homburg befindet sich in einem grauen Gebäude am Rande des Universitätsklinikums. Tritt man durch die Tür, erwartet einen ein schlichter Eingangsbereich; im Obergeschoss sind die Labore. Es laufen keine aufgeregten Wissenschaftler mit wehenden Labormänteln durch die Flure, auch gibt es keine großen Hallen, in denen mehrere Leichen nebeneinander aufgereiht untersucht werden. Im Institut arbeiten viele Frauen. Sabine Cappel-Hoffmann ist eine von ihnen. Sie ist Biologin und beschäftigt sich hauptsächlich mit DNA-Abgleichen. „Wir führen Analysen für die Kriminalpolizei durch. Es geht zum Beispiel um die Identifizierung von Leichen, wenn dies durch auffällige äußerliche Körpermerkmale wie ein Tattoo oder Ähnliches nicht möglich ist“, erklärt sie. Die Faszination für die Rechtsmedizin entstand bei ihr ebenfalls durch die Medien. Das dort gezeigte Rollenvorbild der klugen und schlagfertigen Rechtsmedizinerin scheint seine Wirkung zu zeigen.

Probe im Wunderschrank

Dass die Realität anders aussieht, weiß sie mittlerweile aus eigener Erfahrung nur zu gut: „Einmal kam eine Polizistin und meinte, ich solle die Probe in meinem Wunderschrank machen und sie hätte dann schnell ein Ergebnis. Als ich ihr sagte, dass dies nicht möglich sei, meinte sie, sie würde einfach ins Fernsehen gehen, ,weil da geht das ja‘.“ Es ist Cappel-Hoffmanns letzter Tag, zumindest für die nächsten zwei Monate. Sie erwartet ein Kind, ihr erstes und steht nun vor der großen Aufgabe, Familie und Beruf zu vereinen. Laut einer bundesweiten Umfrage aus dem Ärzteblatt legen 97 Prozent aller Medizinstudenten einen großen Wert auf ein harmonisches Zusammenspiel der beiden Bereiche. In der Realität ist dies jedoch nicht immer leicht umzusetzen.

Toxikologin in Homburg

„In Deutschland muss man sich leider oft noch entscheiden für Familie oder Job“, wirft Anna Kiefer ein. Die Ärztin ist 27 und arbeitet seit anderthalb Jahren im Institut. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit der Identifikation von Leichen. Aber nicht nur die Obduktionen sind Arbeitsalltag der Rechtsmediziner. Auch einfache Gutachten bezüglich der Fahruntüchtigkeit oder Schuldfähigkeit aufgrund von Alkohol müssen erstellt und vor Gericht vertreten werden. Nadine Schäfer arbeitet als Toxikologin im rechtsmedizinischen Institut in Homburg. „Wir führen neben den Drogentests oder Ähnlichem auch toxikologische Untersuchungen von Leichen durch. Besonders faszinierend finde ich, wie manche Heilmittel in höheren Dosen tödlich wirken können. Aus diesem Grund habe ich vermutlich auch von der Pharmazie in die Rechtsmedizin gewechselt.“ Nadine Schäfer arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt. Viel Raum für Hobbys oder Familie bleibt nicht.

Ungeplant im OP einspringen

Im Vergleich zu anderen Teilbereichen der Medizin ist die Rechtsmedizin jedoch kinderfreundlich. Als Chirurgin zum Beispiel muss man oft ungeplant im OP einspringen. „Die Rechtsmedizin ist deutlich entspannter. Gutachten kann man im Büro erstellen, und Obduktionen oder Ähnliches sind eigentlich immer angekündigt“, sagt Kiefer. Birgit Klemmer ist 39 Jahre, hat selbst zwei Kinder und arbeitet ebenfalls als Biologin. „Als Biologin ist es nicht so einfach, einen Job zu finden. Vor dem Studium bedenkt man das oft nicht. Ich habe Biologie gewählt, weil es das ist, was mir gefällt und Spaß macht.“ Viele Berufe, die studierte Biologen anstreben, sind mit einer Familie nicht vereinbar. Als Pharmavertreterin durchs Land zu reisen oder mit Zeitarbeitsverträgen von Projekt zu Projekt zu springen, das ist mit kleinen Kindern fast unmöglich. „Wenn der Papa erst spätabends nach Hause kommt, nur kurz gute Nacht sagt und morgens direkt nach dem Frühstück wieder arbeitet, ist das für viele Familien in Ordnung, umgekehrt aber ist das immer noch undenkbar“, fügt Kiefer hinzu.

Misshandlungen frühzeitig aufdecken

Aber der Familienwunsch ist nicht der einzige Grund, warum vermehrt Frauen in der Rechtsmedizin arbeiten. In der Rechtsmedizin werden nicht nur Tote obduziert, es werden auch Gewalttaten dokumentiert und körperliche Untersuchungen auch an lebenden Opfern durchgeführt. Überwiegend handelt es sich dabei um Frauen und Kinder. Für sie ist es oftmals leichter, sich einer Frau anzuvertrauen, denn es kostet ohnehin große Überwindung, wegen einer Gewalttat Anzeige zu erstatten. Verschiedene Initiativen, in denen das Institut für Rechtsmedizin mitwirkt, wie die „KinderSchutzGruppe“ und das Projekt „Sexuelle Gewalt hinterlässt Spuren“ versuchen diesen Schritt zu erleichtern und Misshandlungen frühzeitig aufzudecken. So ist es für Opfer zum Beispiel möglich, ihre Verletzungen dokumentieren zu lassen und erst später eine Anzeige zu erstatten. Die Entscheidungsmacht bleibt beim Opfer, was ihm Vertrauen und Sicherheit gibt.

Zielstrebige Bewerberinnen

„Der Frauenanteil in der Rechtsmedizin ragt wie ein Leuchtturm aus der Menge heraus“, sagt Peter Schmidt. Er ist Leiter des Instituts und freut sich über die hohe Frauenquote. Die Zusammenarbeit unter den Mitarbeitern wirkt entspannt. Vielleicht ist der hohe Frauenanteil auch auf die steigende Anzahl an Medizinstudentinnen zurückzuführen. „Dieses Thema wird noch immer kontrovers diskutiert. Natürlich gibt es mehr weiblichen Nachwuchs, aber die Bewerberinnen sind auch oft sehr zielstrebig und qualifiziert“, versucht der Professor zu erklären. Zwei Drittel der Studienanfänger sind mittlerweile weiblich. Nach oben, also auf der Chefarzt-Etage, wird das Feld allerdings wieder etwas dünner. Aber auch hier sticht die Rechtsmedizin hervor. In Kiel, Münster, Düsseldorf, Mainz, Heidelberg, Jena, Dresden und Greifswald sind Frauen Leiterinnen der universitären rechtsmedizinischen Institute, acht von 28 Führungspositionen an Universitäten sind mittlerweile also mit Frauen besetzt. Das sind 28,6 Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil der Frauen in den Vorständen von börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt deutlich unter zehn Prozent. In der Rechtsmedizin gibt es nicht nur Ärzte, sondern Biologen, Toxikologen, MTAs, Sekretäre, Präparatoren und Doktoranden: Frauen arbeiten erfolgreich in allen diesen Bereichen und beweisen, dass es sich bei der Rolle der taffen Rechtsmedizinerin nicht nur um einen Fernsehmythos handelt.

Quelle: F.A.Z.
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