Restauratoren

Damaskus-Zimmer in Dresden

Von Nicole Hollmann, Romain-Rolland-Gymnasium, Dresden
 - 14:19

Eine dunkle Kammer, die nur von einer flackernden Glühlampe erleuchtet wird; stilles Pinseln über einem eingestaubten Gemälde oder Frauen, die in weißer steriler Kleidung in einem abstoßend kalten Raum versuchen, Scherben wieder zusammenzusetzen. „Ganz im Gegenteil!“, sagt Anke Scharrahs, eine Frau mit kurzem dynamischen Haarschnitt, in rotem Kleid und schwarzen Stiefeln, und deutet mit einer ausladenden Bewegung um sich. „Es gleicht viel mehr einer Zeitreise in die Vergangenheit und eine andere Kultur.“ Auch der Arbeitsplatz der Restauratorinnen in Dresden neigt nicht zum angestaubten Klischee: Mit den hohen Decken und den weiß gestrichenen Steinwänden des Japanischen Palais an der Elbe, durch dessen riesige Fenster warmes Licht hereinflutet und man eine inspirierende Aussicht auf die grün schillernden Elbwiesen hat, vermitteln die hellen Räumlichkeiten eine ruhige Atmosphäre. Im Atelier reihen sich Tische an Tische, auf denen alte Wandvertäfelungen liegen, während spanische Musik den Raum erfüllt. Die Restauratorinnen, über Fragmente gebeugt, besprechen ihre Vorgehensweise bei der weiteren Bearbeitung der floralen Ornamente.

Völkerkunde und dann viele Praktika

Auch Karoline Friedrich, eine in Jeans und schwarze Bluse gekleidete Frau mit wachem Blick und lockigen hellbraunen Haaren, ist freiberufliche Restauratorin und arbeitet meist über projektgebundene Verträge für Institutionen, wie etwa das Museum für Islamische Kunst oder die Staatlichen Kunstsammlungen, und für Privatpersonen. Seit 15 Jahren ist sie als Restauratorin tätig und arbeitet derzeit mit ihren vier Kolleginnen, darunter die leitende Restauratorin Scharrahs, an der Restaurierung des Damaskus-Zimmers, eines Wohnraum aus Damaskus. Besonders daran sind die reichverzierten Wand- und Deckenvertäfelungen, wie sie bis heute in den Empfangsräumen Westasiens zu finden sind. „Ich bin sozusagen ein Quereinsteiger in meinem Beruf“, erklärt Friedrich lächelnd und fügt hinzu, dass sie nicht den klassischen Weg des fünfjährigen Diplomstudiums gewählt habe. Stattdessen hat sie zuerst Völkerkunde studiert, anschließend über Praktikumsstellen und Lesungen an der Kunsthochschule viele Eindrücke im Gebiet der Restaurierung gesammelt und sich hochgearbeitet. Die Praxis spielt eine große Rolle, denn man braucht nicht nur ein breites Wissensspektrum in der Kunsthistorik und der Materialienlehre, sondern sollte auch eine gewisse Erfahrung in der handwerklichen Arbeit, wie sie beispielsweise Holzwerkstätten besitzen. Sowohl Friedrich als auch Scharrahs, die sich über verschiedene Praktika wie in einer Restaurierungswerkstatt bis zum Studium an der Hochschule für Bildende Künste im Fach Restaurierung mit Spezialisierung für polychrome Holzobjekte hocharbeitete, sind freiberuflich tätig. Sie haben einen flexiblen Arbeitsablauf, der mit festen Zeiten, die durch manche Objekte gefordert sind, abwechseln kann.

Manchmal reicht eine leichte Retusche

Für eine gelungene Arbeit ist vor allem Zweierlei: Geduld und Erfahrung. „Es erfordert natürlich auch einiges an Fingerspitzengefühl und genauer Beobachtung, um beispielsweise eine ungewollte Reaktion der Materialien zu vermeiden und schnell umzudenken.“ Friedrich deutet zu den Tischen mit den Wandfragmenten. Sie ist dabei, lockere Farbschollen auf dem Holz wieder anzukleben und die Staub- und Schimmelbeläge zu entfernen. Des Weiteren werden weiße Fehlstellen in sorgfältiger Kleinarbeit mithilfe von spitzen Pinseln und reversiblen Farben retuschiert; während fehlende Holzverbindungen ergänzt werden müssen. „Es ist eine große Herausforderung, denn ohne Besonnenheit und Wachsamkeit wäre die Arbeit auf eine solche Art und Weise gar nicht möglich“, sagt sie. Jedes Objekt erfordert eine spezielle Entscheidung, wie mit diesem verfahren werden soll. Anhand der vorherigen Ausstellungsbedingungen der Exponate wird entschieden, ob eine leichte Retusche reicht oder ob eine tiefgründigere Arbeit angesetzt werden muss. Beim Großprojekt des Damaskus-Zimmers handelt es sich um eine Entscheidung, die von Objekt zu Objekt fällt, erklärt Scharrahs, international führende Expertin für osmanische Zimmer und Initiatorin der Restaurierung. 1899 gelangte das Zimmer durch Karl Ernst Osthaus nach Deutschland und wurde nach seinem Tod dem Dresdner Völkerkundemuseum geschenkt und vergessen. Erst ein Jahrhundert später fand man es wieder und übergab es zur Restaurierung. Scharrahs arbeitet seit 20 Jahren an dem Projekt. „Natürlich handelt es sich dabei um eine lange Zeitspanne, in der es Schwierigkeiten wie Hochmomente gibt. Doch ich weiß, dass die Arbeit und die vielen Stunden nicht umsonst waren. Mit anderen Worten: Ich freue mich schon auf die Vollendung des Zimmers“, sagt die 48-Jährige zuversichtlich. „Das Zimmer ist für mich mittlerweile wie mein drittes Kind.“

Rat unter Kollegen oder Lektüre von Diplomarbeiten

Doch wie verfährt man bei einem Fehler? Etwa, wenn die gewählte Temperafarbe nicht dem originalen Farbton entspricht, oder der Farbauftrag das zu restaurierende Objekt beschädigt oder verfremdet? In der Regel besitzt man dank der Vorgehensweise genug Zeit, eine ungewollte Reaktion der Materialien zu erkennen und zu vermeiden. Dann berät man sich mit Kollegen oder liest Diplomarbeiten, die sich mit einem ähnlichen Objekt oder Material beschäftigt haben. „Aber ehrlich gesagt, handelt es sich dabei um eine Idealvorstellung. Denn Fehler sind nun mal eben menschlich“, bemerkt Friedrich. Und wenn es dazu kommt? „Dann bewahrt man Ruhe: denn reparieren kann man alles“, lacht sie. „Schließlich sind wir wie Kosmetiker. Fehler machen wir wieder unsichtbar.“

Quelle: F.A.Z.
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