Salonorchester

Swingend in die Zwanziger

Von Sarah Röhl, Gymnasium Traben-Trarbach
 - 11:03

Frauen im eleganten Charleston-Kleid und Männer komplett in Schwarz mit weißer Fliege, dazu weiche Geigenklänge mit Saxophonen, Trompeten, Posaunen, einem Klavier, einem Kontrabass und dem sanften Klang eines Schlagzeuges, das zu Beginn mit den Stöcken allein das Tempo vorgibt. Der eigene Fuß beginnt langsam mitzuwippen, der Kopf nickt im Takt der Musik mit, und man verspürt den Wunsch, einen Swing, Tango oder Foxtrott zu tanzen. Den schwungvollen Melodien lauschend, fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt, in der man fröhlich an einem warmen Tag einen Spaziergang am Fluss unternimmt. Wenn Sie genau dieses Gefühl erfahren, befinden Sie sich gerade in einem Konzert des Casino-Salon-Orchesters Traben-Trarbach, einem 14-köpfigen Ensemble, das sich auf die Unterhaltungs- und Tonfilmmusik der 20er bis 40er Jahre spezialisiert hat. Im Jahr 1978 zog der pensionierte Berufsmusiker Karl Bormann nach Traben-Trarbach und hinterließ seiner Frau nach seinem Tod den Notenbestand seines ehemaligen Orchesters – Noten, die er zum Teil selbst von Hand mit Tusche abgeschrieben hatte. Diese gab die rund 150 Stücke an Musikerkollegen ihres Mannes aus dem Musikverein Traben-Trarbach weiter. Aber niemand konnte etwas mit den musikalisch anspruchsvollen und für eine besondere Besetzung mit sowohl Streichern als auch Blechbläsern ausgelegten Arrangements anfangen, und so wanderte die Notenkiste von Keller zu Keller.

Saxophon vom Flohmarkt an der Mosel

Wenn die Stücke nicht so wertvoll gewesen wären, wären sie möglicherweise schon an diesem Punkt im Altpapier gelandet. Doch fielen sie eines Tages dem Saxophonisten Jürgen Kullmann in die Hände. Der musikbegeisterte Restaurator, der zuerst auch nichts mit den Schätzen anfangen konnte, sah durch Zufall auf einem Flohmarkt an der Mosel ein altes Saxophon, das ihn völlig in seinen Bann zog. Mit dem faszinierenden Instrument in den Händen und dem Wissen um die Noten entwickelte sich plötzlich eine Idee: „Ich hatte so ein grobes Gefühl, dass die Zeit gekommen war, um diese Musik wiederaufleben zu lassen“, sagt Jürgen Kullmann. Daraufhin rief er Musikfreunde aus dem Umkreis bis Trier aus den verschiedenen Gruppen, in denen er bereits aktiv gewesen war, an und lud sie zu einer Probe ein.

Fasziniert von den Arrangements

Während er sich schon ziemlich genau vorstellen konnte, dass aus dem Ganzen etwas komplett Neues und Spannendes entstehen könne, waren viele erst noch skeptisch. Jochen Wiedemann, der erste Trompeter des Ensembles und Lehrer, erinnert sich daran, wie er zu Beginn einer dieser Skeptiker war. Spätestens nach der zweiten Probe war für ihn jedoch vollkommen klar, dass er dabeibleiben würde. Alle waren von der Musik und den Arrangements so fasziniert, dass sie sich der musikalischen Herausforderung stellten und im Frühjahr vor sieben Jahren das Casino-Salon-Orchester Traben-Trarbach gründeten. Der Name ist ein Dankeschön an die Casino-Gesellschaft Traben-Trarbach, die dem Ensemble seinen ersten Proberaum mit einem Klavier zur Verfügung stellte.

Ein viel weicherer, dezenterer Klang

Schritt für Schritt wurden die ersten Hürden überwunden: der Klangausgleich zwischen Kontrabass, Klavier und den Streich- und Blechblasinstrumenten wurde ausgesteuert. Aufnahmen der Zeit wurden analysiert, um sich über die Merkmale der Stilistik wie das binäre oder ternäre Spielen von Achteln einig zu werden. Die Lautstärke des Schlagzeugs wurde durch spezielles Equipment runtergefahren. Einige Musiker schafften sich im Laufe der Zeit sogar Originalinstrumente an, um dem Klang der damaligen Zeit näher zu kommen. Jürgen Kullmann, der im Orchester sowohl Altsaxophon als auch Klarinette spielt, beschreibt den Klang seines alten Instrumentes als „viel weicher und dezenter im Vergleich zu einem modernen“ und erklärt sich dieses Phänomen durch „den anderen Bau des schmaleren Instrumentencorpus und des Mundstücks. Der Klang eines modernen Saxophonmundstücks würde beim Zusammenspiel so herausstechen, dass es gar nicht mehr zusammenklingt.“

Konzentration und physische Anstrengung

Was jedem im Publikum bei Konzerten des Orchesters sofort auffällt, ist die Tatsache, dass das Ensemble ohne Dirigent spielt. Auf die Frage, wie man sich demnach eine Probe vorstellen kann, erklärt Kullmann, dass es zu Beginn noch mit gemeinsamen Überlegungen ablief, weil sich niemand der Aufgabe annehmen wollte. „Letztendlich hat es sich herauskristallisiert, dass mir die Rolle der Probenleitung dann irgendwie aufgedrückt wurde.“ Diese musikalische Leitung vom Orchesterpult aus bezieht sich jedoch nur auf die Proben.

Denn bei diesem Orchester ist keiner verzichtbar. Jeder hat seine eigene Stimme. „Das erfordert sowohl sehr viel Konzentration als auch physische Anstrengung, um vom Ansatz her genau den vermittelnden Klang zu erzielen, den jedes Instrument in dieser kleinen Besetzung beitragen muss“, betont Trompeter Wiedemann. Daraus ergeben sich aber auch organisatorische Herausforderungen. „Es ist immer schwieriger, bei einer Besetzung mit immer nur einfach vergebenen Stimmen Termine zu finden, weil man wirklich auf jeden Einzelnen angewiesen ist.“ Aus diesem Grund gebe es auch maximal sechs Konzerte im Jahr und nur zwei Proben im Monat.

Mit einer Sopranistin und Ärztin

Was die Musiker dazu motiviert, sich immer wieder zu treffen, sind auch die immer neu auftauchenden kleinen Hürden. Denn wie klingt bitte „Musik im Hut“? Die Bezeichnung „im Hut“, die bei mehreren Stücken in den Noten der Trompeten und Posaunen auftaucht, ließ sie rätseln. Auf Orchesterbildern der 20er Jahre konnten sie schließlich erkennen, dass jene Musiker wirklich besondere Hüte als Art Schalldämpfer benutzten, bei denen dem Klang des Tones Lautstärke und Schärfe genommen wird. Seit 2012 wird das Orchester durch die Sopranistin Stefanie Zang unterstützt. Von ihren Musikerkollegen als Glücksgriff bezeichnet, verzaubert die Ärztin mit ihrer gefühlvollen Stimme, die den Texten der damaligen Zeit auch heute noch besonderen Ausdruck verleiht. Außer der Verstärkung der Stimme durch ein Gesangsmikro und einem alten Röhrenverstärker verzichtet das Orchester komplett auf den Einsatz von Technik. Dies macht die Wirkung der Musik umso intensiver, hat aber auch zur Folge, dass der Zusammenklang vollkommen in der Hand eines jeden Musikers liegt und ständig zu präzisieren ist. So kann das 14-köpfige Ensemble nicht überall spielen und muss sich immer auf die akustischen Verhältnisse eines jeden Veranstaltungsortes einstellen.

Quelle: F.A.Z.
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