Schäfer

Die Hütearbeit richtet sich nach dem Appetit der Schützlinge

Von Jessica Greif, IGS Gerhard Ertl, Sprendlingen
 - 11:00

Die Wanderwege am Mombacher Waldfriedhof sind an sonnigen Tagen ein beliebtes Ausflugsziel für viele Mainzer. Bei schlechtem Wetter findet kaum jemand den Weg dorthin. Nur der Schäfer Andreas Stier trotzt auf einer Lichtung mitten im Wald jeder Witterung. Sein Hut und seine Kleidung sind bereits durchnässt, dennoch hütet der 22-jährige blonde junge Mann unbeirrt seine Herde, bestehend aus 511 Schafen und einigen Ziegen. Treu zur Seite steht ihm dabei der vier Jahre alte Hütehund Rex, der die Herde zusammenhält.

Sie pflegen das Naturschutzgebiet

Der Schäfer sorgt im Auftrag des Landes für die Beweidung von insgesamt 250 Hektar Fläche. Da es sich dabei fast ausschließlich um Naturschutzgebiet handele, müsse darauf geachtet werden, dass die Tiere lediglich ausgewählte Pflanzenarten abgrasen. Während sich die Landschaftspflege zunehmend als wichtigstes Standbein der Schäferei etabliert, rücken andere Einnahmequellen wie der Verkauf von Fleisch oder Schafsfellen in den Hintergrund. Der Kilopreis der Schafwolle sei mit 1,40 bis 1,60 Euro kaum rentabel, schwarze Wolle würde gar nicht weiterverwertet und gelte als Abfall. Stier kümmert sich um das Wohlbefinden der Tiere, betreut kleinere Verletzungen und betreibt Klauenpflege. Die Hütearbeit beginnt für ihn gegen neun Uhr und richtet sich nach dem Appetit seiner Schützlinge, die rund acht Stunden des Tages zur Nahrungsaufnahme nutzen. Zur Winterzeit werden die anfallenden Arbeiten im heimischen Stall in Oberwiesen im Donnersbergkreis ab sieben Uhr in der Frühe verrichtet. Er füttert die Tiere, die sich in einem Laufstallsystem frei bewegen, und reinigt die Stallung.

Haustierrasse aus Österreich

Eine geregelte 40-Stunden-Woche ist im Traditionsberuf des Schäfers die Ausnahme, die Vergütung spärlich: Etwa 90 Prozent der Schäfermeister arbeiten wie Andreas Stier selbständig und beziehen ihre Löhne von öffentlichen Geldern und EU-Subventionen, abhängige Angestellte verdienen monatlich rund 1000 Euro brutto. Hobbyschäfer Hans-Jörg Harth aus Sprendlingen ist weniger stark von Dienstleistungszahlungen abhängig. Der 71-Jährige, zu Erwerbszeiten selbständiger Fliesenleger, hat seine Leidenschaft für die Schäferei vor 33 Jahren durch einen Freund entdeckt. Angefangen mit zwei Tieren, zählte sein Herdenbestand bald stolze 52 Schafe. Heute umsorgt der schlanke Mann mit den ausdrucksstarken Augen 17 Schafe, im nächsten Jahr erwartet er durch eine Bestandsaufsattlung eine Herdengröße von 26 Tieren. Harth erklärt, dass ein Muttertier im Schnitt 1,2 Lämmer gebäre, derzeit besitzt er zehn tragende Schafe. Er hat sich auf die Zucht von Kärntner Brillenschafen, primär zu Konsumzwecken, sekundär zum Verkauf, spezialisiert. Diese seit dem 18. Jahrhundert bekannte Haustierrasse aus Österreich hat eine besondere Fellzeichnung: schwarz gefärbte Ringe um die Augenpartie sowie schwarze Ohrenspitzen.

Aufs Neue ein ergreifendes Erlebnis

Anders als Stier gehört Harth zu den Koppelschäfern, die Weideland je nach Art und Größe mit einer bestimmten Anzahl von Tieren besetzen. Dabei gilt es, tierschutzspezifische Auflagen zu erfüllen. Für zehn bis zwölf Schafe sollten zwei Hektar verfügbar sein. Der Schäfer besitzt üppige Weideflächen. Auf die Frage nach den schönen und weniger schönen Seiten des Schäferdaseins, antwortet Stier, dass er seine Selbständigkeit und Freiheiten schätze. Außerdem freue er sich über die Abwechslung, die vorbeigehende Spaziergänger brächten, er beantworte gerne Fragen. Hobbyschäfer Harth sagt, die Geburt eines gesunden Lämmchens sei für ihn trotz der jahrelangen Routine jedes Mal aufs Neue ein ergreifendes Ereignis. Romantisch sei der Beruf nur bedingt. Neben einem hohen Maß an Flexibilität muss ein Schäfer körperlich belastbar sein und eine hohe Aufmerksamkeitsspanne besitzen, um den Tieren gerecht zu werden. Stier bedauert, dass immer wieder freilaufende Hunde die Herde zerstreuen würden, wobei die Fluchttiere nicht selten Bisswunden davontrügen. Gelegentlich würde er auch Opfer der Bedienmentalität einiger Mitmenschen, die eines seiner Tiere mitnehmen wollten.

Es schüttet wie aus Kübeln

Dass die Vierbeiner ihre Besitzer stets auf Trab halten, wird deutlich, als Harth eine Anekdote erzählt: Vor einiger Zeit sei ihm ein frisch angekaufter Bock, den er zum Eingewöhnen noch vom Rest der Herde getrennt angeweidet hatte, über den Zaun gesprungen. Daraufhin sei eine wilde Verfolgungsjagd gestartet, bis der Schäfer den Ausreißer wohlbehalten zurückbrachte, wo er von den anderen Schafen herzlich empfangen worden sei. Inzwischen hat es auf der Waldlichtung wie aus Kübeln zu schütten begonnen. Die kahlen Bäume spenden wenig Schutz. Die Schafe stört der Wolkenbruch nicht. Unbeeindruckt knabbern sie genüsslich an den Gräsern. Der junge Schäfer und sein Rex haben an diesem Sonntag noch einen langen Arbeitstag vor sich.

Quelle: F.A.Z.
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