Schauspielhaus Dresden

Kartoffelregen und künstliche Wunden

Von Irma Charlotte Schubert, Romain-Rolland-Gymnasium, Dresden
 - 13:06

Es wird dunkel und still im großen Saal des Staatsschauspiels Dresden, und der Vorhang öffnet sich. Schemenhaft sind Menschen zu erkennen, zusammengedrängt, nur spärlich von einem Scheinwerfer angestrahlt. Sie umhüllt Nebel, trotzdem ist ihre dreckige, zerlumpte Kleidung deutlich zu erkennen. Holzbretter, durch die genau ein Mensch hindurch passt, bilden die Rück- und Seitenwände der Bühne. Plötzlich betreten ein Mann in braunem Ledermantel und eine Frau in roter Uniform das Podium. Sie führen einen leidenschaftlichen Dialog über die Erziehung in der Sowjetunion und Methoden von Anton Semjonowitsch Makarenko, einem sowjetischen Pädagogen, dessen Erziehungsmodelle später auch in der DDR angewandt wurden. Das Stück „Der Weg ins Leben“ wird von hier aus seinen Lauf nehmen und erschütternde Schicksale der Umerziehung von Jugendlichen in der DDR, zum Beispiel im Jugendwerkhof Torgau, erzählen. Die Aufführung wird aber erst möglich durch die vielen Menschen, die hinter der Bühne die Voraussetzungen für eine Vorstellung schaffen.

Rein rechtlich nicht möglich

Einer davon ist Frank Scheibner, Meister für Veranstaltungstechnik in der Fachrichtung Bühne am Schauspielhaus Dresden. Er hat kurz rasierte Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt sowie eine schwarze Arbeitshose. Die Räumlichkeiten im Schauspielhaus sind hell, freundlich und stehen im Kontrast zu den funktionalen Fluren des Bühnenbereichs. Scheibner ist für den Aufbau der Kulissen sowie für die Sicherheit im ganzen Haus verantwortlich, weshalb er auch mal etwas lauter werden kann, wenn „eine Assistentin beim Absenken der Hebebühne noch da oben rumspringt“. Außerdem stellt er sicher, dass die Kulissen sich in den zwei bis drei zur Verfügung stehenden Stunden aufbauen lassen und sicherheitstechnisch zulässig sind. So ist zum Beispiel ein Aufspringen der Schauspieler auf eine schnell rotierende Drehscheibe schon rein rechtlich nicht möglich. „Wir müssen versuchen, einen Kompromiss zu finden, welcher sowohl unter dem Sicherheitsaspekt als auch vom Regisseur mit seinem künstlerischen Anspruch vertreten werden kann. So nutzen wir zum Beispiel entgegengesetzt rotierende Lichteffekte und eine spezielle Musikeinspielung, um die Illusion einer sich schnell drehenden Scheibe zu erschaffen.“

200 Kartoffeln aus acht Meter Höhe

In einem Stück wurde auf der Bühne einmal ein Auto mit Brechstangen und Baseballschlägern zerlegt. Dazu erstellte er eine Choreographie, in der jeder zu einem genau festgelegten Zeitpunkt seinen Schlag ausführen musste, damit es echt aussah, aber keiner verletzt wurde. Auch bei dem Theaterstück „Der Weg ins Leben“ hat das Team der Veranstaltungstechniker einiges zu beachten: In einer Szene fallen ungefähr 200 Kartoffeln aus acht Meter Höhe auf die Bühne, in einer anderen wird auf ihr Wasser verteilt. In solchen Situationen muss Scheibner sicherstellen, dass niemand gefährdet wird und die Bühne keinen Schaden nimmt. Einen Kompromiss zwischen Kunst und Technik zu finden ist für ihn eine der größten Schwierigkeiten seines Berufs. Dazu sind eine besondere Kommunikation zwischen den Mitarbeitern und viel Feingefühl notwendig.

Glatzen, Perücken, Masken und Wunden

Sozialkompetenz braucht auch Ellen Wittich, Maskenbildnerin am Staatsschauspiel Dresden. Die Frau mit den blonden, halblangen Haaren im blauen Pullover strahlt Ruhe aus. In ihrem Beruf muss sie oftmals zwischen den Wünschen der Kostümbildner, des Regisseurs und der Schauspieler vermitteln. Maskenbildner befassen sich mit allem, was Haut und Kopf eines Schauspielers betrifft. „Da kann alles dabei sein: Glatzen, Perücken, Masken, Gesichtsverformungen oder Wunden. Das ist das Schöne am Maskenbildnerberuf: seine Vielseitigkeit.“ Wie diese Arbeit aussieht, zeigt ein Besuch der Maskenabteilung vor und während der Vorstellung „Der Weg ins Leben“. Bereits zwei Stunden vor Beginn der Aufführung herrscht im halbrunden Gang der Abteilung, der durch die einzelnen Arbeitsplätze mit Spiegeln und säuberlich bereitgelegten Utensilien unterteilt ist, Betriebsamkeit.

Zwischen Dutt und Hippiefrisuren

Überall warten die für das Stück benötigten Perücken auf Styroporköpfen, außerdem hat Wittich aus Heilerde und schwarzer Schminke Dreck angerührt, mit dem sie die Schauspieler für die Anfangsszene des Stückes beschmiert. Einer Schauspielerin sollen im Stück die Haare geschnitten werden, deshalb müssen ihre eigenen, zum Schutz vor versehentlichem Abschneiden, erst mit einer falschen Glatze versehen werden, über die dann eine Perücke gesetzt wird. Einer anderen Darstellerin bindet Ellen Wittich die Haare zu einem Pferdeschwanz, den sie zu einem Dutt eindreht und mit einem Haarnetz versieht. „Die Frisur soll schick aussehen und trotzdem unter eine Perücke passen“, sagt sie. Das ist wichtig, da die Akteure im Stück wechselnde Personen spielen und so auch viele Perücken, wie zum Beispiel langhaarige Hippiefrisuren, tragen.

Man ist schon Hobbypsychologe

Wittich zieht einen Schieber des zimmerhohen Schranks auf, in dem sie gelagert werden. Er befindet sich in den Werkstätten der Maske, einem Raum, in dem jede Wand zur Verstauung von Bärten, Perücken und Material oder als Arbeitsplatz genutzt ist. Ordentlich sind im Schrank die Perücken einsortiert und mit Nummern katalogisiert, damit sie sich leicht wiederfinden lassen. Das Knüpfen von Perücken macht Wittich besonders Spaß, ist aber zeitaufwendig, da jedes einzelne Haar der Perücke auf den Tüll der Montur, eine Art Netz, geknüpft werden muss. „Das dauert zwischen 60 und 80 Stunden.“ Vorbereitende Tätigkeiten, wie Perücken knüpfen und Masken bauen, führt Wittich im Tagesdienst in der Werkstatt aus. Gleichzeitig muss sie, wie viele andere Mitarbeiter des Theaters, je nach Schicht auch abends präsent sein, um die Schauspieler vorzubereiten. „Abends ist die Begegnung mit den Schauspielern immer schön, weil man dort viel Abwechslung hat und auch mit den Darstellern ins Gespräch kommt.“ Diese nutzten die Zeit in der Maske oftmals als „Ruhe vor dem Sturm“, weshalb sich Wittich immer wieder darauf einstellen muss, wie es ihnen geht und worüber sie mit ihnen reden kann. „Man ist teilweise schon ein Hobbypsychologe“, sagt sie fröhlich.

Langweilig wird es ihm nie

Doch wie schwierig das Privatleben durch die Arbeit am Theater werden kann, zeigt sich bei Frank Scheibner: „Ich muss heute zum Beispiel bis nachts um 12 arbeiten, da sieht man die Familie lange nicht.“ Für ihn ist dieser Punkt der große Nachteil eines Berufes am Theater. „Mein Beruf macht mir trotzdem viel Spaß, weil man mit immer neuen Menschen etwas gestalten kann, es nie langweilig wird und es gewisse Herausforderungen gibt.“ Aber egal wie viele Schwierigkeiten sich während der Arbeit auftun, Frank Scheibner bleibt entspannt: „Es ist nur Theater. Es ist aber auch nicht mehr und nicht weniger.“

Quelle: F.A.Z.
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