Schauspielschule

Unterricht im Atmen und im Zug Filme gucken

Von Lasse Schöfisch, Gymnasium Oedeme, Lüneburg
 - 12:35

Die meisten lassen sich tagtäglich davon unterhalten, manche treten aber auch selbst in Aktion. Die Rede ist vom Schauspiel. Während jeder gewisse Lieblingsschauspieler hat, machen sich wohl verhältnismäßig wenige Gedanken darüber, was in der Regel geschieht, bevor es zum ersten großen Auftritt kommt. Auf diesen Moment warten auf der ganzen Welt eine Menge Schauspielschüler und Schauspielschülerinnen. Einer von ihnen ist Aydin Habibov. Der aus Aserbaidschan stammende, mittelgroße 22-Jährige besucht seit drei Jahren die private, aber staatlich anerkannte „Schule für Schauspiel Hamburg“.

Einen Charakter verstehen

Sein „Arbeitstag“, wie ihn der in Jeans und Hemd gekleidete junge Mann gerne mit einem verschmitzten Lächeln bezeichnet, beginnt um 7.10 Uhr mit dem Verlassen des Hauses. Zwar fängt sein Unterricht erst um 9.30 Uhr an, doch aufgrund der schlechten Verbindung zwischen Kirchgellersen, einem kleinen Dorf nahe Lüneburg, und der Schauspielschule in Hamburg dauert die Anreise per Bus, Zug, S-Bahn, gefolgt von einem kurzem Fußweg, eine ganze Weile. Diese Zeit bleibe dabei meist jedoch nicht ungenutzt, erklärt Aydin Habibov. „Texte lernen, Literatur suchen, einen Charakter verstehen“, alles Aufgaben, die der Brillenträger mit kurzem, braunem Haar bevorzugt im Ruhebereich des Zuges erledigt, um sich bestmöglich vorzubereiten.

Geregelt und kontrolliert atmen

Mit der S-Bahn angekommen, legt Habibov die letzten Meter bis zur Schule zu Fuß zurück. Er erreicht ein unscheinbar wirkendes Tor und betritt die Schauspielschule pünktlich. Nach einem kurzen Blick auf den Stundenplan macht er sich auf den Weg zu seiner ersten Unterrichtseinheit, „Atmen“. Das Ziel dieses Kurses ist es, eine verständlichere Aussprache zu bekommen. „Zugänglichkeit und Durchlässigkeit ist das Fundament für gute Schauspielarbeit“, erklärt Habibov, „Der Schlüssel dazu ist eine geregelte und kontrollierte Atmung.“ Begonnen wird der Unterricht mit dem Aufwärmen des gesamten Körpers; dafür bietet der Raum mit Tanzboden viel Platz. Bald wird beruhigende Musik abgespielt, alle Kursteilnehmer sind leise und bewegen sich nach Vorgaben zur Melodie. Nach einer Weile wird die Musik abgestellt, und die Schüler gehen in die individuelle Textarbeit über. Während jeder laut seinen Text aufsagt, bleibt der Bewegungsfluss erhalten, und alle konzentrieren sich weiterhin auf die Atmung.

Im Halbkreis um den Fernseher

Von außen betrachtet, wirkt alles wie ein großes Durcheinander, doch schaut man genauer hin, erkennt man, wie jeder versucht seine Umwelt auszublenden und sich im „Tunnel“ befindet, um alle Aufmerksamkeit der Atmung und dem damit verbundenen Text zu widmen. Geschafft von der emotionalen Anstrengung, verlässt Habibov den Raum. Zusammen mit seinen Mitschülern, mit denen er sich auch privat gut versteht, genießt er seine 30-minütige Pause bei frischer Luft im Innenhof. Es folgt das Unterrichtsfach „Kamera“. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um die theoretische Arbeit mit Filmen. Der Kurs analysiert, welche Schnitte verwendet werden, wie gespielt wird und welche Besonderheiten erkennbar sind. All das wird in einer familiären Atmosphäre besprochen. Die Schüler sitzen im Halbkreis um den Fernseher herum, trinken Kaffee und Tee und unterhalten sich ungezwungen über das Gesehene. Als Hausaufgabe sollen sie bis zur nächsten Woche zwei vorgegebene Filme schauen, ganz normal im Schauspielschulalltag. Auch dieses Unterrichtsfach bringt die angehenden Schauspieler näher an ihr Ziel, denn laut Habibov müsse ein Schauspieler auch etwas von der Arbeit des Regisseurs verstehen, um zu überzeugen.

Dann bleibt er bis spät abends

Nach zwei Unterrichtseinheiten ist Aydin Habibovs „Arbeitstag“ auch schon vorbei, denn sein dritter Unterricht fällt aus, da sein Dozent bei Dreharbeiten ist. Dabei betont der Schüler, dass es nicht immer so angenehm kurze Tage sind. Steht eine Aufführung an, wie es etwa alle drei Monate der Fall ist, müsse er auch mal bis spät abends bleiben. Auch das Wochenende bleibe manchmal nicht verschont. Auf dem Rückweg nach Hause bevorzugt es der Schauspielschüler, sich etwas auszuruhen. Dabei bleibt er jedoch nicht ganz untätig, was die Arbeit für die Schule betrifft. Er setzt sich bei gedimmtem Licht in den Ruhebereich des Zugs und schaut den Film, den die Schüler zur nächsten Unterrichtsstunde „Kamera“ geguckt haben sollen. Er verbindet seine Leidenschaft für Filme mit seinem Traumberuf.

Fernab von Protz und Prunk

Oft wird er gefragt, ob er sich des Risikos bewusst sei, das dieser Beruf mit sich bringe. Es gibt ja in der Regel nur kurzbefristete Arbeitsverträge, und auch das Geld ist oft ein heikles Thema. Denn man muss bedenken, dass die monatlich knapp fünfhundert Euro teure Ausbildung noch lange kein Garant für Erfolg im späteren Arbeitsleben ist. So leben die meisten Schauspieler, ganz anders als oft dargestellt, ein Leben fernab von Protz und Prunk. Dem begegnet der junge Mann nur mit der Antwort: „Schauspieler zu sein war immer mein Traum. Keine Tätigkeit könnte ich mit gleicher Leidenschaft und Freude ausüben wie das Schauspielern. Und will ich gut in etwas sein, muss ich es wollen. Indem ich das tue, was ich am besten kann, gehe ich in meinen Augen kein Risiko ein.“

Einen kleinen Auftritt bei der deutschen Fernsehserie „Großstadtrevier“ hatte der ambitionierte Mann bereits. Wann auch sein Warten auf den ersten großen Auftritt ein Ende haben wird, ist noch ungewiss. Doch die Schauspielbranche ist schnelllebig, und wer weiß schon, ob Aydin Habibovs erste große Rolle nicht kurz bevorsteht.

Quelle: F.A.Z.
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