Schmuck aus Haar

Schmuck aus echtem Haar

Von Jana Schenker, Kantonsschule Trogen
 - 10:46

S’Hoo isch sölbä scho e Faszination. Es isch e gwaltigi Ladig Energie“, sagt der leidenschaftliche Haarflechter Jakob Schiess aus Appenzell, dem Hauptort des Kantons Innerrhoden. Der 53-Jährige mit den gepflegten Bartkoteletten ist ein modern-traditioneller Mann. Früher beschäftigte er sich viel mit Appenzeller Folklore. Er gehörte dem „Jodelchörli“ und den „Silvesterchläusen“ an. Schiess war selbständiger Kaufmann, Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts und nebenbei Fahrer bei einer Vertriebsfirma.Dann veränderte 2001 ein Verkehrsunfall sein Leben. Seit seinem Motorradsturz ist er an den Rollstuhl gebunden. Nach diesem Schicksalsschlag suchte sich Jakob Schiess eine kreative, sinnvolle Beschäftigung.

Die Begegnung war ein Glücksfall

Durch Zufall fiel ihm die aus Haaren gefertigte Uhrenkette seiner Großmutter in die Hände. In diesem Moment wusste er, dass er dieses ausgefallene Kunsthandwerk erlernen wollte, um die traditionelle Technik wiederaufleben zu lassen. Dass es die Appenzellerin Mina Inauen gibt, die das Handwerk beherrscht und bereit war, es ihn zu lehren, war ein Glücksfall. Längst ist er kein Lehrling mehr, sondern sie tauschen ihr Wissen aus: „Zwösched ös het d’Chemie so guet gstomme, dass me hüt no zemmeschaffid“, sagt er. Inzwischen hat er einen eigenen Stil entwickelt. Mit großem Geschick flechtet er während unzähliger Stunden in der Stube. Er lebt mit seiner Frau und dem jüngsten der drei erwachsenen Kinder in seinem traditionell eingerichteten Haus mit Schnitzkunst und antiker Stubenuhr.

Damals war es ein Broterwerb

Einst sei das diffizile Handwerk europaweit gepflegt worden. Der gute Ruf der Ostschweizer Haarflechter habe sich bis über die Landesgrenze hinweg verbreitet. Damals galt es noch als Broterwerb. Das Kopfhaar wurde zum persönlichen Andenken an bestimmte Menschen von Haarbildnern zu wertvollen persönlichen Schmuck verarbeitet. Es gibt Ohrringe, Armbänder, Halsketten, Fingerringe, Broschen und Haar- und Totenbilder. Die typischen Innerrhoder Ohrringe, das „Äächeli“, galt als Fruchtbarkeitssymbol. Etwa 90 000 Haare befinden sich auf dem Kopf eines Menschen. Täglich verlieren wir 100 davon. „D’Chondä ond I hend en Bezog zom Hoo“, darauf besteht Schiess. Da es nicht sein Broterwerb ist, sondern seine Leidenschaft, empfängt er alle seine Kunden bei sich zu Hause, wo er eine kleine Werkstatt für Schmiedearbeiten hat. Nebenbei arbeitet Schiess als Produktmanager bei einer Versicherung. Die meisten Kunden bringen abgeschnittenes Haar mit. Sonst schneidet er ihnen eine bleistiftdicke Strähne ab. Um sie zu flechten, sind alle Haartypen geeignet. Die einzige Bedingung ist, dass die Haare mindestens 20 Zentimeter lang sind und naturbelassen: „Vearbeitets Hoo cha schnöllä brächä.“ In einer geflochtenen Form sei das Haar so stark wie ein Drahtseil. Artistinnen ließen sich deshalb an den geflochtenen Haaren am Seil hochziehen, um hoch über der Manege Kunststücke zu präsentieren.

Gold und Titan als Träger

Zur Vervollständigung der Schmuckstücke werden Edelmetalle wie Gold, Silber, Platin und Titan als Träger verwendet. Sie werden auf den Zehntelmillimeter genau bestellt, je nach Metall ist der Preisunterschied groß. Etwa neun Stunden braucht Schiess bis die runde, hölzerne Jatte, die Arbeitsfläche am Flechtstuhl, vorbereitet ist.Über die Jatte werden 64 Haarstränge gehängt, die mit Schraubenmuttern an den Haarenden gespannt werden. Mit flinken Händen flechtet Schiess die Stränge zu einem Muster zusammen. Dabei ertönt ein beruhigendes, metallisches Klimpern. Je Zentimeter geflochtenem Muster braucht er bis zu einer Stunde. Damit das Flechtwerk nicht wie eine Feder auseinanderfällt, wird es abgebunden und 30 Minuten im Wasser gekocht.

Quelle: F.A.Z.
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