Schweinerennen

Schweizer Rennsauen im Rampenlicht

Von Janine Koller, Kantonsschule Trogen
 - 11:55

Aus den Lautsprechern grölt der Song „Whatever you want“ der britischen Band Status Quo. Im Rennsauen-Gehege quietschen und rumpeln die ersten fünf Athletinnen, denn sie rennen gleich um die Wette. Die rosaroten Schwänzchen gekringelt und die Ohren gespitzt, warten die Schweine auf ihren Auftritt; vor allem aber auf ihr ballaststoffreiches Futter, das im Zielgelände auf sie wartet. Das Säulirennen findet jährlich im Herbst an der St. Galler Olma statt, der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, und ist eine beliebte Attraktion, die riesige Menschenmassen anzieht. Doch bis es zu diesem Event kommt, ist vieles zu tun, unter anderem ein zweimonatiges Trainingscamp zur Ausbildung von normalen Mastsauen zu Rennsauen.

Rampensauen sorgen für Chaos

In Weinfelden im Kanton Thurgau liegt der Bauernhof von Susanne Milz, auf dem alle Rennschweine gehalten werden. Hier betreibt die 59-jährige Bäuerin, die immer ein Lächeln im Gesicht trägt, mit viel Elan die Vorbereitung zum Olma-Rennkader. Schon bei der Auswahl ist für Milz klar, welche Sauen Potential haben. „Die Säuli, wo uf mich zuechömed, die sind denn die Intressante.“ Nur die Tiere werden genommen, die aufgeweckt sind. Unter den Sportferkeln sind nie Männchen zu finden, denn diese sind nicht geeignet für das Tragen eines Sponsorenmantels. Sie würden sich „saublöd“ verhalten. Die auserwählten Schweine bekommen eine eigene Kammer, in der sie sich an die anderen gewöhnen. Ein weiter Weg steht bevor, nämlich die Schweine zu zähmen. Unter den Sauen gibt es auch „Rampensauen“, die manchmal das Konzept durcheinanderbringen. Manchen Schweinen passt es ab und zu nicht, auf der matschigen und nassen Bahn zu rennen, andere wiederum haben einfach keine Lust, aus der Startbox zu springen.

Training auf einer nachgebauten Rennbahn

Zielorintiert und Den Kontakt von Mensch zu Tier baut Susanne Milz auf, indem sie mit den Schweinen redet. Zweimal täglich trainieren die Auserwählten mit den Mäntelchen auf einer nachgebauten Rennbahn, mit der original laufenden Musik im Hintergrund. Der Clou dabei ist, dass dieses Training immer den gleichen Ablauf hat, und das seit 20 Jahren. Nach intensiver Trainingszeit wird es ernst für die jungen Schweine. Kurz vor der Olma werden auf dem Hof aus den 20 Sauen die Top 15 selektioniert, die zielorientiert sind und fleißig trainiert haben. Es werden nur die Rennschweine genommen, die unbedingt ins Ziel kommen wollen. Sie werden bestens versorgt vom Stallteam in einem Gehege mit zwei Iglus und natürlich den anderen weiblichen Athletinnen.

Klein, gefleckt, Speck auf den Rippen

Schon am ersten Messetag trudeln um 9 Uhr die ersten Besucher ein. Der Countdown läuft für das Rennen, nicht zu vergessen: das Wetten auf eine Rennsau. Die Rennsportbegeisterten können mit einem Mindesteinsatz von fünf Franken auf eine oder mehrere Schweine tippen, wobei nur bei der Siegersau Geld herausspringt. Spannend wird es schon beim Aussuchen der Favoritensau, denn selbstverständlich hat jede Sau ihre Eigenheiten. Die eine ist gefleckt, die andere klein, dann eine Sau, die mehr Speck auf den Rippen trägt, eine weitere schläft den ganzen Tag gemütlich im Stroh, die anderen dösen in einem Sauhaufen. Jedes Tier trägt einen Namen, der passend zum Gastkanton oder zur Aktualität ist. Jedes Jahr kommt ein anderer Kanton aus der Schweiz als Gast an die Olma und präsentiert in der Degustationshalle die Spezialitäten und touristischen Möglichkeiten aus dem Kanton. Viele Wetteinsätze bekommt die Rennsau „Schützi“, die für die Schützengarten-Brauerei läuft.

Schlagzeilen über Sexismus

Kurz vor vier Uhr erstreckt sich eine lange Schlange vor den Wetthäuschen. Die letzten Tipps werden abgegeben, dann wird es laut in der Manege. Im Arenagelände, das aus einem Halbkreis besteht, ist alles bereit, die Startmaschine, die Werbebanden, das Hindernis, der Futtertrog mit der verdienten Belohnung im Ziel. Nun fehlt nur noch einer: Moderator Christian Manser. Pausenlos redet und redet der 49-jährige humorvolle Appenzeller drauflos und kommentiert die Sportveranstaltung, mit den Worten, die ihm jeweils so in den Sinn kommen, jedoch auch mit aktuellen Themen aus der Politik. Auffällig ist sein „Appezöller Dialekt“. Doch aufgepasst, was er alles in den Mund nimmt, denn Schlagzeilen wie „Sexismus am Säulirennen“ kreisten letztes Jahr in den Medien. An der letztjährigen Olma wurde der Titel der „Miss Apfelkönigin 2017“ vergeben. Die Gewinnerin aus dem Thurgau hatte dabei die Ehre, in das Starthorn zu blasen. „Damit wir uns richtig verstehen“, kommentierte der Sprecher: „Sie hat den Titel gewonnen, weil sie viel über Äpfel weiß, nicht, weil sie gut bläst.“

Auf das richtige Schwein gewettet

Dennoch lebt die Veranstaltung von Spontaneität. Manser bemerkt, „ond schiiheiligi, hüchlerischi, onderbeschäftigti Lüüt sönd generöll e Problem i de hütige Gsöllschaft“. Der Kommentator hüpft im Takt der Musik, da er den Umgang mit Kritik locker nimmt und sich bewusst ist, dass 90 Prozent der Leute das gut finden, was er macht. Während zwei Wertungsläufen herrscht Spannung und Schwitzen in der Arena. Der Schweinebetreuer bläst in das „Starthorn“. Mit tosendem Applaus feuern die Zuschauer die Sauen an. Wild rennen die Athletinnen über den Sand, der aufwirbelt. Noch wenige Meter zum kleinen Hindernis, das sie überspringen müssen. Weiter in Richtung Ziel. Ein Kopf-an Kopf-Rennen. Keine zehn Sekunden später rennt die erste Sau über die Ziellinie und ist Gewinnerin. Eine jubelnde Schar von Menschen, die auf sie gewettet haben, im Hintergrund. Jetzt ist Hilfe aus dem Publikum gefragt. Kinder springen in die Mitte der Arena und dürfen die Tiere zurück in die Boxen treiben. Alle Helfer bekommen etwas zum Naschen. Die Leute, die auf das richtige Schwein gewettet haben, kriegen einen schönen Batzen. Doch eines muss man sich merken: Wer zu eifrig ist und zu viel Geld einsetzt, muss damit rechnen, dass der Gewinn steuerpflichtig wird.

Quelle: F.A.Z.
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