Sportflugzeug

Für die Prüfung im Dreieck fliegen

Von Lukas Barovic, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 14:55

Es rumpelt und holpert. Durch die Kopfhörer hört man gedämpft das Dröhnen des Motors. Ein letzter Check. Flugplatz und Flugnummer werden genannt, dann die Antwort des Flugleiters: „Frei zum Start nach eigenem Ermessen, Startbahn 09!“ Das kleine Flugzeug wird schneller, bis schließlich die Reifen die mit kurzem Gras bewachsene Startbahn verlassen. Schon nach wenigen Sekunden kann man die dunklen Wälder und flachen Felder unter sich hinweggleiten sehen, während nur Stoff, dünnes Blech und Glas zwischen einem und der Tiefe liegen.

Spontan fliegen, wenn das Wetter schön ist

Was für den einen wie ein einmaliges Erlebnis klingt, ist für Constantin Maiwald (Name geändert) schon Routine. Auf einem kleinen Sportflugplatz südwestlich von Berlin steht die Maschine des 69-Jährigen zusammen mit weiteren Flugzeugen in einem von mehreren Hangars. Auf dem Flugplatz kennt man sich, tauscht Erfahrungen und hilft sich aus, sei es nun ein Ratschlag zur Motorenoptimierung oder mit Kleinteilen wie Schrauben oder Schläuchen. Maiwald schätzt sich glücklich, sein Flugzeug hier unterbringen zu können, denn er ist mit dem Auto in nur 20 Minuten vor Ort: „Ich kann mich ganz spontan dazu entscheiden, am Abend mal zu fliegen, wenn das Wetter schön ist“, erzählt er freudig. Bis eine halbe Stunde nach der Dämmerung darf er dabei noch in der Luft sein. Einen guten Hangar-Platz zu haben ist nicht selbstverständlich: „Oft muss man sich auf einer Warteliste eintragen lassen.“

Für Kurierflüge in Alaska

Seit fast 40 Jahren ist Maiwald, der früher in seiner eigenen Firma Roboter entwickelte, nun schon ein begeisterter Flieger. 22 Jahre dieser Zeit bereist er die Lüfte mit seiner Piper PA-18. Bei dem 1954 gebauten amerikanischen Zweisitzer handelt es sich um einen Schulterdecker, also ein Flugzeug, bei dem die Tragflächen oberhalb des Cockpits verlaufen. Es ist eher ein Flugzeug für erfahrenere Piloten, da es ein Spornradflugzeug ist, was bedeutet, dass der Schwerpunkt des Flugzeugs hinten ist. „Das macht das Starten und Landen vor allem bei Seitenwind schwieriger.“ Das Flugzeug, das früher zum Beispiel für Erkundungs- und Kurierflüge in Alaska genutzt wurde, erstand er 1996 für etwa 15 000 Deutsche Mark. „Jetzt kosten diese Flugzeuge so um die 100 000 Euro“, was unter anderem dem Status dieses Modells als Klassiker geschuldet ist. Um diesen Zustand zu erhalten, musste er einiges an Schweiß und Geld investieren. „Ich habe es vor zwölf Jahren komplett restauriert. Die Bespannung wurde neu gemacht, und es wurden neue und zeitgemäße Instrumente verbaut, um die Sicherheit zu erhöhen.“ Den Anstoß zu dieser drei Jahre dauernden Restaurierung gab ein Motorschaden während eines Flugs, der aber keine weiteren Konsequenzen nach sich zog.

Regelmäßig zum Gesundheitscheck

Glücklicherweise war Maiwald noch nie mit lebensgefährlichen Situationen konfrontiert. Um das beizubehalten, unterzieht er seine Maschine vor jedem Start einem 30-minütigen Check. Zudem wird das Flugzeug einer Jahresnachprüfung unterzogen, bei der ein lizenzierter Prüfer das Flugzeug als lufttüchtig freigeben muss. Von brenzligen Erfahrungen kann Maiwald allerdings doch berichten. „Einmal bin ich in einen sehr heftigen Regen geraten, und dann war die Sicht entsprechend stark eingeschränkt, was die Landung erheblich erschwerte.“ Um die Belastbarkeit des Piloten in so heiklen Situationen zu gewährleisten, muss Maiwald sich regelmäßig einem Gesundheitscheck unterziehen. „Medical heißt das und ist jährlich von einem Flugmediziner durchzuführen. Wenn nicht, erlischt die Lizenz.“ Ein weiteres Mal wäre er fast mit einer Schar Enten kollidiert. Obwohl er ihnen ausweichen konnte, gab es ein anderes Problem. „Da ich für zwei Minuten in eine Kontrollzone des Flughafens Berlin-Schönefeld geriet, habe ich eine dicke Geldstrafe aufgebrummt bekommen“, erinnert er sich.

Um Überflugerlaubnis bitten

Vögel sind eine stete Gefahr, auf die beim Fliegen zu achten ist, da die Tiere aufgrund der hohen Geschwindigkeit des Flugzeugs die Frontscheibe zerschmettern könnten. Aufgrund der ausgeprägten Fluss- und Seenlandschaft rund um Berlin sind Vogelschwärme keine Ausnahme. Gleichzeitig ist es auch diese Landschaft, die den Flieger erfreut. Einen guten Blick über diesen Flickenteppich aus Seen, Wäldern und Feldern erhält Maiwald auf jedem Flug. Eine bevorzugte Route für einen nachmittäglichen Ausflug führt ihn immer wieder zum Landeplatz Klietz-Scharlibbe an der Elbe, um dort Fliegerfreunde zu treffen. Schon während des Flugs herrscht konstanter Funkverkehr zu Start- und Landeplatz sowie zum sogenannten Flug-Informations-Service (FIS). Wichtig ist dieser Kontakt vor allem, wenn sich auf dieser Strecke Sperrgebiete, wie militärische Übungsplätze, befinden. Dann muss er die FIS-Station rechtzeitig anfunken und um Überflugerlaubnis bitten. Ist ein Landeplatz gerade durch an- oder abfliegende Flugzeuge blockiert, muss Maiwald so lange Kreise ziehen, bis dieser frei ist. Beim Anflug werden wieder der Flugzeugname und die internationale Kennung des Landeplatzes abgefragt. Diese lautet für Klietz-Scharlibbe zum Beispiel EDCL. Dabei werden solche Codes genauso wie das Rufzeichen des Fliegers aufgrund der manchmal undeutlichen Funkübertragung via Buchstabieralphabet übermittelt: „A,B,C sind zum Beispiel Alpha, Bravo, Charlie.“ Der Funk läuft wie die Kommunikation innerhalb des Flugzeugs über geräuschschluckende Kopfhörer mit Mikrophon, ohne die man kein Wort verstehen würde.

In den Vereinigten Staaten gelernt

Auf dem Flugplatz gelandet, wird das Flugzeug mit 135 Liter Flugzeugbenzin vollgetankt, die für fünf Stunden Flug reichen. Natürlich bleibt Maiwald mit seinen Touren nicht nur in Berlin und Umland. „In einem Rutsch bin ich schon bis nach München geflogen, das hat etwas über drei Stunden gedauert.“ Seine Reisen führten ihn unter anderem auch nach Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Dänemark. Im vergangenen Frühjahr erwarb er in den Vereinigten Staaten seine Berechtigung zum Fliegen von Wasserflugzeugen. Auch seine gesamte Flugausbildung absolvierte er dort und erhielt damals als Berliner Student der Luft- und Raumfahrttechnik seine „Private Pilot License“. „Ich war schon als kleiner Junge vom Fliegen fasziniert. Einmal sind Flieger mit Werbebannern in der Nähe meines Heimatdorfes an der Küste Schleswig-Holsteins gelandet. Da bin ich dann sofort hingeradelt und habe mich gleich in das Flugzeug verliebt.“ Dabei habe es sich um eine Piper PA-18 gehandelt.

Die Menge an Fächern und Lernstoff ist enorm

Wie bleibt ein Objekt, dass so schwer ist, in der Luft? Auch diese Frage bewog ihn, im Rahmen eines Studentenförderprojekts seinen Pilotenschein für einmotorige Maschinen mit einem Abfluggewicht von bis zu zwei Tonnen zu machen. Bestandteil dieser Ausbildung war ein umfangreicher theoretischer Teil. „Der Luftraum hat komplexe Strukturen, es gibt Verkehrsflugzeuge, Militärflugzeuge und Sperrgebiete, außerdem unterschiedliche Karten, Höhenbegrenzungen, und das Wetter spielt natürlich in der Fliegerei eine ganz große Rolle.“ Maiwald ist bewandert in Meteorologie, Luftrecht und Navigation. „Man muss mit Funknavigation, aber auch nur mit der Karte, der Uhr und dem Kompass navigieren können.“ Die Menge an Prüfungsfächern und Lehrstoff ist enorm. „Es war ein Fragenkatalog mit etwa 4000 Fragen, aus denen für die Prüfung gewählt wurde.“ Zum praktischen Teil gehörten Aerodynamik, Motorenkunde und Sprechfunk, der so wie seine gesamte Ausbildung auf Englisch war. „In Deutschland kann man generell den Sprechfunk auch auf Deutsch abwickeln.“ Ausnahme sind Verkehrsflughäfen, da Piloten aus anderen Ländern den Funk verstehen müssen.

Der Fluglotse ließ ihn Kreise ziehen

„Der erste Alleinflug war ein ziemlich prickelndes Erlebnis“, erinnert er sich. „Für die Prüfung musste ich Dreiecke mit einer Schenkellänge von 200 Meilen fliegen und auf verschiedenen Flughäfen landen und diese auch ohne GPS finden, denn das gab es damals noch nicht.“ Der erste Cross-Country-Flug führte ihn dann nach Newark im Staat New York. „Als ich mich dort über einen sogenannten Pflichtmeldepunkt per Funk meldete, hörte ich, dass unglaublich viele Verkehrsflugzeuge den Platz ebenfalls ansteuerten.“ Der Fluglotse im Tower ließ ihn daraufhin 45 Minuten lang Kreise ziehen. „Nach der Landung sah ich, dass mein T-Shirt schweißgetränkt war.“ In Europa sind ihm eine Landung in Venedig auf einem Grasflugplatz und ein Flug über die masurischen Seen besonders im Gedächtnis geblieben.

Quelle: F.A.Z.
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