Stadtimker

Ins Schleudern kommen

Von Linnea Lapawczyk, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 10:48

Imkern im Großstadtgarten. Es riecht nach Natur, Gräser rascheln im Wind. Im Hintergrund hört man das sonore Summen von Bienen – in Berlin-Neukölln, im Garten von Darius Wagner. Wagner ist seit sechs Jahren einer von etwa 1000 Hobbyimkern in Berlin und besitzt acht von 4500 Bienenvölkern, die mitten in der Hauptstadt leben. Hauptberuflich ist der 53-Jährige selbständiger Glasermeister. „Aber meine Frau und mein Sohn unterstützen mich“, freut er sich. Das ganze Jahr über hat er viel zu tun, damit die Bienenvölker überleben. „Selbst im Winter muss man ab und zu nach den Bienen sehen, vor allem bei Unwetter. Man muss nach jedem Sturm kontrollieren, ob die Bienenbeuten noch in Ordnung sind.“ Bienenbeuten nennt man die Behausung der Tiere. Im Frühling heißt es dann wieder Honig gewinnen, denn ab März verlassen die Bienen in kleinen Gruppen ihre Stöcke, nachdem sie ungefähr fünf Monate eingeschlossen waren.

Bleibt er in den Zellen, ist er reif

Dann dauert es nicht mehr lange, bis die Waben gefüllt sind und es an die Produktion des Frühhonigs geht. „Es ist gar nicht so einfach, zu beurteilen, ob der Honig reif zum Schleudern ist“, erklärt Wagner. „Um das zu prüfen, wird die Honigwabe waagerecht nach unten gehalten und einmal kräftig geschüttelt. Wenn dabei der Honig in den einzelnen Zellen bleibt und nicht herausspritzt, ist er reif zum Schleudern.“ Hierbei muss der Imker immer aufmerksam sein. „Wenn man zu lange mit der Honigentnahme wartet, fühlen sich die Bienenvölker gesättigt und ihr Arbeitseifer erlahmt.“ Auf den Zeitpunkt des Schleuderns empfiehlt Wagner, sich gut vorzubereiten. „Man sollte Werkzeug und die nötigen Hilfsmittel bereitstellen. Auch ist es effektiver, die Honigentnahme nicht allein vorzunehmen, damit sie schnell vonstatten geht“, rät er. So könne man an besten vermeiden, gestochen zu werden.

Zweimal am Tag zehn Minuten umrühren

Der erste Arbeitsvorgang ist das Entdeckeln. Dabei werden die Wachsdeckelchen auf den Waben entfernt. Man verwendet dafür eine breite Gabel mit leicht nach oben gebogenen Zinken. Mit diesen unterfährt man von der Wabenunterseite nach oben hin die feine Wachsschicht. Danach geht es ans Schleudern. Die nun entdeckelten Waben werden in einen drehbaren Stahlkorbeinsatz gestellt. Dann wird losgeschleudert. Wenn die eine Seite der Waben geleert ist, wird sie einmal gewendet und erneut geschleudert. Durch die Innenseite des Schleuderbehälters fließt der geschleuderte Honig durch einen Hahn in ein Doppelsieb und danach in einen Behälter. Dann wird der Honig einige Tage an einem warmen Ort gelagert und zweimal am Tag jeweils zehn Minuten umgerührt. „Wenn es gut läuft, gelingt es uns, im Jahr pro Volk bis zu 50 Kilo Honig herzustellen. Den verschenken wir im Freundeskreis oder verkaufen ihn für fünf Euro pro 500-Gramm-Glas.“ Wagners Bienen produzieren Mischhonig und besuchen alle Blüten im Umkreis von drei Kilometern. Wagner stellt auch Wachs für Kerzen her.

Heimat im löchrigen Baumstamm

„Es ist ein Glück für die Bienen, dass es die Großstadt gibt“, sagt er. „Nur hier werden die Pflanzen natürlich gelassen und nicht mit Pestiziden und anderen Chemikalien besprüht.“ Auf dem Land führen die Bienen ein weniger friedliches Leben, was sich zunächst ungewöhnlich anhört. Aber auf landwirtschaftlich genutzten Flächen kommen sie beim Bestäuben der Blüten mit Pestiziden in Kontakt, die zum Bienensterben beitragen. In der Großstadt hingegen sind die Pflanzen frei von Chemikalien, wodurch die Bienen keiner Gefahr ausgesetzt sind. Der Unterschied von der Großstadt zum Land zeigt sich nicht nur am häufigeren Überleben der Bienen, sondern auch am Geschmack und an der Qualität des Honigs. „Deutschland ist das Land, in dem am meisten Honig gegessen wird“, behauptet Wagner, „und nicht ohne Grund ist Berlin bekannt für den besten Honig.“ Stolz ist er auch darauf, mit seinem Hobby etwas zum Umwelt- und Artenschutz beizutragen, Seitdem er Imker ist, sei er viel sensibler in Bezug auf die Umwelt. Auch den Wildbienen hat er in seinem Garten eine Behausung zur Verfügung gestellt und in einen Baumstamm unterschiedlich große Löcher gebohrt. „Man kann dafür auch einen löchrigen Ziegelstein nehmen und ihn dort hinstellen, wo es am sonnigsten ist“, ermutigt er die Großstadtbewohner. „Das funktioniert auch wunderbar auf einem Balkon.“

Quelle: F.A.Z.
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