Anzeige

Stasi-Opfer

Formen der Folter

Von Katharina Filla, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 12:32
Unschuldig hinter Gittern von Hohenschönhausen: Hans Schulze klärt auf Bild: Christopher Fellehner, F.A.Z.

Es wird irgendwann mal eine Situation geben, in der Sie so eine Angst haben, dass Sie sich wortwörtlich in die Hose machen. Und diese Angst, so müssen Sie sich das vorstellen, hatte man dort jeden einzelnen Tag“, erinnert sich Hans Schulze. 1986 saß er zu Unrecht achteinhalb Monate im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit war in der Zeit von 1945 bis 1989 in Betrieb. Dort waren mehr als 11 000 Menschen inhaftiert, die dem kommunistischen Regime im Wege standen. Nachdem alle Häftlinge nach dem Mauerfall befreit worden waren, drohten die Gebäude zu verfallen. Das änderte sich jedoch 1994, als in diesen Räumlichkeiten die Gedenkstätte gegründet wurde. Sie hat die Aufgabe, die Geschichte der Haftanstalt zu erforschen, mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen darüber zu informieren und zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur anzuregen.

Anzeige

200 Zellen und Vernehmerzimmer

Die inmitten der Plattenbauten stehende Gedenkstätte fällt nur aufgrund der hohen, sie umgebenden Mauern auf. Ist die Mauer jedoch durchquert, sieht man das große gelbliche Gebäude mit vergitterten Fenstern, in dem sich mehr als 200 Zellen und Vernehmerzimmer befinden. Die Zellen sind mit großen Türen mit schweren Türriegeln versehen. In einigen befindet sich noch heute die alte Möblierung, die lediglich aus einem kleinen Bett, einem Tisch mit einem Stuhl sowie einem Waschbecken besteht. An einem Haken hängt ein blauer Häftlingsanzug, den alle Insassen zu tragen hatten. Wegen ihrer geographischen Lage in der Bundeshauptstadt gilt die Gedenkstätte als einer der wichtigsten Erinnerungsorte für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft in Deutschland. Die Führungen durch die Gedenkstätte werden größtenteils von Zeitzeugen, die das Geschehen hautnah miterlebt haben, begleitet. Dabei werden die Informationen über die Haftbedingungen und Verhörmethoden im ehemaligen Stasi-Gefängnis um persönliche Erfahrungen und Schicksale ergänzt.

Inoffizielle Top-Agentin

Der 1952 geborene West-Berliner Hans Schulze arbeitete für einen westdeutschen Chemiekonzern, bei dem er für das gesamte DDR-Geschäft zuständig war. Im März 1986 lernte er auf dem Weg zur Leipziger Messe eine junge Ost-Berlinerin an einer DDR-Raststätte kennen. Aus dieser Begegnung entwickelte sich später eine Beziehung, in deren Verlauf er erfuhr, dass seine Freundin den Plan hatte, aus der DDR zu fliehen. „Was ich zu dieser Zeit nicht wusste, war, dass sie in Wahrheit eine inoffizielle Top-Agentin der Staatssicherheit war“, erklärt Schulze. Deshalb versuchte sie zunächst auf legalem Weg aus der DDR auszureisen, indem sie ihrem Führungsoffizier anbot, im „Operationsgebiet“ als Agentin tätig zu werden. Als dies abgelehnt wurde, suchte sie sich eine andere Möglichkeit, die DDR zu verlassen. So habe sie laut Schulze der Staatssicherheit mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen gedroht, wenn sie nicht ausreisen dürfe. Da der Staatssicherheit die Beziehung der beiden bekannt war, vermutete man, er würde sie bei ihrem Plan unterstützen.

In eine abgelegene Villa außerhalb Berlins

„Als ich nach der Leipziger Herbstmesse 1986 die DDR verlassen wollte und an der Grenze zu einer intensiven Kontrolle angehalten wurde, wurde mir klar, was die Uhr geschlagen hatte“, erinnert sich Schulze. Er hatte Wertgegenstände, einen großen Geldbetrag sowie einen von seiner Freundin verfassten Brief bei sich. In diesem Brief waren Stasi-Geheimnisse vermerkt, die sie von ihrem Ex-Mann erfahren hatte, der ebenfalls ein hochangesehenes Mitglied der Staatssicherheit war. Hans Schulze hatte den Brief nicht gelesen, da er ihn nur nach West-Berlin bringen und in einem Bankschließfach deponieren sollte. So wurde er unter dem vorläufigen Verhaftungsgrund § 97 „Spionage“ festgenommen und am selben Abend von zwei Herren in schwarzen Lederjacken in eine abgelegene Villa außerhalb Berlins gebracht. In einen vergleichsweise freundlich gestalteten, wohnzimmerähnlichen Verhörraum musste er sich erneut für die Funde in seinem Auto rechtfertigen. Am nächsten Morgen wurde er in einem komplett abgedunkelten Wagen nach Hohenschönhausen gebracht.

Anzeige

Ewiges Alleinsein als subtile Form der Folter

Schon bei den „Aufnahmeritualien“ habe die Staatssicherheit ihre überlegene Position verdeutlicht, indem man die in dem stockdunklen Wagen ankommenden Häftlinge in einem völlig überbelichteten Raum empfing. Daraufhin wurde der Häftling zur Leibesvisitation gescheucht und danach mit einem lauten Türknallen in seine Zelle gesperrt. Dabei wurde darauf geachtet, dass kein Häftling den anderen sehen konnte. Die meisten Häftlinge bekamen während ihrer gesamten Haftzeit lediglich ihren Vernehmer, den Zellenschließer sowie ihren Anwalt zu Gesicht. „Das ewige Alleinsein war eine besonders subtile Form der Folter. Du wirst zwar nicht körperlich verletzt, aber nach einiger Zeit hast du das Gefühl, dass deine eigenen Gedanken dich umbringen“, erklärt Schulze, der zwei Monate in Einzelhaft verbrachte. Er empfand besonders die Wochenenden als dramatisch und meint, er hätte sich schon fast gefreut, dass er am darauffolgenden Montag seinen Vernehmer wiedersah, um wenigstens ein bisschen menschlichen Kontakt zu bekommen, obwohl die fast täglichen Verhöre eine Tortur für den damals 33-Jährigen waren. Sie bestanden größtenteils daraus, Schulze dazu zu bringen, Taten zu gestehen, die er nicht begangen hatte. Im Sommer 1987 wurde Schulze an einem sonnig warmen Tag in das Vernehmerzimmer 265 gebracht, wie schon etliche Male zuvor.

Völlig anders als erwartet

Dieses Mal jedoch meinte der Vernehmer, er müsse ihm „offiziell etwas mitteilen“. Schulze hoffte nach achteinhalb langen Monaten wieder nach Hause zu kommen. Zu seiner Enttäuschung entwickelte sich das Gespräch anders als erwartet. Denn der Vernehmer teilte ihm mit, dass die Anklage erweitert worden sei um die Beschuldigungen des „Verrats von Staatsgeheimnissen“, „Staatsfeindlicher Menschenhandel“, „Unterstützung zur Vorbereitung eines ungesetzlichen Grenzübertritts“ und „Devisenvergehen“. Nachdem Schulze kurz überschlagen hatte, dass daraus eine Haftzeit von mindestens 45 Jahren resultieren würde, war seine mentale Grenze erreicht. Interessant war für ihn jedoch, dass die ursprüngliche Anklage der Spionage plötzlich fallengelassen wurde. Zu diesem Urteil wurde das Militärgericht hinzugezogen, woraus folgte, dass Schulze wenige Tage später einen Termin mit einem Militärbeauftragten hatte. Dabei stellte sich heraus, dass fast alle Anklagen, die gegen ihn erhoben worden waren, fallengelassen werden mussten, da er gar kein DDR Bürger war und demnach nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Schlussendlich wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft in Bautzen verurteilt, jedoch wegen einer Amnestie frühzeitig entlassen.

Sie hatten kein Besuchsrecht

So konnte Schulze zu Fuß nach West-Berlin zurückkehren. „Ich kam zurück in meine alte Wohnung, als wäre nichts gewesen, nur mit dem Unterschied, dass mittlerweile 13 Monate vergangen waren“, erklärt der heute 64-Jährige. Freunde und Verwandte aus West-Berlin waren heilfroh, als er endlich wieder zu Hause war. Sie waren lediglich über seine Inhaftierung informiert worden, hatten jedoch kein Besuchsrecht. Seinen Beruf hätte Schulze nach seiner Rückkehr wiederaufnehmen können. Allerdings sollte er sofort wieder das DDR-Geschäft übernehmen, was er nach allem, was passiert war, ablehnte. Schulzes ehemalige Freundin saß zur selben Zeit in derselben Haftanstalt ein. Er hat die junge Frau nach der Wende noch das eine oder andere Mal wiedergesehen, wobei er immer noch nicht wusste, dass sie als Agentin gearbeitet hat. Als jedoch 2009 die ganze Wahrheit über ihre Identität aufgedeckt wurde, setzte sie sich in die Schweiz ab, und die beiden hatten seitdem keinen Kontakt mehr.

Was wirklich geschehen ist

„Es gibt verschiedene Gründe, weswegen ich heute die Besucherführungen in der Haftanstalt Hohenschönhausen mache“, erklärt Schulze. „Einerseits ist es jeden Tag aufs Neue eine Konfrontation mit der schmerzlichen Vergangenheit, andererseits kann nur auf diese Weise das zutage kommen, was wirklich hinter diesen Mauern geschehen ist. Das ist der Grund, warum meine Kollegen und ich tagtäglich unser ehemaliges Gefängnis betreten.“ Immer wieder fragen ihn Leute, ob er an einer Verfilmung oder am Schreiben eines Buches über seine Geschichte interessiert wäre. „Für solche Projekte ist es vorteilhaft, mit alldem wieder vor Ort konfrontiert zu werden, aber dennoch habe ich auch heute noch manchmal das Gefühl – gerade früh am Morgen, wenn dieser typische Geruch in der Luft hängt –, dass gleich mein Vernehmer um die Ecke kommt und mich wie gewohnt zum Verhör ins Zimmer 265 bringt.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinDDRHohenschönhausenLeipziger MesseStaatssicherheitFolter

Anzeige