Jugend schreibt
Tagebucharchiv

Eintauchen in die Leben anderer

Von Johanna Florian, Gymnasium Kenzingen
© Andrea Koopmann, F.A.Z.

Jeder hat das Recht, gehört zu werden.“ So formuliert Marlene Kayen die Maxime des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen, einer Stadt 14 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau. Im gleichen Atemzug stellt die Vorstandsvorsitzende eine kleine Weidenkiste mit Liebesbriefen auf den Tisch, woran ein anmutig gestaltetes Stoffherz hängt. Der Name „Ottole“ steht in schöner Schrift darauf geschrieben. Vorsichtig, um nichts zu knicken, zieht Kayen ein altes Schwarzweißfoto heraus, auf dem ein junges Paar zu erkennen ist. Ausgelassen und glücklich umarmen sich die Verliebten auf einer Wiese. „Bald darauf kam dieser Mann im Zweiten Weltkrieg ums Leben. Seine Verlobte reiste als 90-Jährige persönlich nach Emmendingen und übergab uns die Liebe ihres Lebens.“

Aufnahme in der Datenbank

Das Tagebucharchiv befindet sich im Alten Rathaus auf dem Marktplatz. Es besitzt 17 636 Dokumente, bestehend aus Tagebüchern, Briefen und Lebenserinnerungen. Außerdem gibt es ein kleines Museum, das einige Dokumente der Öffentlichkeit in wechselnden Ausstellungen zugänglich macht. Getragen wird die Arbeit des Archivs, das als gemeinnütziger Verein eingetragen ist und zwei festangestellte Mitarbeiter hat, von rund 630 Mitgliedern und 90 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich um die Archivierung der Dokumente, das Transkribieren, die Erschließung und die Aufnahme in die Datenbank kümmern. „Sie sorgen dafür, dass Tagebücher, Erinnerungen, Briefe, die wir sammeln, nicht verlorengehen“, sagt Marlene Kayen, die ehrenamtlich tätig ist. Vor einem Jahr übernahm die pensionierte Englisch- und Französischlehrerin den Vorstandsvorsitz von Frauke von Troschke, die das Archiv vor 18 Jahren gründete. Schon immer besaß die Lehrerin großes Interesse an Literatur, Kultur und Büchern, vor allem dann, wenn eine Verbindung zu Menschen und Menschlichem bestand.

Von den Texten entfernt

Ihren ersten Kontakt mit dem Tagebucharchiv hatte sie kurz nach dem Tod ihres Vaters, als sie dessen Briefe abgab. Eine Mitarbeiterin begeisterte sie in einem langen Gespräch damals dafür, ebenso mitzuarbeiten. Als Vorstandsvorsitzende kümmert sie sich heute um Projekte, Besucher, Sitzungen und die Zukunft des Archivs. Obwohl ihr die Arbeit Freude macht, bedauert sie es, dass sie sich durch die Managementaufgaben von den Texten entfernt. Denn besonders das Transkribieren der Tagebücher bereitet ihr große Freude. Dass sie es sich selbst beigebracht hat, in Kurrent oder Sütterlin geschriebene Texte zu übertragen, empfindet sie als Gewinn: „Wenn man ein 100 Jahre altes Buch transkribiert, taucht man in ein anderes Leben ein, und wenn man fertig ist, muss man sich von einem Freund verabschieden.“

Geruch von Parfüm und Leder

Die 17-jährige Anneliese ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Das zugleich kluge und naive Mädchen schreibe in ihren Tagebüchern über ihr Leben als Pfarrerstochter nach dem Ersten Weltkrieg und über die Ereignisse in ihrem Dorf Dörscheid, das am rechtsrheinischen Ufer von den Franzosen besetzt wurde. Marlene Kayen amüsiert sich darüber, wie sich das Mädchen über im Haus einquartierte Offiziere beschwerte, die einen seltsamen Geruch von Parfüm und Leder hinterließen. „Wenn man so ein Tagebuch liest, wird die scheinbar tote Materie lebendig.“ Dass auch die Öffentlichkeit ein großes Interesse an den autobiographischen Zeitzeugnissen hat, verdeutlicht der Erfolg der Veranstaltungsreihe „Zeitreise“, die im nächsten Herbst zum 19. Mal stattfinden wird und bei der Texte zu unterschiedlichen Themen vorgetragen werden. Die jährlichen Broschüren der „Lebensspuren“ bieten mit ihren Kurzfassungen seit zwölf Jahren einen Überblick über die eingesandten Dokumente und stehen, ebenso wie der Online-Katalog, der wissenschaftlichen Autobiographie-Forschung zur Verfügung.

Tabakplantage in Afrika

Auch die Erinnerungen aus dem Tagebuch „Africa gets under your skin“, das Brigitte Jarvis verfasste und selbst im Tagebucharchiv abgab, werden in einer Broschüre der Zeitreise-Reihe genannt. Insgesamt schrieb die heute 89-Jährige zwei Tagebücher auf Englisch und übersetzte diese ins Deutsche. Zurzeit schreibt sie an ihrem dritten Tagebuch. 1950 heiratete die gebürtige Breslauerin nach der Flucht über die Zonengrenze nach Westdeutschland in Hamburg ihren Mann, der aus England stammte. Dessen Wunsch war es, nach Afrika zu ziehen, wo er eine Tabakplantage erwarb, die er weiter aufbauen wollte, um sie dann seinen Kindern zu hinterlassen. Nachdem sie seine Verwandten in England besucht hatten, flogen sie im Oktober 1950 in einem Propellerflugzeug nach Südrhodesien in Afrika, wo sie eine Farm betrieben und ihr erstes Kind bekamen. Zu den Eingeborenen hatten sie ein gutes Verhältnis. Rechtzeitig informierten sie die Familie Jarvis über die Aufstände, so dass sie in den sechziger Jahren unversehrt dem Bürgerkrieg im heutigen Zimbabwe entkamen. „Erst wollte ich in Afrika bleiben, doch jetzt bin ich froh, dass ich auf die Eingeborenen und auf meinen Mann gehört habe, sonst wäre ich jetzt nicht mehr am Leben.“

Offene Kosmopolitin

Danach ließen sie sich in Surrey, südlich von London an der Themse, nieder, wo Brigitte Jarvis einen zweiten Sohn bekam und viele Jahre als Prokuristin einer Vertriebsfirma arbeitete. Wann genau sie mit dem Schreiben anfing, weiß sie nicht mehr. Ursprünglich waren ihre Erinnerungen nur für ihre Familie gedacht: „Beide Söhne und ihre Familien leben im Ausland, in Australien und Südafrika, und wissen leider wenig von deutschen Sitten und Gebräuchen.“ Doch mit der Zeit wurde der offenen Kosmopolitin klar: „Das Tagebuchschreiben hat mir geholfen, das Erlebte zu verarbeiten, vor allem die Kriege in Deutschland und Afrika.“

Bleibendes hinterlassen

Tagebücher wie diese nutzen vor allem Forscher, Studenten, Journalisten, Doktoranden und Historiker für ihre Recherche. Auch wenn das akademische Interesse und der wissenschaftliche Nutzen groß sind, werde von öffentlichen Stellen zu oft vergessen, dass man für die Arbeit im Archiv auch Geld benötige. „Ehre wird uns genug zuteil, aber ein Tagebucharchiv muss auch finanziert werden, damit es uns in 100 Jahren auch noch geben kann“, sagt Marlene Kayen. Frau Jarvis, die viel erlebt und zu erzählen hat, hat ihre Tagebücher abgegeben, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Sie bestätigt eine andere Maxime, die sich das Team gesetzt hat: „Das Deutsche Tagebucharchiv sorgt dafür, dass niemand vergessen wird.“

Quelle: F.A.Z.
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