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Tierärzte

Ohne Zahnweh ins Gras beißen

Von Jessica Greif, IGS Gerhard Ertl, Sprendlingen
 - 14:06
Drei Tierärztinnen über ihren fordernden Berufsalltag Bild: Andrea Koopmann, F.A.Z.

Wind fegt durch den Offenstall in Heidesheim. Bei der braunen Ponystute setzt langsam die Wirkung der Beruhigungsmittel ein. Widerstandslos lässt sie sich Maulgatter und den Dentalhaltering anlegen. Die Pferdetierärztin und Inhaberin einer ambulanten Fahrpraxis mit Büro in Ingelheim Inka Kreling-Boysen kann mit der Behandlung beginnen. Nach sorgfältiger Untersuchung des Zahnzustandes entfernt die mit Stirnlampe ausgerüstete Tierärztin mit Schleifgeräten Kanten und Haken an den Backenzähnen der Stute, dann korrigiert sie die Fehlabnutzung der Schneidezähne.

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Ungeplante Extraktion des Schneidezahns

Die 55-Jährige mit blondem, kurzem Haar erklärt, dass das Pferd bei zu langen Schneidezähnen einen starken Druck aufbauen muss, um die Backenzähne miteinander in Kontakt zu bringen. Ziel der Behandlung ist es, dass sich Ober- und Unterkiefer leicht gegeneinander verschieben lassen und die Backenzähne dabei einen guten Kontakt aufbauen. Nur so sind eine physiologische Kaubewegung und ein gleichmäßiger Abrieb der Zähne möglich. Bei der Routinekontrolle muss eine ungeplante Extraktion des oberen linken Schneidezahns vorgenommen werden. Aufgrund typischer Symptome stellt sie bei der Stute eine schmerzhafte, entzündliche Erkrankung der Schneide- und Backenzähne fest, bei der es zu einer Auflösung der Zahnhartsubstanzen und übermäßiger Ersatzbildung von Zahnzement kommt: Das Zahnfleisch zieht sich zurück, es bildet sich Zahnstein, das führt zu einer Lockerung des Zahns. Nach der Extraktion verschließt die Veterinärin das Zahnfach mit einer Tamponade und klärt über den Fortgang der Behandlung auf. Sie verschreibt ein Medikament, das als Entzündungshemmer und zur Schmerztherapie dient.

Sie müssen viel dokumentieren

Die Zahnpflege ist nur eine von vielen Behandlungsleistungen, die ein Tierarzt täglich ausführt. Der Alltag ist individuell gestaltet. Dabei hänge es unter anderem von Größe und Inventar der Praxis oder Klinik ab, ob Patienten ambulant oder stationär behandelt werden, macht die auf Verhaltenstherapie für Hund und Katze spezialisierte Tierärztin einer Kleintierpraxis in Mainz-Drais Gabriele von Gaertner deutlich. Neben niedergelassenen Praxen gibt es ambulante Fahrpraxen, die sich auf Hausbesuche beschränken. „Unabhängig von der Praxisform kommt neben der praktischen Arbeit auch Verwaltungs- und Dokumentationsarbeiten ein hoher Stellenwert zu“, sagt von Gaertner. Die Dokumentationstätigkeit ist unter anderem aus forensischen Gründen, für Verlaufskontrollen, die Apothekenführung, Abrechnungen und das Personalwesen notwendig. Ohne diese wäre das ständig wachsende Fachwissen nicht umsetzbar.

Empathie für Lebewesen

„Der praktische Tierarzt, so wie man ihn sich vorstellt, ist nur eine Sparte unseres Berufes“, erklärt Johanna Engl, Fachtierärztin für Pferde und Pferdechirurgie der Pferdeklinik Ludwigshafen. „Viele Tierärzte gehen nach dem Studium auch andere Wege, als Amtstierarzt in der Lebensmittelproduktion oder der Pharmaindustrie.“ Zusätzlich erfolgt nach Abschluss des Studiums die Spezialisierung in verschiedene Disziplinen wie Pathologie, Chirurgie oder Tiergruppen, wie Kleintiere, Pferde oder Nutztiere. Auf die Frage, was einen guten Tierarzt auszeichne, sagt Engl: „Ein guter praktischer Tierarzt sollte im Sinne des kranken Tieres handeln und ihm unnötige Leiden ersparen. Dabei ist es nicht immer leicht, die medizinische Professionalität mit der Empathie für das Lebewesen unter einen Hut zu bekommen.“ Die Kompetenzen und Fähigkeiten des Tierarztes seien vor allem abhängig von der Qualität der Ausbildung, so seien ein überdurchschnittliches Abitur, ein Studium mit Numerus clausus und die Bewährung während der Assistenzarztzeit von Bedeutung, sagt von Gaertner. Man sollte psychisch und physisch belastbar sein, „sich an körperlicher Arbeit erfreuen und die Arbeit mit Mensch und Tier schätzen“.

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Es gibt auch weniger schöne Erlebnisse

Ein wichtiger Faktor zum Aufbau einer vertrauensvollen Tierarzt-Tierbesitzer-Beziehung ist neben der fachlichen Kompetenz des Veterinärs eine bestmögliche Kommunikation mit dem Tierbesitzer. Informationsflüsse müssen zuverlässig ablaufen, um einen Therapieerfolg soweit wie möglich zu sichern. Vereinzelt leidet das Verhältnis auch darunter, dass Tierhalter tierärztliche Leistungen in Anspruch nehmen, die sie nicht bezahlen können oder wollen. Wie jedes andere Berufsfeld ist das Tierarzt-Dasein von schönen und weniger schönen Erlebnissen geprägt. Die Euthanasie eines Patienten geht nicht nur den Besitzern zu Herzen, sondern berührt auch den Tierarzt immer wieder aufs Neue. Positive Erfahrungen lassen negative Erlebnisse aber verblassen. „Das Schönste ist die Arbeit mit dem Lebewesen und im Fall von Großtier- und Pferdepraktikern das Arbeiten im Freien, zumindest wenn die Sonne scheint“, sagt Engl. Für von Gaertner steht fest: „Jeder Fall ist etwas Besonderes und Einzigartiges.“ Für sie sei es immer eine schöne Erfahrung, wenn sie bei der Behandlung Erfolg habe, ein Wiedersehen mit einem genesenen Patienten erlebe und die positive Berichterstattung der Tierhalter vernehme.

Spenderpferd fürs kranke Fohlen

Für Engl war vor allem ein Erlebnis bewegend: „Es wurde ein Fohlen geboren, das eine Verkürzung der Sehnen hatte und deshalb nach der Geburt nicht aufstehen und nicht am Euter trinken konnte. Die Besitzer brachten es in die Klinik. Ein Fohlen muss in den ersten 36 Stunden die Biestmilch aufnehmen, um sein Immunsystem aufzubauen und Antikörper aufzunehmen. Das war bei diesem Tier nicht erfolgt, so dass eine Bluttransfusion an das Fohlen nötig wurde. Die Besitzer eines anderen vierbeinigen Patienten haben sofort zugestimmt, ihr Pferd als Spenderpferd zur Verfügung zu stellen, und so konnten wir das Fohlen versorgen. Die Beine wurden eingeschient, und der Kleine konnte aufstehen. Die Besitzer des Fohlens haben ihm den Namen des Blutspenders gegeben aus Dankbarkeit. Die Sehnenverkürzung hat sich mit dem Wachstum auch ausgeheilt.“

Zwei Tage später, am Datum des Kontrolltermins, untersucht Kreling-Boysen das sich bereits im Heilungsprozess befindende Zahnfach des extrahierten Zahns und erneuert die Tamponade. Nach der Behandlung wird das Pony zurück auf die Koppel zu den anderen entlassen, wo ihm das Gras ohne Zahnschmerzen offenkundig viel besser schmeckt.

Quelle: F.A.Z.
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