Sri Lanka-Reise

Auf Adams Spuren zum Gipfelglück

Von Nikolai Wolf, Werner Wuttke, Hotelfachschule Heidelberg
 - 13:52

Die Luft im Hochland der alten britischen Kolonie Ceylon ist kühl, die Nacht noch jung. Gelegentlich strömen schemenhafte Gestalten aus den Herbergen in die Dunkelheit. Manche sind mit einer Stirnlampe bewaffnet, um dem Kiesweg zu folgen, der zur ersten Stufe führt. Flackernde Lichter weisen den Weg durch die Finsternis. Die Wanderer hoffen auf einen der anmutigsten Sonnenaufgänge in dieser Welt. An einem Schrein mit einer Buddha-Statue erhält man einen Segen für den Weg. Die leeren Teestuben am Rand lassen erahnen, wie viele Menschen diesen Weg einschlagen, wenn der erste Vollmond im Dezember den Himmel durchquert und die Pilgersaison eröffnet.

Pausen sind wichtig in dieser Nacht

Im Westen ist der Berg unter dem Namen „Adam’s Peak“ bekannt. Nach muslimischer Überlieferung setzte Adam, nachdem er verbannt wurde, auf diesem Gipfel seinen Fuß das erste Mal auf die Erde und beweinte den Abschied aus dem Paradies 1000 Jahre lang. Die Christen nehmen an, dass der Apostel Thomas während seiner Missionarsreise seinen Fußabdruck dort hinterließ. Im Hinduismus glaubt man, dass es der Gott Shiva war, der seinen Abdruck für die Menschheit hinterlassen hatte. Und für Buddhisten ist die 1,60 Meter lange und 75 Zentimeter breite Vertiefung auf dem Gipfel der Fußabdruck Buddhas. Pausen sind wichtig in dieser Nacht. „Die Anstrengung ist schon nach den ersten hundert Stufen zu spüren“, erklärt Fiona Zimpfer aus Konstanz. Die junge Hotelfachfrau ist über Kandy in der Mitte der Insel hierhergekommen. Sie trägt Wanderstiefel, Outdoor-Hose und Soft-Shell-Jacke. Ihr rosa Multifunktionstuch nutzt sie als Gesichtsschutz gegen den Wind oder als Band für ihre schulterlangen Haare.

Lächelnd bietet er eine Tasse Tee an

Die Stufen werden schmaler und höher. Der anfänglichen Leichtigkeit folgt die Schwere der ersten tausend Absätze. Ein alter Mann steht im Schimmer einer Kerze in seinem Teehäuschen am Wegesrand. In gebrochenem Englisch bietet er lächelnd eine Tasse Tee an. Ein heißer Ceylon-Tee bringt neue Kraft. Die Demokratie, die sich erst 1972 vom britischen Empire löste, hieß bis dahin Ceylon. Die scheinbar endlosen Teefelder, die man auf dem Weg von Hatton nach Dalhousie, dem Ausgangspunkt des Aufstiegs, sieht, prägen das Hochland. Die vielen kleinen und mittleren Wasserfälle bezaubern. Während der Pilgerzeit vom ersten Vollmond im Dezember bis zum letzten Vollmond im Mai machen sich nächtlich Tausende an den Aufstieg. Nach buddhistisch-singhalesischer Ansicht sollte jeder diesen Weg mindestens einmal gehen. Seit 1980 ist er zu dieser Zeit elektrisch beleuchtet. Um den Gipfel des „Sri Pada“, wie die Buddhisten ihn nennen, zu erreichen muss eine Strecke von mehr als sieben Kilometern zurückgelegt werden. Dieser Weg führt über 5200 Stufen auf eine Höhe von 2243 Metern. Ein Blick nach oben überwältigt. Der Mond wirft seinen seidenen Schimmer auf den Gipfel. Der Blick schweift nach unten, und der Schönheit des Augenblicks weicht das Bewusstsein, dass nicht einmal die Hälfte geschafft ist. Wichtig sei, jemanden dabei zu haben, der einen antreibte, sagt Fiona Zimpfer. „Sonst wäre ich ab der Hälfte einfach wieder umgedreht.“

Blick bis zur Hauptstadt Colombo

Vogelgesang und ein Konzert verschiedener Insekten erfüllen die Nachtruhe. Eine Brise streichelt die Schweißperlen im Nacken. Die Fußsohlen brennen, unbekannte Muskelpartien schmerzen. Die letzten hundert Stufen sind so steil in den Felsen gehauen, dass ein Geländer angebracht wurde. Nach den beschwerlichen Stunden gönnt man sich eine Rast auf den Stufen am Rand des Tempels. Der Schleier der Nacht weicht dem goldenen Samt der ersten Sonnenstrahlen. Das Panorama auf die „Perle des Indischen Ozeans“, wie Marco Polo Sri Lanka nannte, ist atemberaubend. Bei klarem Wetter ist es möglich, die 65 Kilometer entfernte Hauptstadt Colombo zu erblicken. Mit dem Bezwingen des Berges erwirbt man das Recht, die Glocke des Tempels einmal zu läuten. Das Heiligtum des Bergtempels, der Fußabdruck, wird nur während der Pilgerzeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Langsam zeigt die Sonne ihre unbarmherzige Kraft und ermuntert einen, den Abstieg ins Auge zu fassen.

Quelle: F.A.Z.
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