Wohnkonzept

Das Dorf in der Stadt

Von Paula Tröster, Kantonschule Zürcher Oberland, Wetzikon
 - 13:39

Im Hof fühlt man sich ein wenig wie in einem Panoptikum“, sagt Simone Isliker lachend. Sie hat Philosophie studiert und später bei der Polizei in der Kommunikation gearbeitet. Der Innenhof der Kalkbreite liegt wie eine Insel inmitten des belebten Zürcher Quartiers Außersihl. Bäume und Sträucher im sonnendurchfluteten Hof spenden Schatten. Der Hof ist für alle zugänglich, auch für Menschen, die nicht in der Siedlung wohnen. Dort trifft man Jung, Alt und Familien mit Kindern an. Die großen Fenster der Wohnungen öffnen den Blick in den belebten Hof. Ein Teil der Dachlandschaft, die den Hof ringförmig umschließt, kann öffentlich genutzt werden. Simone Isliker wohnt dort mit ihrem Freund, seitdem das Areal vor drei Jahren fertiggestellt worden ist. Eigenen Wohnraum reduzieren und stattdessen mehr ins Zusammenleben investieren, so lautet das Konzept der modernen Siedlung. Hier lässt es sich im Vergleich zu anderen Neubauwohnungen in der Stadt Zürich preisgünstig leben.

Bibliothek und Waschsalon

Um das Zusammenleben gemeinsam zu gestalten und zu organisieren, trifft sich der Gemeinderat monatlich, um Wünsche und Probleme an- und auszusprechen. Simone Isliker findet gut, dass es diese Möglichkeit gibt und sich Bewohner für das gemeinsame Wohl engagieren. Zum Wohnkonzept gehören Gemeinschaftsräume und Einrichtungen. In der Eingangshalle steht zum Beispiel ein großes Bücherregal. Wer Leselust verspürt, darf sich bedienen. Auffällig ist die bunte Zusammenstellung unterschiedlicher Einrichtungsstücke. „Diese Möbel habe ich noch nie gesehen, obwohl ich hier mindestens zweimal in der Woche vorbeikomme“, schmunzelt die 33-Jährige und betrachtet eine Couch in der Caféteria. „Ein Möbelhaus nutzt die Kalkbreite als Werbefläche und stellt regelmäßig neue Einrichtungsstücke zur Verfügung.“ Gegenüber der siedlungseigenen Bibliothek finden sich Nachbarn zum Wäschewaschen im gemeinsamen Waschsalon zusammen. Auf einem für Besucher unzugänglichen Teil des Daches sind Wäscheleinen aufgespannt.

Katzensprung zur Haltestelle

„Bei den Kräutern“ nennt sich ein anderer Abschnitt der Dachanlage, auf dem sich das Hochbeet befindet. Simone Isliker berichtet erfreut von den Setzlingen in ihrem Beet: „Ich habe Brokkoli, Artischocken, Fenchel und Blumenkohl angepflanzt.“ Gemüse und Kräuter wachsen mit Panoramablick über die Dächer der Stadt. „Ich bin im Zürcher Oberland in einem Bauernhaus aufgewachsen“, berichtet die junge Frau, „das nächste Haus war einen halben Kilometer entfernt.“ Obwohl sie heute mitten in der Stadt wohnt, fühlt sie sich hier wohl und kann sich vorstellen, noch lange in der Kalkbreite zu bleiben. Die Bewohner und Arbeitenden der Kalkbreite verzichten auf ein Auto. Dabei sind die zentrale Lage und eine gute Verkehrsanbindung von großem Vorteil. Bei der Planung musste keine Fläche für Parkplätze bereitgestellt werden, was sich letztlich günstig auf die Mieten auswirkt. Zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn ist es nur ein Katzensprung. In zehn Minuten gelangt man zum Hauptbahnhof, an den Paradeplatz oder die Seepromenade.

Abends ins Kino oder ins Bebek

Nicht nur der öffentliche Verkehr liegt direkt vor der Haustüre. Rund um das Areal im Erdgeschoss und in den beiden Obergeschossen, sind Gewerbeflächen verteilt. „Wenn ich Lust habe, am Abend noch etwas zu unternehmen, aber nicht richtig wegwill, muss ich nicht einmal das Gebäude verlassen. Dann gehe ich ins Kino oder ins Bebek“, erklärt Simone Isliker. Vom hoch gelegenen Innenhof führt eine Treppe zum von Blumen und bunten Glühlampen geschmückten Café Bebek. Die Speisekarte lockt mit orientalischen Gerichten, die man hier von früh bis spät genießen kann. „Ich verabrede mich gerne in der Nähe, und die Leute kommen gerne her, weil es gut gelegen ist.“ Auf dem 6650 Quadratmeter großen Areal wird den Bewohnern der 88 Mietwohnungen von einer Arztpraxis über einen Optiker bis hin zum Geburtshaus vieles geboten. Ein Möbelhändler sowie ein Lebensmittelladen sind Teil der Gewerbefläche. Dazu gehören auch das „Houdini Kino“ und die gleichnamige Bar. Die Umsetzung der Anforderungen des Minergie-Standards waren beim Bau nicht nur aus ökologischen Gründen richtungsweisend, sondern kommt vielen Hinsichten den Bewohner zugute.

Externe können Musikräume mieten

„Die Stimmung ist eher wie in einem kleinen Dorf, und das Wohnklima ist sehr angenehm. Ich fühle mich im ganzen Haus zu Hause“, schwärmt Simone Isliker. „Im Gegensatz zum Land ist es in der Stadt nicht unbedingt üblich, seine Nachbarn zu kennen.“ Das gemeinschaftliche Leben schafft die besondere Atmosphäre in der Siedlung, die das Gefühl vom Dörflichen weckt und die städtische Anonymität auflöst. Die Zusammensetzung der Bewohner ist ein Spiegelbild der Stadt Zürich, eine Durchmischung verschiedener Kulturen und sozialer Schichten und Generationen. So individuell und unterschiedlich wie die Bewohner, sind auch die Wohnformen. Die Siedlung ist angelegt für ein großes Spektrum unterschiedlichster Bedürfnisse. Der Wohnraum ist dabei auf rund 35 Quadratmeter je Person festgelegt. Dank Familien- und Gemeinschaftswohnungen und Wohngemeinschaften für Jugendliche ist für jeden etwas zu finden. Ergänzend zu den eigenen vier Wänden können die Bewohner der Kalkbreite, Gemeinschaftsräume mieten, reservieren und nutzen. Es stehen unter anderem eine Sauna, eine Werkstatt, ein Kühlraum und Musikräume bereit, Letztere sind auch für Externe mietbar.

Zeichen für den Wandel

Unweit der Kalkbreite liegt die ETH Zürich. Dort wurde das ressourcenschonende Konzept der sogenannten 2000-Watt-Gesellschaft vor mehr als 20 Jahren entwickelt. Bei einer Abstimmung im Jahr 2008 haben die Stadtbewohner von Zürich deutlich für das energiepolitische Konzept abgestimmt. Das Ziel dabei ist, den Energieverbrauch je Person auf 2000 Watt Primärenergie bis zum Jahr 2050 zu reduzieren. Ein Zeichen für das nachhaltige Bauen und den Wandel in Zürich ist die Kalkbreite. Die Idee findet auch in anderen Städten der Schweiz wie Genf und Luzern Zuspruch, und es entwickeln sich ähnliche, interessante Wohnprojekte.

Quelle: F.A.Z.
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