Maskenbildner

Wenn Solisten im Lauf des Abends altern

Von Jessica Holzach, Kantonschule Zürcher Oberland, Wetzikon
 - 15:28

Schon beim Betreten des kleinen Raums mit den großflächigen Fenstern an der einen Wand ahnt man, welcher Beruf hier ausgeübt wird. In der Mitte steht ein Tisch, und unter den Fenstern sind Ablagen. Auf den Ablageflächen stehen unter anderem Modellierköpfe mit Perücken. In einem angrenzenden Raum sind große Spiegel, davor Stühle, auf weiteren Ablageflächen Make-up-Produkte und Pinsel. Im Hintergrund hört man einen Sänger, begleitet von einem Klavier, der eine Arie übt. Es ist der Arbeitsplatz von Wolfgang Witt und seinem Team von Maskenbildnern am Opernhaus Zürich. An einem normalen Arbeitstag stellt Wolfgang Witt alles Nötige bezüglich Gesicht und Frisur für die Verwandlung der Solisten in ihre Rollen her.

Von Büffel und Ziege

Da sind zum Beispiel die benötigten Perücken. Diese müssen auf jede Person angepasst werden, denn die Perücke muss genau mit dem Verlauf des Haaransatzes übereinstimmen. Etwa neunzig Prozent aller Perücken sind aus echten Haaren hergestellt, die restlichen sind aus synthetischen Haaren oder Tierhaaren. Dabei werden Haare vom tibetischen Büffel oder selten Haare der Angoraziege verwendet. Die echten Haare für Perücken werden von einer europäischen Firma geliefert, die die Haare präpariert und färbt. Diese Haare stammen von indischen Frauen, die sich die Haare wachsen lassen und dann abschneiden, um sie in einem Tempel als Opfergabe für die Götter zu geben. Der Tempel hat keine Verwendung für diese Haare, so kaufen die Haareinkäufer der europäischen Firma die Haare dem Tempel ab. Die Haarlänge kann zehn bis achtzig Zentimeter betragen. „Der große Vorteil an Perücken mit echten Haaren ist, dass man alles machen kann, was man mit den eigenen Haaren auch machen kann“, erklärt der 49-Jährige. Aus diesen Haaren werden auch Bärte, Schnurrbart und Koteletten hergestellt.

Für den Zauberer von Oz

Neben den Perücken werden hier auch „die Special Effects“, wie sie Witt nennt, gefertigt. Das ist ein dreidimensionales Make-up, zum Beispiel Nasen oder andere Körperteile, sowie Wunden und Narben, die dem Solisten angeklebt werden. Um diese wie auch die Perücken zu befestigen, werden verschiedene Kleber verwendet, ein Acrylkleber, ein Silikonkleber oder ein Kleber, der früher aus Pflanzenharz bestand, jetzt aber synthetisch hergestellt wird. Welcher Kleber wann benützt wird, ist situationsabhängig: „Mit dem einen Kleber befestigt man Perücken, mit dem anderen Ohren.“ Am wichtigsten sei, dass die Sänger nicht allergisch auf den Kleber reagieren.

Ein Opernsänger betritt nach einem Ausprobieren einer komplizierten Maske den Raum, er trägt eine riesige Perücke, die eine Löwenmähne darstellt, und eine Löwenschnauze auf dem Nase- und Mundbereich, da er beim Stück „Der Zauberer von Oz“ mitspielt. „Na, gut gebrüllt, Löwe?“, fragt Witt belustigt. „Roar!“, antwortet der Sänger mit seiner kräftigen Stimme.

Sie schwitzen und werden nachgeschminkt

Der Kontakt mit Menschen spielt eine große Rolle, das gefällt Witt, aber natürlich noch mehr: „Das Schöne an diesem Beruf ist, dass man viel Abwechslung hat“, erklärt der ansatzweise ergraute Maskenbildner. Natürlich gehört das Schminken der Solisten auch dazu. Das ist aber nicht in allen Ländern der Fall, denn in Italien, Frankreich oder den Vereinigten Staaten zum Beispiel sind es drei einzelne Berufe. Dort macht der eine die Perücken und Frisuren, der andere das Make-up und der Letzte Special Effects wie Wunden und Narben.

Die Maskenbildner müssen oft bis spätabends bleiben, sie sind während der Aufführungen im Opernhaus anwesend. Das ist wichtig, denn die Schauspieler und Sänger schwitzen oft und müssen nachgeschminkt werden. Es kam auch schon mal vor, dass ein Solist im Laufe des Stücks altert. So muss er während der Sequenzen hinter der Bühne ganz schnell älter geschminkt und ihm eine andere Perücke aufgesetzt werden. Da die Stücke erst abends anfangen, wird es meistens spät, bis man nach Hause gehen kann. „Das ist mühsam, wenn man zum Beispiel frisch verliebt ist. Man arbeitet abends lange und sieht sich so nur wenig“, sagt Witt.

Lange Arbeitstage

Selbst an Feiertagen wird gearbeitet. Denn zu diesen Zeiten gibt es natürlich auch Vorstellungen. Da das Opernhaus im Sommer zwei Monate vorstellungsfreie Zeit hat, müssen die Maskenbildner während dieser Zeit sechs Wochen Ferien machen. „Ich würde schon auch gerne mal im Winter für sechs Wochen verschwinden, an einen Ort, wo es warm ist und man im Meer baden kann.“ Neben den Wochen im Sommer haben die Maskenbildner noch etwa eine Woche Ferien, die sie individuell nehmen können. Denn durch die langen Arbeitstage müssen die Überstunden und Feiertage kompensiert werden. Ein typischer Arbeitstag beginnt um neun Uhr morgens. An manchen Tagen treffen dann schon bald die ersten Sänger ein, um sich für die Proben bereitzumachen. „Ich spreche gerne von Perücke und Make-up als einer Einheit, denn für mich gehört beides zusammen“, erklärt Witt. Bei einer Frau dauert dies etwa eine Stunde und zwanzig Minuten bei einem Mann.

Schieflage bei energischer Bewegung

Wenn dann alle fertig hergerichtet sind, geht es zur Probe. Auch die Maskenbildner machen sich auf den Weg, denn sie sitzen im Zuschauerraum und begutachten, wie das Make-up oder die Haare vom Zuschauerraum aus wirken. Auch wird bei den Proben getestet, ob die Special Effects halten oder eine aufgesetzte Nase zum Beispiel bei einer energischen Bewegung wegrutscht. Zur Vorbereitung auf die Vorstellung muss auch überprüft werden, ob die Sänger genug Luft durch die aufgesetzte Nase bekommen.

Nach so einer Probe sind die Maskenbildner optimal auf die Vorstellung vorbereitet. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass ein Sänger nicht auftreten konnte und ein Ersatz einspringen musste. „In solchen Fällen müssen wir einfach ein bisschen zaubern“, sagt Witt. Denn die Perücke passt dem neuen Sänger wahrscheinlich nicht, aber zum Glück gibt es einen ziemlich großen Fundus. Dort suchen sie dann nach einer Perücke mit der einigermaßen gleichen Kopfgröße und Haaransatzform. Um solche Stresssituationen zu vermeiden, könnte man für die Ersatzsängern eine Perücke fertigen, jedoch weiß man nicht immer im Voraus, wer einspringen wird. Also bleibt nichts anderes übrig, als im Notfall zu improvisieren.

Quelle: F.A.Z.
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