Kino in Nordkorea

Pjöngjangs Propaganda-Fabrik

Von Anne Schneppen, Pjöngjang
© AP, F.A.Z., 24.05.2007, Nr. 119 / Seite 9
Applaus für großes Kino: Kim Jong-il

Wer kennt schon die Meisterwerke des nordkoreanischen Kinos? „Ein Meer von Blut“ etwa, gedreht unter der Obhut des „Geliebten Führers“, der mehr als hundertzwanzigmal persönlich die Regie anwies. „Das Schicksal eines Mitglieds des Selbstschutzkorps“ - ein Roman aus der Feder des Staatsgründers, „hervorragend verfilmt“ in nur 40 Tagen. Oder den Kassenschlager „Blumenmädchen“, dem dank der tatkräftigen Unterstützung Kim Jong-ils beim 18. Internationalen Filmfestival ein Sonderpreis und eine Sondermedaille verliehen wurden, wie es in seiner autorisierten Kurzbiographie nachzulesen ist.

Herr Choe, der freundliche Führer durch die „Pjöngjang Filmstudios“, ist über das Unwissen seiner ausländischen Besucher nicht sonderlich überrascht. Für Nordkoreaner schlägt hier das Herz der Filmkunst. Zehn Kilometer nordwestlich des zentralen Kim-Il-Sung-Platzes liegt das nordkoreanische Hollywood, eine Propaganda-Fabrik von gigantischen Ausmaßen, fast eine Million Quadratmeter groß. Gegründet wurde sie 1947 vom Großen Führer Kim Il-sung, der kurz nach der Befreiung von japanischem Joch befand, dass dies ein hervorragender Ort zum Filmemachen sei.

Der „väterliche Ratgeber“

Der längst verstorbene Staatsgründer, der immer noch als ewiger Präsident verehrt wird, ist auch in den Filmstudios allgegenwärtig. Bei der Einfahrt durch den mächtigen grauen Torbogen grüßt sein Bild von oben herab die Ankömmlinge. Wenige Meter weiter steht er, in Bronze gegossen, unter Schauspielern, die bewundernd zu ihrem „väterlichen Ratgeber“ aufblicken. „Unter der weisen Führung arbeiten unsere Schauspieler immerzu hart daran, noch bessere Filme zu machen“, erläutert Herr Choe. Zwanzigmal habe der ewige Präsident zu Lebzeiten an Ort und Stelle Anweisungen erteilt, sein Sohn Kim Jong-il gar 592 Mal.

Wird dem Vater überall Respekt erwiesen, so ist sein Sohn der eigentliche Star in Pjöngjangs Filmstudios, auch wenn man seiner nicht ansichtig wird. Kaum ein Werk, bei dem er nicht Regie geführt haben soll. „Er weiß alles über den Film, mehr als alle Schauspieler und Schauspielerinnen in unserem Land und noch darüber hinaus“, sagt andächtig Choe Hung-yol, der immerhin seit 30 Jahren durch die Pjöngjanger Kulissen führt. Gut zwanzig Filme werden hier angeblich jedes Jahr produziert, und Tausende Besucher drängen zur Besichtigung. Aber weder von dem einen noch von dem anderen ist an diesem Morgen etwas zu sehen. Keine Kamerateams, keine Scheinwerfer und auch keine Schauspieler - die Szenen gleichen eher einem Museum, das in die Jahre gekommen ist. Doch die Fassaden stehen.

„Sind die Häuser nur Holzfassaden?“

Die Tour durch die menschenleeren Filmkulissen führt durch alte koreanische Dörfer, deren Dächer noch mit Stroh gedeckt sind, vorbei an kleinen saftig grünen Reisfeldern, durch eine chinesische Stadt vor der Kulturrevolution. Ein paar Schritte weiter beginnt eine südkoreanische und japanische Welt, die allein schon als Filmhintergrund düster und zwielichtig wirkt, mit Bars und Bordellen. Das Europa von Pjöngjang ist sauber und idyllisch, Schiefer auf den Dächern, blühende Büsche im Garten. Den Erzfeind Amerika gibt es nicht, nur ein paar nachgemalte Poster amerikanischer Cowboy-Filme verweisen auf die Konkurrenz in Kalifornien. Neugierig fragt Herr Choe nach Hollywood: „Ist es wahr, dass dort die Häuser nicht massiv sind, nur Holzfassaden?“ - Die Antwort einer amerikanischen Touristin stimmt ihn sichtlich zufrieden.

Die 150 Schauspieler, die von den staatlichen Studios beschäftigt werden, sind Absolventen der Pjöngjang-Hochschule für Drama und Film, für ihre Gagen würde sich kein westlicher Kino-Star verpflichten lassen. Allerdings sind Auftrag und Berufsverständnis auch nicht zu vergleichen: Volkserziehung und Propaganda im Dienste von Partei, Führer und Nation. „Die Filme spielen in der Wirklichkeit unseres sozialistischen Lebens“, erklärt vage Herr Choe. Es sind Epen voller Heldentum und Herzschmerz, unterlegt mit Pathos und Marschmusik. Viele beispielhafte Genossen und patriotische Bauerntöchter, die sich für Vaterland und Revolution opfern, selbstlose Partisanen, die sich gegen die bösen japanischen Imperialisten stemmen.

Streng reglementierte Kost

Andere Trends sind im Hotelfernsehen nicht auszumachen. Die ideologische Anleitung zu diesen Dramen schrieb der Sohn des Staatsgründers höchstpersönlich, schon 1973 erschien seine Abhandlung „Über die Filmkunst“, übersetzt in viele Sprachen und auch heute noch in Pjöngjang verkauft. Dabei geizt der Diktator nicht mit praktischen Hinweisen, empfiehlt, die Kamera „gut zu positionieren“, denn „die Bilder müssen auf der Leinwand gut aussehen“.

Die streng reglementierte Kost, die er seinem Volk verordnet, genügt Kim Jong-il selbst allerdings nicht. Wie immer wieder kolportiert wird, soll er fast 20.000 Filme, vor allem westlicher Provenienz, in seiner Sammlung haben, es heißt, der enigmatische Führer sei Fan von Rambo, Godzilla, James Bond und ein großer Bewunderer von Elizabeth Taylor. Das filmische Milieu faszinierte Kim schon als Student. Als eine seiner ersten Bewährungsproben wurde ihm die Leitung der Filmproduktionsabteilung des Zentralkomitees der Partei übertragen, die unter der Obhut des Propaganda-Ressorts stand. Kim investierte kräftig in sein Filmstudio. Seine Liebe zum Drama spiegelte sich auch in der Wahl seiner Frauen, die aus der Welt des Schauspiels kamen. Eine spielte Theater, eine andere war Tänzerin, die dritte musizierte.

Südkoreas Kultur schleicht sich in den Norden

So groß waren seine Ambitionen, dass er 1978 einen bekannten südkoreanischen Regisseur und dessen frühere Frau, die Schauspielerin Choe Eun-hui, aus Hongkong entführen ließ. Der Mann produzierte tatsächlich sieben Filme in Nordkorea, darunter den zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Godzilla-Verschnitt „Pulgasari“ aus dem Jahr 1985, für den man sogar japanische Horrorfachleute einfliegen ließ. Nach Jahren wieder in Freiheit, plauderte das Paar ausgiebig über die exzentrischen Vorlieben des Cineasten Kim.

In Südkorea spricht die Überläuferin Joo Sun-young, einst eine der privilegierten Schauspielerinnen „Erster Klasse“ in Nordkorea, ebenfalls in höchsten Tönen vom Patron des nordkoreanischen Films: „Er hat das Kino revolutioniert.“ Auch im sicheren Asyl in Südkorea erzählt sie die Anekdote, die erklärt, warum der liebe Führer so oft Sonnenbrille trägt: „Er scheute keine Mühe, als es darum ging, die Filmindustrie aufzubauen und das Leben der Menschen zu verbessern. Und deshalb gönnte er sich keine Ruhe, kaum Schlaf, seither sind seine Augen blutunterlaufen und höchst sensibel.“

Für die Untertanen im kargen Sozialismus der jüngsten Atommacht mögen solche Filme durchaus Höhepunkte des kulturellen Lebens sein, doch für die wirklich zerstreuende Freizeit kommen offenbar auch Kanäle in Betracht, die eigentlich offiziell geächtet sind. Raubkopien von Hollywoodstreifen oder südkoreanische Seifenopern, die meisten ins Land geschmuggelt über die chinesische Grenze. Südkoreas Superstar, der Hausfrauenherzen brechende Schauspieler Bae Yong-joon, ist durchaus auch in Nordkorea eine künstlerische Größe: Hat er eigentlich schon geheiratet, wird man beiläufig in Pjöngjang gefragt. Südkoreas Kultur schleicht sich seit einigen Jahren schon still und leise in den Norden. Nicht nur die erfolgreiche Serie „Wintersonate“ ist bekannt, „auch ihre Mode, ihr Haarstil färbt ab“, staunt eine Besucherin aus Südkoreas Hauptstadt Seoul, einer beachteten Filmmetropole.

Das „Wunder von Bern“ als Eröffnungsfilm

Der technische Fortschritt ist auch in Nordkorea zu spüren. DVD-Geräte werden aus den Flugzeugen ausgeladen, billiger sind die Videorekorder, die gebraucht aus China rüberkommen, weil sie dort keiner mehr haben will. So erklärt sich wohl, dass der filmische Horizont mancher junger Nordkoreaner gar nicht so eng ist: Sie „kennen“, mindestens vom Hörensagen, Arnold Schwarzenegger, Leonardo di Caprio, Titanic und sogar Polizeiruf 110. Erfolgreicher als die Spielfilmstudios, zumindest im Geschäft mit dem Ausland, sind die nordkoreanischen SEK Trickfilmstudios. Die Auftraggeber in Frankreich, Amerika oder Italien schätzen die fachliche Expertise und die niedrigen Gehälter - in Südkorea sind die Preise dreimal, in Europa sechsmal so hoch. Das Regime verdient mit den Produktionen angeblich mehrere Millionen Euro im Jahr. Die SEK sind Zulieferer aus dem Hintergrund, bedienten schon die Disney-Produktionen „König der Löwen“ und „Pocahontas“.

Glaubt man Berichten von Flüchtlingen, ist Pjöngjang eine Hochburg der Kinogänger: Ein- bis zweimal im Monat werde ein Filmtheater besucht. Herr Choe bestätigt: „Kino ist sehr billig in unserem Land, weil wir den Film für die Bildung unseres Volkes nutzen.“ Ein Höhepunkt für jene, die es dorthin schaffen, sind die Internationalen Filmfestspiele von Pjöngjang, die weitgehend ohne Stars, Sternchen, Skandale auskommen - und ohne Beiträge aus Südkorea und Amerika. Kein Blitzlichtgewitter, keine rauschenden Ballnächte, dennoch sind die Filmfestspiele eine Staatsaffäre: Wenigstens alle zwei Jahre kann sich Pjöngjang für ein paar Tage mondänem Flair präsentieren.

Das nordkoreanische Auswahlgremium entschied sich bei den 10. Festspielen im September für das „Wunder von Bern“ als Eröffnungsfilm. Von 73 Filmen kamen sieben aus Deutschland, vermittelt durch das Goethe-Institut. Die höchste Auszeichnung in Pjöngjang errang der deutsche Film „Napola“. „Sophie Scholl - die letzten Tage“ erhielt einen Sonderpreis. Ein Teilnehmer konstatierte: „Widerstand gegen Hitler ist jedenfalls auch in Nordkorea als Film vorzeigbar.“

Quelle: F.A.Z., 24.05.2007, Nr. 119 / Seite 9
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