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Königin Silvia

Brasilianisches Herz, deutscher Kopf, schwedische Seele

Von Robert von Lucius, Stockholm
 - 10:17
Königin Silvia wird 60 Jahre alt Bild: dpa/dpaweb, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 9

Sie hat Astrid Lindgren entthront, die beliebteste Schwedin von allen. Daß in Deutschland das schwedische Königshaus angesehener ist als jenes aus Spanien, den Niederlanden und aus Norwegen, ist ihr Verdienst. Seit Tagen feiern die Schweden ihre Königin mit Empfängen, einem Gottesdienst im Dom, einem militärischen Salut und am Montag abend einem Ballett in der Königlichen Oper, dem kurz nach Mitternacht ein Geburtstagssouper folgt. Denn an diesem Dienstag wird Königin Silvia von Schweden 60 Jahre alt. Die Glückwunschlisten im Spiegelsalon des Stadtschlosses werden lang und länger.

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Wie nur wenige vereint die Königin Tradition und Offenheit, Sinn für Werte und den Einsatz für Benachteiligte. Schon in ihrem Auftreten verknüpft sie Würde und - trotz ihrer Kontrolliertheit - Herzlichkeit. Daß das schwedische Königshaus trotz dreier lebhafter und lebensfreudiger Kinder nicht in die Schlagzeilen wie etwa das Haus Windsor kam, ist nicht nur der Zurückhaltung schwedischer Journalisten zu verdanken, sondern auch der Achtung, die man vor der Mutter hat. Den Respekt vor Werten hatten Silvia Renate Sommerlath ihre brasilianische Mutter, die dem spanischen Adelsgeschlecht de Toledo entstammte, und ihr deutscher Vater beigebracht.

Lange Reihe von deutschen Ehefrauen und Müttern

Als der schwedische Kronprinz Carl Gustaf 1972 die damalige Chef-Hosteß bei den Olympischen Spielen in München kennenlernte und vier Jahre lang mit Diskretion und Beharrlichkeit Widerstände am Hof gegen die bürgerliche Deutsche überwand, setzte er eine Tradition der schwedischen Monarchie fort. Alle Könige seit der Kalmarer Union vor 600 Jahren hatten, bis auf den ersten Bernadotte, deutsche Ehefrauen oder Mütter. König Carl XVI. Gustaf ebnete den Weg für andere Königshäuser. Die nächsten Königinnen Europas sind nicht mehr Angehörige von Fürstenhäusern, sondern elegante und zielstrebige bürgerliche Berufstätige aus Australien, Argentinien oder Norwegen - vielleicht hat dazu erst die schwedische Hochzeit im Juni 1976 beigetragen.

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Königin Silvia wußte sich rasch in ihre neue Aufgabe und Heimat einzupassen. Sie verleugnete aber ihre Wurzeln nicht. Sie kann mit drei Heimaten, Sprachen und Loyalitäten jonglieren. Ihr Herz sei brasilianisch, ihr Kopf deutsch, ihre Seele schwedisch, sagt sie. In Schweden, wo sie anfangs Vorbehalte überwinden mußte, ist ihre Familie, ihr Lebensmittelpunkt, ihre Aufgabe, die sie überaus ernst nimmt. Im brasilianischen São Paulo wuchs sie in einem Kolonialhaus auf, ging auf eine deutsche Privatschule und hatte neben ihren drei älteren Brüdern einen Affen als Spielkameraden. Ihr Vater leitete unter anderem eine schwedische Stahlgesellschaft in Brasilien. Wenn sie ihre Brüder trifft - einer lebt in Berlin - und sie Organisatorisches zu bereden haben, sprechen sie Deutsch, wenn es aber gesellig wird, wechseln sie ins Portugiesische, die Sprache, die Silvia vorzieht.

Geboren am „Kleinen Weihnachtsabend“

Deutschland - in Heidelberg wurde sie 1943 an dem Tag geboren, den die Skandinavier als "Kleinen Weihnachtsabend" bezeichnen - bleibe ihre Heimat, sagt die einzige Deutsche auf einem Königsthron. In Deutschland sei sie öfter, als man gemeinhin glaube, früher auch, um ihre Eltern, die in den neunziger Jahren starben, zu besuchen. Die Zweieinhalbjährige war 1946 mit ihrer Familie nach Brasilien gegangen und erst knapp dreizehn Jahre später wieder zurückgekehrt. Nach ihrem Abitur in Düsseldorf hatte sie an der Dolmetscherschule in München ihre Sprachfertigkeit verfeinert - neben Schwedisch, Deutsch, Portugiesisch und Englisch spricht sie Spanisch und Französisch. Zudem erlernte sie in einer Taubstummenschule die Gebärdensprache, um sich mit Gehörgeschädigten verständigen zu können. Ihren Kindern brachte sie Deutsch mit Hilfe eines Kasperletheaters bei, das sie mit ihnen spielte. Kronprinzessin Victoria, die im vergangenen Jahr einige Zeit in Berlin arbeitete, beherrscht Deutsch gut, ihre Geschwister Carl Philip und Madeleine beherrschen es leidlich.

Die Familie zog schon früh vom Stadtschloß - das riesig und kalt ist - in das zierliche Drottningholm um, wohl auch ein Einfluß der Königin. Im Stadtschloß hat Silvia ihr Arbeitszimmer, und dort liegt auch eines von fünf Kissen mit der Aufschrift "It Ain't Easy Being Queen!", die ihr Freunde geschenkt haben. Ihre Aufgabe empfindet sie aber weniger als schwierig denn als wunderbar. Das schwedische Königshaus lebt weniger abgeschirmt von der Öffentlichkeit als andere. Die Königin geht zum Einkaufen, der König und sein Sohn joggen am Ostseeufer, und die Töchter besuchen Diskotheken in der Stockholmer Innenstadt. Allerdings wuchs das Interesse der Medien an der Thronfolgerin, die unter besondere Beobachtung geriet, als sie an einer Eßstörung erkrankte. Victoria widmet sich seit ihrem achtzehnten Geburtstag umfassend ihren Aufgaben als künftige Königin und äußert sich schon mal beherzter, als es in einer "unpolitischen" Monarchie üblich ist, etwa mit dem Eintreten für die Europäische Union und den Euro.

Silvia nutzt ihre Position, um Wichtiges zu leisten

Die Königsfamilie ist, mögen Kritiker sagen, Teil der Unterhaltungsindustrie geworden. Zum Beispiel bei Banketten für Nobelpreisträger muß man herzlich lächeln und Gescheites sagen. Das weiß und akzeptiert Königin Silvia. Aber sie nutzt ihre Position auch, um Wichtigeres zu leisten. Sie gründete und leitet Stiftungen für geistig oder körperlich Behinderte, was ihr mit Preisen und Ehrendoktorwürden vergolten wurde. Besonders aber setzt sie sich für Kinder ein. Von Brasilien bis Estland besucht sie die von ihrer Stiftung "World Childhood Foundation" geförderten Kinderheime. Dabei bewegt sie nicht nur ihre Rolle als Mutter, sondern auch als Frau. Der Kronprinzessin gab sie das Selbstbewußtsein mit auf den Weg, sich etwa nach dem Vorbild der dänischen Königin Margrethe und der niederländischen Monarchin Beatrix zu richten, Victorias Taufpatin. Was würde Königin Silvia tun, wenn sie mehr Zeit nicht nur für Skifahren, Theater, Oper und Konzerte hätte? Vielleicht das gleiche studieren wie ihre Tochter Madeleine: Kunstgeschichte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 9
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