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Königin Silvia

Ein Stück Brasilien

Von Josef Oehrlein
 - 18:25
Königin Silvia unterstützt mit ihrer Stiftung weltweit Kinder Bild: dpa RTL, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02. Dezember 2003

Mühsam würgt sich der Bus aus dem Labyrinth des Molochs Sao Paulo. Er nimmt Kurs Richtung Meer, durchstößt in dem Gebirgsriegel, der sich vor der Küste aufbaut, eine Nebelfront und bleibt schließlich in der Strandstadt Sao Vicente vor einem bunt bemalten Haus stehen. Vor der Tür haben Fotografen und Kameraleute Position bezogen. Sie wirken ein wenig enttäuscht, als eine Frau in einem schlichten, hellen Hosenanzug über die Türschwelle tritt. Königin Silvia von Schweden kommt unauffällig, ohne großes Gefolge, hat nicht einmal eine Hofdame dabei.

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Deren Aufgabe übernimmt mit einem Lächeln ihr Bruder Jörg Sommerlath, der nur selten von ihrer Seite weicht. Der Einzug der Königin in dem Haus des Sozialprojekts "As Meninas" (Die Mädchen) ist von familiärer Schlichtheit, fernab jeden Protokolls. Silvia spricht die Mädchen ohne Schnörkel in perfektem Portugiesisch an, und sie erklären ihr mit brasilianischer Unbefangenheit, wie sie gelernt haben, Leckereien und kleine Kunstwerke zu zaubern, Schokoladenpralinen, von denen die Königin gleich eine vernascht, Duftkerzen und Kleidungsstücke. In der Textilfärberei legt sie Hand an, um ein Tuch mit einem Muster zu versehen.

Elf Jahre in Brasilien gelebt

Königin Silvia, die am Tag vor Heiligabend sechzig Jahre alt wird, ist selbst ein Stück Brasilien. Ihre Mutter war gebürtige Brasilianerin, ihr Vater hat 32 Jahre in dem Land gelebt, ihre beiden älteren Brüder sind in Brasilien geboren, und sie selbst ist elf Jahre lang in Brasilien in die Schule gegangen. Das Mädchenhaus ist auch ihr Haus. Es wird mitunterhalten von ihrer Stiftung "Childhood", die sie vor vier Jahren gegründet hat. Die fünfzig Mädchen haben alle Schlimmes erlebt, sind sexuell mißbraucht, vergewaltigt, mißhandelt, vernachlässigt worden, zum großen Teil in ihren eigenen Familien. "Childhood" widmet sich ausschließlich Kindern, die solcherlei traumatische Erfahrungen hinter sich haben. In der Enge und dem Elend der brasilianischen Favelas sind das weitverbreitete Verbrechen.

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Als Geschenk an den Gast aus der Ferne gibt es nach dem Rundgang eine kleine Vorführung im Innenhof mit brasilianischen Liedern. Besonders hübsch geraten die witzigen, rhythmisch schmissigen Stückchen mit kleinen jodlerartigen Juchzern aus Rio Grande do Sul, wo die "Gauchos", die Südbrasilianer, eine stark europäisch beeinflußte Musikkultur pflegen. Die Königin nimmt sich viel Zeit für den Besuch, fühlt sich sichtlich wohl, sie ist zufrieden damit, wie die Arbeit in dem Zentrum von der brasilianischen Partnerorganisation "Camara" angepackt wird. Alles in dem Haus macht einen soliden, professionellen Eindruck.

Vorbildlich in Moskau

"Childhood" betreibt so gut wie keine eigenen Vorhaben, arbeitet dafür intensiv zusammen mit anderen Institutionen und ihren schon bestehenden Einrichtungen. In Moskau hat die Stiftung allerdings ein erstes, dazu besonders wirkungsvolles Projekt selbst gegründet. Dort werden in Heimen aufgewachsene und für ein selbständiges Leben nicht gerüstete Mädchen mit alten, herumstreunenden Frauen, "Babuschkas", zusammengebracht. Beide Gruppen, die jungen Frauen, denen es an Lebenserfahrung fehlt, und die "Babuschkas", denen der Lebensinhalt abhanden gekommen ist, helfen und ergänzen einander.

"Das Projekt läuft so gut, daß es der Bürgermeister von Moskau als Modell für andere Städte empfehlen und weiterentwickeln möchte. Darauf bin ich besonders stolz", erzählt die Königin, als sie längst wieder im Bus sitzt, der sie, ihren Bruder Jörg und die Präsidentin des brasilianischen Zweiges von "Childhood", Rosana Camargo de Arruda Botelho, zum Militärflughafen der Küstenstadt Santos bringt. Silvia ist noch voll der Eindrücke in dem Mädchenhaus. Als sie die "World Childhood Foundation" (WCF) gegründet habe, habe sie zuallererst an Brasilien gedacht, gesteht sie. Dort ist eine besonders aktive Dependance entstanden, die zur Zeit 18 Projekte fördert. Dafür stellt die Stiftung umgerechnet etwa eine halbe Million Euro bereit. Seit dem Jahr 2000 sind insgesamt 42 Zentren in ganz Brasilien unterstützt worden.

Schwierige Rolle als Königin

Außer in Brasilien ist "Childhood" in einem Dutzend weiteren Ländern, darunter Deutschland, vertreten. Warum sich die Organisation vorrangig sexuell ausgebeuteten, mißbrauchten Kindern widmet? Bis vor wenigen Jahren habe man diese Verbrechen nicht beachtet, es sei tabuisiert gewesen. "Und es ist auch nicht einfach für mich, als Frau, Mutter oder Königin über dieses Thema zu sprechen", gesteht Silvia. Aber sie verbirgt nicht ihre Genugtuung darüber, daß sie mit ihrer Initiative die Diskussion über eines der widerlichsten Verbrechen vorangebracht und vor allem vielen Opfern geholfen hat.

"Wenn man sich mit den Mädchen in Sao Vicente unterhält, die mißbraucht worden sind, die Gewalt in der Familie erlebt haben, merkt man, daß sie dank der Betreuung selbstsicher geworden sind, sich nicht scheuen, zu sprechen, zu tanzen", sagt Silvia. Daß die Kinder handwerkliche Fertigkeiten erwerben, lernen, wie man Schokoladenpralinen, Kerzen und Seifen herstellt oder künstlerische Textilien, mache ihnen nicht nur Spaß, sondern stärke vor allem ihre Persönlichkeit. "Sie merken gar nicht, daß das schon Teil der Therapie ist."

Brasilien der Gewalt, des Hungers, der Armut

Königin Silvia war zur Jahresversammlung von "Childhood" nach Sao Paulo gekommen, am Abend vor dem Besuch in dem Mädchenhaus stand sie im Mittelpunkt eines glanz- und stilvollen Wohltätigkeits-Galadiners zugunsten ihrer Organisation mit Hunderten betuchter Gäste. Da trat sie in vollem Königsornat auf, war der bewunderte Mittelpunkt einer Gesellschaft, die ihre heimlichen Träume von einer neuen brasilianischen Monarchie wenigstens eine Nacht lang ausleben konnte. Aber selbst in dieser festlichen Stimmung, auf deren Höhepunkt der brasilianische Fußballmythos Pele an ihre Seite trat, scheute sich Silvia nicht, das heikle Thema des Kindesmißbrauchs anzusprechen, und die brasilianische "Childhood"-Präsidentin Rosana Camargo machte es ihr mutig nach.

Über dieses andere Brasilien der Gewalt, des Hungers und der Armut wird Silvia auch bei ihrem Treffen mit dem Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva in Brasilia ein paar Tage später gesprochen haben. Mit Kommentaren zu den Sozialprogrammen der brasilianischen Regierung hält sie sich jedoch zurück. Ihr stehe es nicht zu, zu "politischen Fragen" Stellung zu nehmen, sagt sie. Um so lieber hebt sie hervor, daß es in Brasilien neben ihrer eigenen noch viele andere private Initiativen gebe, die Not der Bevölkerung in den Favelas zu lindern. Ist das alles angesichts der erdrückend großen Zahl von Menschen, die in den Elendsvierteln hausen, nicht doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein? "So darf man nicht denken", sagt die Königin, "fünfzig Mädchen in Sao Vicente wird geholfen, das ist doch schon sehr viel."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02. Dezember 2003
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