Gepanschte Medikamente

Apotheker wegen Betrugs mit Krebspräparaten vor Gericht

Von Reiner Burger
 - 17:05

Würde Peter S. am Montag auf seinem Weg zum Saal 101 des Essener Landgerichts nicht von zwei Justizwachtmeistern begleitet, man könnte ihn in seinem dunklen Jackett und seinem schwarzen Rollkragenpullover für einen Strafverteidiger halten. Aber S. ist kein Jurist, sondern Pharmazeut. Die Staatsanwaltschaft wirft dem bis vor einem Jahr in seiner Heimatstadt Bottrop überaus angesehenen 47 Jahre alten Mann vor, über eine lange Frist mit großer Ausdauer ein unfassbares Verbrechen begangen zu haben. S. betrieb in vierter Generation die Bottroper „Alte Apotheke“, die zu den lediglich 300 Schwerpunkt-Apotheken für Krebsmedikamente in Deutschland zählt. S. hatte die Berechtigung, in einem speziellen Reinraum-Labor individuell auf seine Kunden abgestimmte Krebsmittel zusammenzumischen.

S. soll das auf perfide Weise ausgenutzt haben. Zwischen 2012 und 2016 sollen die teuren Chemo- und Antikörpermedikamente in der „Alten Apotheke“ in mehr als 60000 Fällen mit viel weniger Wirkstoffen hergestellt worden sein, als von den Ärzten verordnet. Von 35 der immens teuren Anti-Krebswirkstoffe (Zytostatika) soll S. höchstens 70 Prozent der eigentlich benötigten Mengen eingekauft haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler war es „von vorneherein unmöglich, die große Vielzahl der von ihm vertriebenen Zubereitungen mit den Wirkstoffen in den verschriebenen Mengen herzustellen“. Trotzdem habe S. dann voll mit den Krankenkassen abgerechnet, wodurch allein für die gesetzlichen Kassen ein Schaden von rund 56 Millionen Euro entstand. Mit seiner perfiden Geschäftsidee habe sich S. „eine erhebliche Einnahmequelle“ verschafft.

Betroffen von einem der mutmaßlich größten deutschen Medizin-Skandale der vergangenen Jahre sind laut Staatsanwaltschaft mindestens 1000 Patienten von 37Medizinern an Kliniken in sechs Bundesländern, die meisten in Nordrhein-Westfalen. Auch einige Kliniken und Praxen in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen belieferte die „Alte Apotheke“.

S. muss sich auch wegen versuchter Körperverletzung verantworten

Die Staatsanwaltschaft wirft S. zehntausendfachen besonders schweren Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und gewerbsmäßigen Betrug vor. Aber nicht nur Dosierungsvorschriften, sondern auch Hygieneregeln soll S. vorsätzlich missachtet haben – sein Reinraum-Labor soll der Apotheker in Alltagskleidung betreten haben. In 27 Fällen muss sich S. auch wegen versuchter Körperverletzung verantworten. Denn bei einer Durchsuchung der „Alten Apotheke“ stießen Polizei und Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr auf Infusionen, die nicht nur zweifelsfrei 27 Krebspatienten zugeordnet werden konnten, sondern laut Etikettierung von S. eigenhändig hergestellt wurden. Diese Infusionen enthielten 60, 70 oder 80 Prozent weniger Wirkstoff als verordnet. In einigen Proben konnten gar keine Wirkstoffe gefunden werden.

Mehr als 800 Seiten umfasst die Anklageschrift gegen Peter S. Zu weiten Teilen besteht das Dokument aus Excel-Tabellen mit den Angaben zu den jeweils angefertigten Präparaten. Obwohl Staatsanwalt Rudolf Jakubowski diese schier endlosen Kolonnen mit den Grundinformationen über Tausende Patienten-Schicksale nur stark gerafft vorträgt, braucht er für die Verlesung der Anklage immer noch mehr als eine Stunde. Während S. alles ohne sichtbare Regung über sich ergehen lässt, ist der Vortrag für die ihm gegenübersitzenden Nebenkläger eine Tortur.

Ihnen macht zu schaffen, dass S. nur wegen versuchter Körperverletzung und nicht auch wegen eines Tötungsdelikts angeklagt ist. Ihre Anwälte monieren, dass der Fall an einer Wirtschaftsstrafkammer angeklagt ist. Sie stellen den Antrag, dass die Sache an ein Schwurgericht abgegeben und gegen S. auch wegen versuchten Totschlags oder gar wegen versuchten Mordes verhandelt wird. „Der Angeklagte hat es in Kauf genommen, dass eine Vielzahl von Patienten vorzeitig stirbt“, sagt einer der Anwälte. Ein anderer hält dem Angeklagten „grenzenlose Menschenverachtung, eiskaltes Gewinnstreben und Habgier“ vor. Anders als von der Anklage behauptet, sei S. sehr wohl ein Tötungsvorsatz nachzuweisen. Außerdem gehe es den Betroffenen und Hinterbliebenen darum, durch den Prozess zu erfahren, welches Schicksal der Einzelne genommen habe. Es sei nicht angemessen, dass die Staatsanwaltschaft sich in einer mehr als 800 Seiten langen Anklageschrift in lediglich zwei kurzen Absätzen mit den Delikten Körperverletzung und Tötung befasse, dafür aber ellenlang darlege, wie es zu dem Schaden von 56 Millionen Euro für die Krankenkassen gekommen sei.

Allerdings gibt es Schwierigkeiten bei der Nachweis-Führung. Offenbar kann keines der noch lebenden Opfer sagen, ob es Infusionen mit zu wenig Wirkstoffen erhalten hat. Aus einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten geht zudem hervor, dass sich der Schaden bei einer Minderdosierung nicht eindeutig bemessen lässt.

In einer Verhandlungspause steht Christina Piontek vor Saal 101. Wie alle Nebenkläger trägt die 50 Jahre alte Bottroperin eine weiße Rose bei sich, um auch während der Verhandlung ein stilles Zeichen des Protests gegen Peter S. und die ihrer Meinung nach zu lasche Anklage zu setzen. „Ich will einen fairen Prozess mit einer gerechten Strafe. Und deshalb muss auch wegen versuchten Mordes verhandelt werden.“ Piontek ist eine von einstmals zehn „Onko-Girls“, einer Gruppe von krebskranken Frauen aus Bottrop, die sich vor einigen Jahren zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen. Fünf der Frauen sind mittlerweile tot. Die jüngste starb vor einem Jahr mit gerade 28 an Brustkrebs. „Auch Stefanie war Kundin von Peter S., aber sie hatte einfach keine Kraft mehr, den Kampf gegen diesen Mann aufzunehmen.“ Piontek selbst hat gerade ihre zweite Chemotherapie hinter sich. „Da hatte ich richtig heftige Nebenwirkungen, ganz anders als beim ersten Durchgang. Das liegt vermutlich daran, dass die Mittel nun richtig dosiert waren.“

Im Akkord sei in der „Alten Apotheke“ gepanscht worden, glaubt Piontek. Noch immer könne sie das alles kaum fassen. Denn Peter S., der in Bottrop als Mäzen aktiv war, unter anderem ausgerechnet auch einen Hospizverein unterstützte, sei ein zuvorkommender Mensch gewesen. „Wenn der Apotheken-Fahrer nicht greifbar war, hat er die Mittel schon mal selbst ausgeliefert.“

Quelle: F.A.Z.
Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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