Attentäter von Texas

„Niemand, der ihn gekannt hat, ist wirklich erstaunt“

Von Christiane Heil, Los Angeles
 - 16:26
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Schon die Bilder aus den Jahrbüchern der New Braunfels High School zeigen einen Heranwachsenden mit vielen Gesichtern. Auf einem der Fotos blickt Devin Patrick Kelley verschüchtert bis ernst in die Kamera, auf einem anderen trägt er ein offenes Lachen unter der Fönfrisur. Das Schwarzweißporträt, das die Behörde für öffentliche Sicherheit in Texas nach Kelleys tödlichen Schüssen in der First Baptist Church im benachbarten Sutherland Springs veröffentlichte, zeigt wiederum ein ganz neues Gesicht. Mit Kurzhaarschnitt und Vollbart blickt der Sechsundzwanzigjährige emotionslos in die Kamera. Gefühle wie Schüchternheit oder Freude scheint Kelleys aufgedunsenes Gesicht schon länger nicht mehr gezeigt zu haben.

„Er war früher fröhlich, normal, ein typischer Jugendlicher. Im Lauf der Jahre haben wir alle gesehen, dass er zu jemandem wurde, der er eigentlich nicht war“, erinnert sich Kelleys ehemalige Schulfreundin Courtney Kleiber an die gemeinsamen Jahre an der New Braunfels High. „Es überrascht mich nicht, dass es so ausgegangen ist. Ich glaube, niemand, der ihn gekannt hat, ist wirklich erstaunt.“

Seit Kelley am vergangenen Sonntag in Sutherland Springs südöstlich von San Antonio 26 Kirchenbesucher im Alter von 18 Monaten bis 77 Jahren erschoss und weitere 20 Mitglieder der Baptistengemeinde verletzte, rätseln die Justizbehörden über den Auslöser für einen der schlimmsten Serienmorde in Texas. Wie das Department of Public Safety (DPS) am Montag mitteilte, soll Kelleys Anschlag ein Streit mit der Familie seiner getrennt lebenden zweiten Ehefrau Danielle Shields vorausgegangen sein. Zu den Mitgliedern der First Baptist Church, die der ehemalige Soldat während des Gottesdienstes tötete, gehörte auch Shields’ Großmutter Lula Woicinski White. Kelley soll deren Tochter, seine Schwiegermutter Michelle Shields, vor den Schüssen wiederholt bedroht haben.

„Eigentlich gar nicht möglich, dass er eine Waffe hatte“

In der Vergangenheit war Kelley immer wieder durch Gewalttaten aufgefallen. Im Jahr 2012 wurde der damalige Soldat zu zwölf Monaten Haft in einem Militärgefängnis verurteilt, weil er seine erste Ehefrau Tessa Loge und deren Sohn angegriffen hatte. Das Kleinkind wurde damals mit zertrümmertem Schädel ins Krankenhaus gebracht. Nach Berufungsanträgen und der Haft in Kalifornien folgte Anfang Mai 2014 die Entlassung aus der Luftwaffe wegen schlechten Verhaltens. Einige Wochen später wurde Kelley in Colorado Springs (Colorado) zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, nachdem er einen Hund misshandelt hatte.

Wie der Sheriff des texanischen Bezirks Comal mitteilte, wohnte Kelley zwischenzeitlich immer wieder in einer ausgebauten Scheune auf dem Anwesen seiner Eltern bei New Braunfels. Auch dort fiel er den Justizbehörden auf. Nach Anzeigen wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung nahmen die Justizbehörden im Jahr 2013 Ermittlungen gegen Kelley auf. Einige Monate später alarmierte zudem eine Freundin seiner damaligen Lebensgefährtin Shields die Polizei. Die damals Neunzehnjährige hatte in Textnachrichten von Übergriffen durch Kelley berichtet. Als die Beamten bei Shields vorstellig wurden, tat sie den Zwischenfall aber als Missverständnis ab. Zwei Monate später trat sie mit Kelley vor den Traualtar. Unter welchen Umständen sich das Paar wieder trennte, blieb bislang offen.

Sutherland Springs
Texas-Täter hätte keine Waffe kaufen dürfen
© W Smith/EPA-EFE/REX/Shutterstock, afp

Schon während des Aufenthalts in Colorado im Jahr 2014 begann Kelley, Waffen zu kaufen. Bis zu den tödlichen Schüssen am vergangenen Sonntag soll er mindestens zwei Gewehre und zwei Handfeuerwaffen erworben haben. Jeder Waffenkauf wurde mit der Datenbank National Criminal Information Center (NCIC) abgestimmt, obwohl Kelleys Verurteilung und die Umstände der Entlassung aus der Luftwaffe den legalen Erwerb einer Waffe ausschlossen. Nach den bisherigen Ermittlungen versäumte die Air Force, Kelleys Übergriffe auf seine erste Ehefrau und deren Sohn an die Datenbank weiterzugeben. „Dass dieser Mann legal eine Waffe besitzt, war eigentlich gar nicht möglich“, sagte Don Christensen, ein pensionierter Jurist der Luftwaffe, der „San Antonio Express-News“. Geoffrey Corn, ein Juraprofessor des South Texas College, deutete an, die Air Force habe gleich zweimal vergessen, Kelleys Namen zu melden. Das amerikanische Verteidigungsministerium verlange die Meldung eines Urteils gegen einen Soldaten bei der Bundespolizei (FBI). Auch die Überstellung des Verurteilten in ein Gefängnis müsse an das FBI weitergegeben werden.

„Er hat Streit gesucht“

Das Versäumnis erinnerte viele Amerikaner an den Fall des „Church Killer“ Dylann Roof. Wie die Bundespolizei nach den Schüssen des Sohnes einer weißen Südstaatenfamilie auf eine schwarze Glaubensgemeinschaft in Charleston (South Carolina) im Juni 2015 zugab, hatte die Behörde es versäumt, zwei Festnahmen wegen Drogenvergehen in die Datenbank aufzunehmen. Roof konnte die Pistole des Typs Glock, mit der er später neun Menschen tötete, ohne Probleme kaufen.

Während der Dreiundzwanzigjährige nach dem Todesurteil Anfang des Jahres in einem Bundesgefängnis bei Terre Haute (Indiana) auf die Hinrichtung wartet, beging Kelley Suizid. Augenzeugen berichteten, dass der maskierte Sechsundzwanzigjährige nach den Schüssen aus einem halbautomatischen Gewehr des Typs Ruger AR-556 aus der Kirche flüchtete. Auf dem Weg zu seinem Geländewagen soll er von zwei Kugeln getroffen worden sein, die Stephen Willeford, ein Nachbar der Kirche, abfeuerte. Gemeinsam mit einem zufällig vorbeikommenden Autofahrer verfolgte Willeford das Auto des Schützen. Nach etwa zehn Minuten mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde kam Kelleys Geländewagen von der Straße ab. Als die Polizei etwa fünf Minuten später die Autotür öffnete, fand sie den Leichnam des Sechsundzwanzigjährigen. Er soll sich durch einen Kopfschuss selbst gerichtet haben. Zuvor hatte er seinen Vater angerufen, um sich zu verabschieden.

In den Monaten vor dem Anschlag in Sutherland Springs suchte Kelley in sozialen Medien Kontakt zu früheren Mitschülern und Fremden in der Region. Da der frühere Soldat aber immer wieder mit atheistischen Thesen provozierte oder Beschimpfungen ausstieß, brachen Nutzer wie Jonathan Castillo den Austausch bald wieder ab. „Er hat Streit gesucht“, sagte Castillo nun. „Man weiß, ob jemand seine Meinung verteidigt oder ob er eine Auseinandersetzung vom Zaun bricht.“

Quelle: F.A.Z.
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