Missbrauchsurteil in Freiburg

„Ich habe ihn nicht jede Woche missbraucht“

Von Rüdiger Soldt, Freiburg
 - 17:15

Erst missbrauchte Markus K. den Neunjährigen, dann tat er so, als sei nichts gewesen und probierte mit ihm Handy-Klingeltöne aus. Die Schilderungen der schweren Sexualstraftaten an dem Jungen aus dem südbadischen Staufen klingen emotionslos, wenn sie von dem 41 Jahre alten Angeklagten Markus K. oder vom Organisator des pädokriminellen Rings, dem 39 Jahre alten Christian L., der als Zeuge auftritt, beschrieben werden. Es sei „nicht flüssig“ gelaufen, die Kindsmutter Berrin T. habe deshalb Handschellen auf das Bett ihres Jungen gelegt.

Etwa 60 Mal wurde das Kind von verschiedenen Männern – sechs „Kunden“ und seinem Stiefvater Christian L. – gedemütigt und sexuell missbraucht. Staatsanwältin Nikola Novak wies am zweiten Verhandlungstag im Freiburger Landgericht noch einmal darauf hin, dass es zahlreiche Videofilme der Missbrauchshandlungen gebe, aber keinen einzigen Film, in dem sich das Kind nicht deutlich wehre.

Das Verfahren gegen Markus K. ist das erste gegen einen der Pädokriminellen, die Christian L. zwischen 2015 und 2017 über das Darknet und den LineMessenger in Wohnungen lotste. Dort überließ er seinen Stiefsohn ohne Skrupel diesen wildfremden Männern gegen Geld und befriedigte sich häufig selbst.

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Jahrelanges MartyriumProzessbeginn gegen den Kinderschänder von Freiburg

Christian L. ist eine gescheiterte Existenz aus einem badischen Dorf. Er war als Hilfsarbeiter tätig, schon als Jugendlicher fiel er mit zahlreichen Betrugsdelikten auf. Wie Markus K. ist auch Christian L. wegen sexuellen Missbrauchs einschlägig vorbestraft. Das Verfahren wegen des Missbrauchs an seinem Stiefsohn, das sich auch gegen die 47 Jahre alte Kindsmutter Berrin T. richtet, soll am 11. Juni beginnen. „Ich sage aus, weil ich Scheiße gebaut habe. Ich will jetzt dazu beitragen, dass Leute aus dem Verkehr gezogen werden, die dort hingehören, wo ich auch bin“, sagte er als Zeuge.

In dem nur über drei Verhandlungstage geführten Verfahren wurde deutlich, dass es erhebliche Kontrolldefizite bei Sexualstraftätern gibt, die zur Resozialisierung entlassen sind. Ein Polizist, der Markus K. im Rahmen des vom Landeskriminalamt verwalteten „Kurs“-Programms überwacht hat, schilderte, dass viele Sexualstraftäter rückfällig würden, die Überwachung nicht engmaschig genug sei und der therapeutische Ansatz des Programms sein Ziel verfehle. „Das Programm funktioniert nicht“, sagte der Beamte.

„Ich habe ihn nicht jede Woche missbraucht“

Christian L. und Markus K. waren nach ihrer ersten Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs so genannte „Vollverbüßer“. Aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte konnte für sie keine nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet werden, weil sie in den Urteilen nicht unter Vorbehalt angekündigt war, deshalb standen sie lediglich unter Führungsaufsicht und wurden im Rahmen des „Kurs“-Programms betreut. Für Markus K. war nur die mildeste Überwachungsform angeordnet; die Polizei hat bei solchen Personen nur begrenzte Möglichkeiten, die Überwachung zu intensivieren.

Markus K. belästigte, während er unter Führungsaufsicht stand, in einem Supermarkt ein Kind. Kritikwürdig ist auch, dass sich Markus K. und Christian L., die sich in der Justizvollzugsanstalt Freiburg kennengelernt hatten, angeblich in einer forensischen Ambulanz in Freiburg wieder trafen und sich so zu den verhängnisvollen Straftaten verabreden konnten. „2016 oder 2017 habe ich ihn bei meinem Psychologen im Küchenraum getroffen“, sagte Christian L. „Ich war eine halbe Stunde zu früh da, da hat der Psychologe Herrn K. die Tür geöffnet.“

Sie verabredeten zwei Treffen mit dem Jungen, einmal auf einem Feldweg, zwischen Büschen und Rebstöcken, ein zweites Mal in der Wohnung der Kindsmutter in Staufen. Andere Täter zahlten bis zu 10000 Euro für eine Vergewaltigung, Markus K. gab dem Jungen 20 Euro. „Ja, das war Freundschaft zwischen uns, er war in der Haftanstalt meine Ansprechperson, und er hat mir gesagt, dass er nicht viel Geld verdient“, sagte Christian L. Über sein eigenes Verhalten fügt er noch eine ungeheuerliche Behauptung hinzu: „Ich habe ihn nicht jede Woche missbraucht, es gab auch Phasen, da haben wir wie eine normale Familie gelebt.“

Ein normales Familienleben gab es für den Jungen nie, denn auch die Mutter soll ihren Sohn sexuell manipuliert haben. Das will eine Lehrerin von einem Mitschüler des Jungen erfahren haben. Sie berichtete im Juni 2017 darüber dem Jugendamt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, dort stufte man diese Beobachtung allerdings nur als „vage“ ein. Sollte sich das bewahrheiten, müsste die Rolle des Jugendamtes hinterfragt werden, denn zu diesem Zeitpunkt hätte es Möglichkeiten gegeben, der Mutter das Sorgerecht für ihren Sohn zu entziehen.

Für Markus K. beantragte die Staatsanwältin am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von zwölfeinhalb Jahren und Sicherungsverwahrung. Das Gericht entsprach diesem Antrag weitgehend, es verurteilte den Angeklagten am Donnerstag zu zehn Jahren Haft und ordnete Sicherungsverwahrung an.

Quelle: dpa
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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