Jugendkriminalität

Doppelt gedemütigt

Von Rüdiger Soldt
 - 13:14

Lydia Prakash kann die runde Bank, die ein dünnes Bäumchen umrundet, von ihrem Direktorenzimmer aus sehen. Wenn sie auch am Montag vor knapp drei Wochen an ihrem Computer gesessen und Lehrpläne zusammengestellt hätte, hätte sie schnell auf den Schulhof ihrer Grundschule im Tübinger Stadtteil Waldhäuser-Ost laufen und die prügelnden Mädchen zur Räson bringen können.

Doch für den Nachmittag des 17. November war die große Schulkonferenz angesetzt. Lehrer, Eltern, Sozialarbeiter saßen im Konferenzraum, im westlichen Teil der Grundschule, der Schulhof liegt im Südosten des Gebäudes. Deshalb bekam dort niemand mit, wie neun Mädchen eine 13Jahre alte Schülerin auf der Baumbank zusammenschlugen – und die Tat auch noch mit ihren Smartphones filmten. Kurz darauf fand sich der Clip im Internet.

Die Mädchen, die an der Prügelei beteiligt waren, kennt die Rektorin nicht, sie stammen von anderen Schulen der Universitätsstadt; das Opfer ging auf eine benachbarte Gemeinschaftsschule. „Mich hat am Donnerstagmittag eine Mutter angerufen und mir von dem Video berichtet“, erzählt die Direktorin. „Am Freitag wurde die Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule dann von der Presse belagert.“

Die digitale Empörungsdemokratie schreit auf

Da war die Prügelei schon zu einem nationalen, ja internationalen Ereignis geworden. Was früher durch Erzählungen und Gerüchte gefiltert worden wäre, bekam durchs Netz binnen weniger Tage eine weltweite Publizität. Gegen die mediale Verwertung der Schlägerei, die anarchischen Mechanismen der digitalen Empörungsdemokratie waren alle machtlos. „Am Freitag hatten unsere Viertklässler das Gewaltvideo schon gesehen. Das sind Kinder, zehn Jahre alt, die muss man beschützen“, sagt Prakash.

Gegen die Täterinnen ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft, gefährliche Körperverletzung ist der Vorwurf. Denn die Mädchen handelten gemeinschaftlich. Der Staatsanwalt sagt, es sei mehr als eine triviale Schulhofbalgerei gewesen. Wahrscheinlich waren die Schlägerinnen extra in die in den siebziger Jahren für Ärzte und Krankenschwestern gebaute Siedlung gekommen, um ihrem Opfer eins auszuwischen. Das 13 Jahre alte Mädchen erlitt Prellungen und Nasenbluten.

Eine Täterin trat heftig zu – Strafrechtler werten einen „beschuhten Fuß“ als Waffe. Nur zwei der neun Mädchen sind strafmündig, also 14Jahre oder älter. Einige Täterinnen wurden schon länger von der städtischen Jugendhilfe betreut, das Opfer soll aus einer bildungsbürgerlichen Familie stammen. Der Staatsanwalt spricht von einem „jugendtümlichen Hintergrund“, wahrscheinlich geschah die Tat aus Eifersucht.

Mädchen wird zweimal Opfer dieser Demütigung

Drei der Täterinnen filmten die Prügelei, zwei Kurzfilme konnten die Ermittler sicherstellen. Eine Filmsequenz mit einer Länge von 1:48 Minuten schickten die Schülerinnen auf die Smartphones ihrer Freunde. Drei Tage später lud ein bislang Unbekannter, der an der Tat nicht beteiligt gewesen sein muss, das Video auf Facebook hoch. Am 20. November tauchte es auf der Internetplattform auf.

Angriff aus dem Netz
Cybermobbing unter Schülern
© picture alliance/dpa, Deutsche Welle

Einen Tag später war es von der Facebook-Seite verschwunden; wer es dort gelöscht hatte, war unklar, es war jetzt auf anderen Seiten im Netz zu finden. Facebook löschte es offiziell erst am 26. November – trotz mehrmaliger Intervention der ermittelnden Polizisten und der Familie des gepeinigten Mädchens.

Aus Sicht von Michael Günter, Jugendpsychiater am Klinikum Stuttgart, ist das Mädchen durch die Verbreitung des Videos zum zweiten Mal zum Opfer geworden. „Das Schlimmste ist: Alle, die das Mädchen kennen, sahen diese ungeheure Demütigung. Sogar ihr Gesicht war in dem Facebook-Video zu sehen. Und das auf der ganzen Welt. Das ist schlimmer als die Tat selbst.“

Mordvideos „ohne zeitliche Einschränkung“

Es ist nicht das erste Mal, dass gewalttätige Schüler so in den Sog der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes geraten: Sie dokumentieren ihre Tat und bekommen Anerkennung und Bewunderung durch die Gemeinde der User. Das Phänomen des „happy slapping“ – also Personen in der Öffentlichkeit anzugreifen, zu verprügeln und dabei zu filmen – ist in Deutschland seit zehn Jahren bekannt. Mehr als 90 Prozent aller Jugendlichen haben heute ein Handy.

Mindestens fünfzig Ermittlungsverfahren verursacht das „happy slapping““ pro Jahr allein in Berlin. Früher, sagt Günter, sei das Sehen eines Horrorfilms ein „zeitlich begrenztes Ereignis“ gewesen, heute schickten Jugendliche und Erwachsene „ohne zeitliche Einschränkung Mordvideos durchs Netz“. Gewaltvideos möglichst schnell von dort wieder zu entfernen liegt im Interesse des Opfers sowie der nicht strafmündigen Täter. Jugendpsychiater wie Günter raten natürlich auch aus therapeutischen Gründen dazu.

Im Tübinger Fall hatten die ermittelnden Polizeibeamten daran ebenfalls ein großes Interesse: „Die Gesichter waren zu erkennen, es waren ja Kinder und Jugendliche. Uns ging es um den Persönlichkeitsschutz. Wir wollten den Shitstorm schnell stoppen. Die Kommentare waren genauso wenig akzeptabel wie die Tat selbst“, sagt Andrea Kopp von der für den Fall zuständigen Polizeidirektion Reutlingen. Die Polizei befürchtete außerdem weitere Nachahmungstaten – nachdem das Video auf Facebook gestellt worden war, prügelte zwei Tage nach der Ersttat eine neue Täterin auf eine der Schlägerinnen ein.

Doch Facebook musste sich bitten lassen. „Wenn solche Inhalte aus sadistischem Vergnügen oder zum Zwecke der Gewaltverherrlichung geteilt werden, dann löscht Facebook sie. Schnell. In dem vorliegenden Fall war der Post aber eindeutig gegen Gewalt“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Kein Presserecht bei Facebook-Kommentaren

Dieser fahrlässige Umgang mit Gewaltdarstellungen, legitimiert mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit, ist für den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ein Kennzeichen der digitalen Öffentlichkeit, die sich selbst „möglichkeitsblind“ mache: „Das ist ein Kontrollverlust einer Gesellschaft, die im Umgang mit den neuen Medien mehr moralische Phantasie braucht.“ Er sei nicht pessimistisch, sagt Pörksen, die Gesellschaft könne den Umgang mit den neuen Medien noch lernen, auch solche Skandalisierungen könnten Anlass für ein „großes moralisches Gespräch“ sein.

„Wir befinden uns im Moment in einer mentalen Pubertät.“ Nur können die Opfer der digitalen Erregung nicht auf den nächsten Hormonschub zur Überwindung des pubertären Medienverhaltens warten; ihnen kann nur der sofortige Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte helfen. Durch die öffentliche Beschämung werden die Opfer auch aus der Sozialgemeinschaft ausgeschlossen. Sie brauchen deshalb einen besseren rechtlichen Schutz. Oft ist das nicht einfach, denn Videos und ein Facebook-Kommentar unterliegen nicht dem Presserecht.

Internetfirmen wie Facebook und Google vertreten den Standpunkt, sie stellten nur die Plattform zur Verfügung und müssten deshalb nicht haften. In diesem Fall ist das Gewaltvideo aus Sicht von Facebook ein Anti-Gewalt-Video, weil es ja mit einem kritischen Kommentar versehen sei. Diese Ansicht kann man teilen, man kann sie aber auch bequem finden. „Facebook“, sagt der Fachanwalt für IT-Recht Roger Gabor, „stellt nur die Bäckerei zur Verfügung, die Bäcker sind die Nutzer.

Das Problem für die Opfer ist: Es gibt kein Portalrecht, und es gibt kein Facebook-Recht.“ Erschwerend kommt hinzu, dass die Videos in allen möglichen Formen bearbeitet und verfremdet werden. Selbst wenn sie auf Facebook nicht mehr auffindbar sind, können sie auf anderen Sites wieder auftauchen.

„Alle waren da, keiner hat was gesehen“

Zunächst gilt für Internetportale wie Facebook das Telemediengesetz. Der Hochlader des Tübinger Prügelvideos gilt als Störer. Gegen ihn kann ein Opfer klagen, aber es müsste das in den Vereinigten Staaten tun, wo die großen Internetkonzerne ihren Sitz haben. Und man braucht für so einen Prozess viel Geld.

Seit dem Sommer gibt es einen kleinen Lichtblick für Menschen, deren Persönlichkeitsrechte von Facebook oder anderen Internetanbietern verletzt werden. Nach dem Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs gibt es eine Möglichkeit, die beschämenden Videos wieder aus dem Netz zu bekommen: „Man kann die Verbreitung des Videos über Facebook als rechtswidrige Datennutzung sehen“, sagt Gabor. „In diesem Fall ist der Hamburger Datenschutzbeauftragte zuständig, weil die deutsche Vertretung von Facebook in Hamburg sitzt.“

Der Datenschutzbeauftragte kann gegen Facebook ein Bußgeld erlassen. Weigert er sich, kann der Anwalt des Opfers versuchen, ihn per einstweiliger Verfügung dazu zu zwingen. Zivilrechtlich ist die Verbreitung des Videos ohne Einwilligung des Mädchens auch eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Da Facebook hiervon wusste, gab das Unternehmen den Bitten der Polizei und des Opfers in diesem Fall schließlich nach.

Anwalt Gabor hat wenig Hoffnung, dass sich die Internetkonzerne den Trick mit dem Datenschutzbeauftragten lange gefallen lassen. „Ich fürchte, Google und Facebook schließen einfach ihre europäischen Niederlassungen. Dann helfen uns weder das EuGH-Urteil, für das viele Jahre gekämpft worden ist, noch ein Datenschutzbeauftragter.“

Nicht weit vom Tatort entfernt ist der „Stadtteil-Treff“ der architektonisch tristen, aber gut sanierten Siedlung. Frührentner spielen hier Doppelkopf. Obwohl die prügelnden Mädchen ihr Opfer den Treppenaufgang zwischen Stadtteil-Treff und Supermarkt hinaufgeschleppt haben, hat hier niemand etwas von der Prügelei mitbekommen. „Alle waren da, keiner hat was gesehen“, sagt eine Frau. Was in ihrem Stadtteil passiert ist, haben auch die Frührentner erst ein paar Tage später aus dem Internet erfahren. Sie hätten es sehen können, wenn sie mal aus dem Fenster geschaut hätten.

Quelle: F.A.S.
Rüdiger Soldt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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