Prozess in Freiburg

Vergewaltigungen auf Video

Von Rüdiger Soldt, Freiburg
 - 17:10

Oft filmen und fotografieren pädokriminelle Täter ihre abartigen sexuellen Handlungen – und hinterlassen damit auf Festplatten und im Internet Spuren. So war es auch im Fall von Markus K., einem Beteiligten des im Januar bekannt gewordenen Pädokriminellen-Rings im südbadischen Staufen. Seit Donnerstag muss er sich vor dem Freiburger Landgericht wegen schweren sexuellen Missbrauchs, schwerer Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwerer Zwangsprostitution, gefährlicher Körperverletzung und wegen des Besitzes von Kinderpornographie verantworten.

Die Taten des Einundvierzigjährigen sind in drei Videoaufnahmen – jeweils sechs, zwölf und 20 Minuten lang – in ihrer Grausamkeit gut dokumentiert. Die Beweislage ist erdrückend, der Angeklagte geständig, so dass in diesem und in den vier weiteren Strafverfahren des Staufener Komplexes nach wenigen Verhandlungstagen mit Urteilen zu rechnen ist. Im Sommer beginnt die Verhandlung gegen die Haupttäter: Christian L. und Berrin T.

Das Freiburger Landgericht strebt ein kurzes Hauptverfahren an. Das macht der Vorsitzende Richter am Donnerstag kurz nach Eröffnung des Hauptverfahrens deutlich: „Die Verkehrssituation auf der A5 ist bekannt. Sie haben das Gericht eine halbe Stunde warten lassen“, sagt er zu den Justizvollzugsbeamten, kurz nachdem Markus K. in den Saal des Landgerichts geführt worden ist. Die auf sexuellen Missbrauch spezialisierte Staatsanwältin trägt das schreckliche Tatgeschehen, die mehrfache Vergewaltigung des damals acht Jahre alten Jungen, vor. Einmal traf Markus K. den Sohn von Berrin T. und Stiefsohn von Christian L. im Juli 2017 auf einem Feldweg bei Staufen. Christian L. stellte dem Kind Markus K. als angeblichen Polizisten vor. Wenn er nicht mache, was dieser verlange, müsse er ins Heim, drohte er. Dann zwangen Christian L. und Markus K. das Kind zum Oralverkehr. Das zweite Treffen fand in einer Wohnung in Staufen statt. Der Junge wurde nackt an einem Stuhl gefesselt und zum Oral- und Analverkehr gezwungen. Als der pädokriminelle Freier fertig war, verging sich Christian L. noch einmal an seinem Stiefsohn. Berrin T., die Kindsmutter, war bei diesem Treffen dabei und duldete die Taten. Die Schmerzen und das „Abwehrverhalten“ des Kindes seien, so formuliert es die Staatsanwältin, „sehr groß“ gewesen. Die entsprechenden Videoaufnahmen werden, nachdem das Gericht die Öffentlichkeit von Teilen der Verhandlung ausgeschlossen hat, als Beweismittel in das Verfahren eingeführt. Die Ermittler fanden in der Wohnung von Markus K. außerdem etwa 500 kinderpornographische Bilddateien und 20 Filme.

Verabredet über den Facebook-Messenger

Christian L., der Haupttäter im Staufener Fall und Organisator des pädokriminellen Freier-Rings, und Markus K. kannten sich aus der Haft. Nach der Haftentlassung trafen sie sich in der Forensischen Ambulanz wieder. In ihren kriminellen Biographien finden sich Parallelen. Christian L. wurde im Sommer 2010 vom Landgericht zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Er stand nach seiner Entlassung unter Führungsaufsicht und verstieß gegen die Auflagen des Gerichts. Markus K. hatte 2009 einen zehn Jahre alten Jungen in einem Maisfeld sexuell missbraucht. Vom Landgericht Freiburg wurde er zu vier Jahren und zwei Monaten verurteilt. Auch er verstieß nach seiner Entlassung aus der Haft gegen die Auflagen der Führungsaufsicht. Christian L. und Markus K. schlossen in der Justizvollzugsanstalt Freundschaft, wahrscheinlich tauschten sie dort auch ihre pädokriminellen Phantasien aus. In Freiheit verabredeten sie sich dann über den Facebook-Messenger.

Markus K. soll in seiner Kindheit selbst sexuell missbraucht worden sein. Lange war er drogenabhängig. Eine Ausbildung scheiterte, in Rust arbeitete er für eine Reinigungsfirma. „Er fiel auf durch gefälliges, aber dissoziiertes Verhalten. Emotionale Regungen gab es gar nicht bei Herrn K.“, sagt eine Kriminalbeamtin, die ihn nach der Haftentlassung in einem Resozialisierungsprogramm betreut hatte. „Unsere Meinung war, dass der Herr K. sehr wohl gefährlich war, deshalb haben wir die Entscheidung, die kontrollierenden Kontakte zu ihm zu verringern, auch nicht verstanden. Es war zu viel Gefahrenpotential da, dass er wieder übergriffig wurde. Er wurde vom Bewährungshelfer als austherapiert angesehen, während wir das anders gesehen haben.“ 2014 waren die Kontrollen der Führungsaufsicht von vier auf zwei Gespräche reduziert und dann gestrichen worden. Die Beamtin kritisiert das am Donnerstag.

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Jahrelanges MartyriumProzessbeginn gegen den Kinderschänder von Freiburg

Ob das Jugendamt im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald im Staufener Fall anders hätten handeln müssen, ist in einem „rechtsaufsichtlichen Bericht“ des Freiburger Regierungspräsidiums untersucht worden. In dem streng vertraulichen Bericht wurden „keine Rechtsverstöße des Jugendamtes“ festgestellt. Nach Informationen dieser Zeitung werden in dem umfangreichen Bericht dennoch zahlreiche Versäumnisse moniert, vor allem beim Informationsaustausch zwischen Polizei, Jugendamt und dem zuständigen Familiengericht. Dass die Polizei gegen Christian L. Anzeige erstattet habe, weil er Auflagen der Führungsaufsicht missachtet habe, sei dem Jugendamt zu spät mitgeteilt worden. Nachdem die Inobhutnahme des Kindes durch das Familiengericht beendet worden sei, habe man es versäumt zu besprechen, wie die Auflagen des Gerichts kontrolliert werden sollten.

Der Hinweis einer Lehrerin des missbrauchten Jungen, dass er gegenüber seinen Mitschülern Andeutungen über die sexuellen Handlungen gemacht haben soll, seien vom Jugendamt als „vage“ eingestuft worden. Die Polizei habe die Information, dass sich Christian L. im Haushalt der Kindsmutter aufgehalten habe, dem Jugendamt erst Anfang März 2017 übermittelt. Hinweise auf diesen Sachverhalt lagen der Polizei aber schon im April 2016 vor. In dem Bericht des Regierungspräsidiums wird zudem herausgearbeitet, dass das Jugendamt zu spät über ein Urteil des Amtsgerichts Staufen informiert wurde, nachdem es Christian L. zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten wegen des Verstoßes gegen das Kontaktverbot verurteilt hatte. Das Jugendamt will hiervon erst im November 2017 erfahren haben; verhaftet wurden Berrin T. und Christian L. aber schon am 16. September 2017.

Laut Bericht des Regierungspräsidiums legte das Jugendamt gegen den erstinstanzlichen Beschluss des Familiengerichts, die Inobhutnahme des Kindes zu beenden, keine Beschwerde ein, obwohl die Mitarbeiter des Jugendamts dem Gericht zuvor sogar Vorschläge für Auflagen gemacht hatten. Das Jugendamt sah aufgrund der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts keine Möglichkeit, die Inobhutnahme des Jungen fortzusetzen. Zumindest im Rückblick wirkt das Vorgehen des Jugendamts nicht konsequent. Empfohlen wird vom Regierungspräsidium, Kontaktverbote von ehemaligen Straftätern, die unter Führungsaufsicht stehen, besser zu überprüfen und Kontaktverbotsverstöße schneller an die Jugendämter zu melden. Das wäre die Aufgabe der Polizei und der Staatsanwaltschaften. Eine Arbeitsgruppe in der Landesregierung arbeitet nun an der Fortschreibung des Kinderschutzkonzeptes. Dafür wird auch der Staufener Fall jetzt gründlich analysiert.

Quelle: F.A.Z.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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