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Las Vegas nach der Tragödie

Mühsam aus dem Schockzustand

Von Isabelle Braun, Las Vegas
 - 09:01

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© AP, Reuters

Der volle Umfang der Tragödie von Las Vegas zeigt sich erst Stunden nach den tödlichen Schüssen: Am Morgen danach titelt die lokale Zeitung „Las Vegas Review Journal“ noch: „Massenschießerei auf dem Strip. Mindestens 20 Tote.“ Im Radio spricht man währenddessen schon von über 50 Toten und hunderten Verletzten. Die Zahlen gehen weiter nach oben. Es ist nach aktuellem Stand das tödlichste Schusswaffenmassaker in der modernen amerikanischen Geschichte. Die Stadt des Glücksspiels ist im Schockzustand.

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Als der Attentäter Stephen Paddock gegen 22 Uhr aus dem 32. Stock einer Suite auf Besucher eines Konzerts feuert, wurde Mark Hendy gerade die Vorspeise serviert. Es ist für den 44-jährigen Briten sein erster Trip nach Las Vegas, sein erster Besuch im Restaurant „Carbon" im Aria-Komplex, das mehrere Restaurants, Shops und ein Casino beherbergt. Gegen 23 Uhr tritt ein Restaurant-Manager an seinen Tisch und berichtet von einer Schießerei, irgendwo in Las Vegas. „Zu diesem Zeitpunkt wirkte das alles sehr weit entfernt. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht“, sagt Hendy.

Mit seinen Freunden sitzt er noch auf einen Absacker in dem italienischen Restaurant zusammen, gegen 0 Uhr zahlen sie die Rechnung. „Dann kam erneut jemand an unseren Tisch und sagte, wir sollten mit ihnen in den sicheren Hinterteil des Gebäudes gehen, weil der Schütze im Casino gesichtet wurde.“ Dann wird er gemeinsam mit anderen Gästen und dem Personal durch die Küche in einen Warenaufzug gelotst. Einige Leute werden nervös, stoßen Gegenstände um, Hendy wird geschubst.

„Ich hatte keine Ahnung, wo wir uns genau befinden. Andere Gäste waren völlig aufgelöst und sagten, sie hätten von Schießereien in anderen Hotels gehört und jemanden mit einer Waffe im Casino gesehen“, sagt Hendy. Die Informationen seien widersprüchlich gewesen. „Klar war ab diesem Zeitpunkt nur: Das ist ziemlich ernst, und ich dachte, wir werden hier zwischen Wäschecontainern und Getränkelagern die Nacht verbringen.“

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Später wird sich herausstellen, dass es nur an einem Ort eine Schießerei gab, vor dem Mandalay Bay, einem der berühmtesten Hotels in Las Vegas. In Reiseführern wird es als Highlight beschrieben, unter anderem wegen der eindrucksvollen Unterwasserlandschaft, durch deren „Shark Reef“ ausgewachsene Haie schwimmen. Seit vier Jahren findet auf der Straße davor ein Country-Festival statt. Als am finalen Abend des dreitägigen Musik-Events das Schussfeuer beginnt, halten es die rund 20.000 Besucher für ein Abschiedsfeuerwerk.

Hendy wird wie die anderen Gäste nach einigen Stunden in sein Hotel begleitet. Erst dort erfährt er, was sich keine zwei Kilometer entfernt abspielte. „Ich habe bis spät nachts Nachrichten geschaut, und erst da wurde mir das Ausmaß bewusst. Dementsprechend habe ich auch schlecht geschlafen. Gegen halb neun musste ich raus, den Kopf freikriegen und bin in Richtung des Anschlagorts gegangen.“ Angst hatte er nicht: „Las Vegas wirkte heute morgen wie eine ganz normale Stadt, die gerade aufwacht.“

Die Geschäfte sind geöffnet, Touristen schlendern durch die Straßen. Sie machen Selfies vor dem bekannten Brunnen des Bellagio – die Wasserfontänen sind jedoch abgestellt. In Coffeshops und Imbissbuden gibt es lange Schlangen.

In den Krankenhäusern sind währenddessen noch nicht alle Patienten identifiziert, im Radio werden im Minutentakt Notfallnummern durchgeben. Manche werden den ganzen Tag keine Musik spielen. Blickt man am Tag nach dem Attentat auf den weltberühmten Las Vegas Strip, mit den glitzernden Fassaden und leuchtenden Reklameschildern, dann scheint zunächst alles wie immer zu sein. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass auf den großen Werbetafeln um Blutspenden gebeten wird. Andere zeigen Kondolenzschriftzüge wie „Unsere Gebete für die Opfer.“ „Unsere Dankbarkeit für die mutigen Ersthelfer“. Oder: „Unser Herz ist mit dir Las Vegas.“ Dann springt die Anzeige wieder um, zu Werbung für die Show von Jennifer Lopez und Guacamole.

Schießerei
Eine Augenzeugin berichtet, was in Las Vegas passierte

Je näher man dem Tatort kommt, desto deutlicher werden die Spuren. Rund um die Gegend des Hotels Mandalay Bay sind kaum Fußgänger unterwegs, stattdessen stehen Reporter mit Kameras auf dem Las Vegas Boulevard, auf der Kreuzung zwischen Tropicana Avenue und Russel Boulevard. Kein Auto wird zum Hotel vorgelassen, selbst Gäste haben Schwierigkeiten zu ihren Zimmern zu gelangen.

Die Stadt ist nicht „gelähmt“, wie es oft nach traumatischen Ereignissen beschrieben wird, aber die Menschen sind emotional. In den Medien, Bars oder Hotel-Lobbys sprechen alle von der unfassbaren Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt. Zahlreiche Freiwillige haben Spendenzelte errichtet, Konzertbesucher hatten mit ihren privaten Autos Verletzte ins Krankenhaus gebracht. Passanten suchen das Gespräch mit Polizisten, die mit ihren Motorrädern an jeder Ecke stehen. „Thank your for your service“ und „God bless you“ sagen sie zum Abschied. Manchmal folgt sogar eine kräftige Umarmung.

Polizisten und lokale Reporter sind sich sicher, dass das Attentat die Stadt für immer verändern wird. Und sei es nur, dass nun strenge Sicherheitskontrollen und Metalldetektoren in den Casinos, dem Herzstück der Stadt, eingeführt werden. „Ich bin auf einem dreiwöchigen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten mit Freunden unterwegs. Ich habe zwar keine Angst, doch dieser Abend hinterlässt ein schreckliches Gefühl“, sagt Hendy. „Aber ich denke auch: Das Leben geht weiter. Während wir in einem Hintereingang versteckt wurden, saßen da unten Leute weiter an den Spielautomaten.“ The show must go on. Wenn auch mit einem bitteren Nachgeschmack.

Quelle: FAZ.NET
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