Missbrauchsprozess in Freiburg

„Ich war der Schlimmste für ihn“

Von Rüdiger Soldt, Freiburg
 - 17:36
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Missbrauchsfall in Staufen„Fast jede Tat wurde gefilmt“

Der Staufener Missbrauchsfall ist monströs. In 58 Fällen kann die Staatsanwaltschaft den Organisatoren des pädokriminellen Netzwerkes, dem 39 Jahre alten Christian L. und der 48 Jahre alten Berrin Michaela T., nachweisen, ihren Sohn über Jahre schwer sexuell missbraucht und ihn gegen Geld an sechs pädokriminelle Männer ausgeliehen zu haben. Das Kind sei zwischen 2015 und 2017, als es zwischen sieben und neun Jahre alt war, immer wieder vergewaltigt, missbraucht und entwürdigt worden. Dem Kind seinen körperliche und vor allem schwere seelische Schäden zugefügt worden.

Allein die Auflistung der einzelnen Strafnormen für die 58 Taten dauert in Saal IV des Freiburger Landgerichts am Montagvormittag mehr als zwei Stunden. Schwere Vergewaltigung, Missbrauch von Schutzbefohlenen, schwere Zwangsprostitution, Erwerb, Besitz, Verbreitung von Kinderpornographie, sexueller Missbrauch und der Missbrauch von Schutzbefohlenen – das sind die Tatbestände, die dem Täterpaar in einer schier unfassbaren Zahl von Fällen zur Last gelegt werden. Der Missbrauch begann 2015 – gestoppt wurde er erst durch ein fingiertes Treffen mit einem pädokriminellen Mann am 17. September 2017, der die Taten im Darknet beobachtet, der Polizei gemeldet und die Fahndung ermöglicht hatte.

Seit Bekanntwerden des Falls im Januar sind viele Details bekannt. Doch der erste Tag des Strafprozesses zeigt noch einmal das grauenhafte Ausmaß eines Falles, den die Polizei als den schlimmsten Missbrauchsfall in der Geschichte Baden-Württembergs bezeichnet. Der Sohn von Berrin T. musste nahezu täglich damit rechnen, zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu werden – mal von einem der sechs Männer, die dafür geboten hatten, dann wieder von der eigenen Mutter und dem 2010 einschlägig vorbestraften Stiefvater.

Dazu mietete das Täterpaar Ferienwohnungen an und fuhr mit den größtenteils im Darknet angesprochenen Männern in die Weinberge. Sie fotografierten und filmten den Jungen, verkauften das Material in pädophilen Foren und lockten im Darknet dann neue „Kunden“ an. Christian L., der mutmaßliche Haupttäter, lernte seinen eigenen Vater nie kennen, denn dieser hatte seine Mutter vergewaltigt. Er wuchs bei einem Stiefvater auf, der wiederum laut dem Angeklagten schwerer Alkoholiker war und ihn zumindest auch sexuell belästigt haben soll.

Die Staatsanwältinnen arbeiteten beim Verlesen der Anklageschrift am ersten Tag der Hauptverhandlung eine Reihe von Aspekten heraus, die bislang anders dargestellt wurden oder in diesem Ausmaß noch nicht bekannt waren: zum Beispiel die Rolle der Mutter, einer arbeitslosen, geschiedenen, adipösen, verwahrlost wirkenden Frau. Bei der Vorbereitung der Taten sowie bei den Missbrauchshandlungen selbst schritt sie nicht ein. Im Gegenteil: Sie beleidigte ihren Sohn als „Kinderhure“, fügte ihm starke Schmerzen zu, missbrauchte ihn mehrfach selbst, lieferte ihn ihrem Lebenspartner und den pädokriminellen Vergewaltigern immer wieder aus. Willig folgte die Frau den „Regieanweisungen“ und „Drehbüchern“ ihres Partners und machte ihr Kind immer wieder „gefügig“.

„Diesen Schuh ziehe ich mir an“

Bei fast jeder der 50 Taten wehrte sich der Junge heftig oder brachte jedenfalls seinen Ekel und Widerwillen zum Ausdruck. Empathie mit dem Jungen scheint weder die Mutter noch der Stiefvater empfunden zu haben. „Wenn sich der Junge widersetzte, beantwortete der Angeklagte das mit einfacher Gewalt“, sagt die Staatsanwältin. Ebenfalls regungslos verfolgen die Angeklagten die Vorträge der Staatsanwältinnen. Beide verzichten darauf, ihre Gesichter zu verdecken, als sie den Gerichtssaal betreten. Während Christian L. häufig stolz in den Zuschauerraum schaut, sinkt Berrin Michaela T. auf der Anklagebank manchmal in sich zusammen. Die beiden lernten sich Ende 2014 als Mitarbeiter bei der „Tafel“ kennen. Berrin T. wusste, dass ihr neuer Partner wegen schweren sexuellen Missbrauchs eine vierjährige Haftstrafe verbüßt hatte, dass er weiterhin zur Vermeidung von Rückfällen unter Führungsaufsicht durch einen Bewährungshelfer steht, die allerdings zu lasch war und nicht funktionierte.

Als sie sich erste wenige Wochen kannten, begannen sie, sich ein Opfer zu suchen. Sie vergewaltigten und missbrauchten gemeinsam ein drei Jahre altes Mädchen aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, die Tochter einer Freundin Berrins. Die Lebensgefährtin beteiligte sich, weil sie ihren Partner nicht verlieren wollte. Sie fürchtete auch, dass Christian L. eine Beziehung mit der Mutter des Mädchens beginnen könnte. „Ich habe mich über Whatsapp mit der Mutter des Mädchens auch einmal mal über sexuelle Vorlieben ausgetauscht“, sagt Christian L.

Im August 2016 brach der Kontakt zu der Freundin und zu dem Mädchen ab, und das Paar suchte sich ein neues Opfer – den leiblichen Sohn Berrins. „Nachdem das mit dem Mädchen nicht mehr aktuell war, habe ich Frau T. gefragt, ob sie das nicht doch erlauben könnte. Ich sollte aber dem Jungen auf keinen Fall weh machen“, sagt Christian L.

Über den Charakter der Beziehung zwischen Berrin T. und Christian L. bleibt am ersten Verhandlungstag einiges unklar. War Christian L. die treibende Kraft? Oder handelte die Mutter auch stark aus eigenem Antrieb heraus, wie es in der Anklage dargestellt wird? „Berrin T. war diejenige, die Termine einging, sie nahm auch selbst an den Tathandlungen teil“, sagt die Staatsanwältin. Christian L. stellt es in seiner Aussage etwas anders dar.

„Ich war wahrscheinlich der Schlimmste für ihn, das Verhältnis zwischen uns war wirklich sehr gut, er hat keinen Hass gegen mich gehabt. Er sagte Papa dies und Papa das. Letztendlich bin ich der Haupttäter, diesen Schuh ziehe ich mir an. Ich habe nie gesagt, es geht um meinen Arsch, ich habe die Namen der anderen Täter ja preisgegeben“, sagt Christian L.

Der Richter fragt, warum er die schlimmen Taten nicht selbst zur Anzeige gebracht habe, warum die erste Haftstrafe nicht zu einer Besserung geführt habe. Darauf hat der Angeklagte noch immer keine Antwort. „Mehr als dafür zu sorgen, dass andere und ich bestraft werden, kann ich nicht machen“, sagt er am Ende. „Der Junge ist mir definitiv wichtig.“

Quelle: F.A.Z.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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