Überfälle auf Geldtransporter

Minutiös vorbereitet, brutal vorgegangen

Von Reiner Burger
 - 20:22

Die Ermittler vermuteten schon lange, dass es sich um ein und dieselbe Bande handelt, die seit 20 Jahren vor allem im Ruhrgebiet immer wieder auffallend brutale Überfälle auf Geldtransporter beging. Nun sind sich die Fachleute für organisierte Kriminalität (OK) der Polizei Hagen sicher, zumindest einen Teil der Täter dingfest gemacht zu haben. Sie hatten mindestens 1,5 Millionen Euro erbeutet.

Ende September durchsuchten Spezialeinsatzkommandos mit mehr als 200 Beamten gleichzeitig mehrere Wohnungen in Wuppertal, Hilden, Haan und Solingen und nahmen fünf Männer im Alter von 30 bis 53 Jahren fest. Dabei stellten die Beamten Schnellfeuerwaffen, mehrere Fahrzeuge und einen sechsstelligen Bargeldbetrag sicher, den ein Geldspürhund erschnüffelt hatte.

Haftbefehl gegen fünf Verdächtige

Wie die Polizei Hagen am Freitagnachmittag mitteilte, führten die mutmaßlichen Bandenmitglieder nach außen hin ein unauffälliges Leben – sie arbeiteten als Elektriker, Schlosser oder Lastwagenfahrer. Aber von ihrer Beute hätten sie Grundstücke, teure Uhren oder hochwertige Motorräder gekauft.

Ein Richter erließ Haftbefehle gegen die fünf deutschen Staatsbürger mit Migrationshintergrund – in zwei Fällen auch wegen versuchten Mordes, weil bei einem Überfall in Werl ein Geldtransporter-Fahrer beim Beschuss des Fahrzeugs durch Glassplitter verletzt worden war. Bisher kann die Ermittlungskommission „Argos“ den fünf Männern unter anderem anhand von DNA-Spuren Überfälle in Hagen (1998), Neuss (2000), Werl (2001 und 2002), Volmarstein (2014) und Dortmund (2015) zuordnen.

Geldtransporter eingekeilt und überfallen

Die Hagener OK-Fachleute glauben aber, dass die Bande noch für weitere Straftaten verantwortlich ist und dass weitere Personen an insgesamt 16 Überfällen beteiligt waren. „Es gibt DNA-Spuren, zu denen wir noch nicht das Gegenstück haben“, sagt ein Sprecher der Hagener Polizei.

Die Überfälle liefen jeweils nach einem ähnlichen Schema ab. Mit gestohlenen Autos keilten die Täter die Geldtransporter ein und zwangen die Wachleute zum Anhalten. Ohne Vorwarnung beschossen sie dann die gepanzerten Transporter aus Schnellfeuerwaffen. In zwei Fällen wurden die Wachleute auch mit Panzerfaust-Attrappen bedroht. In einem weiteren Fall haben die Ermittler noch nicht klären können, ob es sich nicht doch um eine funktionsfähige Panzerfaust handelte.

Überfall in Dortmund brachte Ermittler auf die Spur der Täter

Besonders dreist ging die Bande, die nach Erkenntnissen der Ermittler in wechselnder Zusammensetzung operierte, beim letzten Überfall vor, der ihr zugerechnet wird. In Dortmund zwangen die Täter den Fahrer eines Geldtransporters mitten in einem Wohngebiet an einer Verkehrsinsel zum Halten, beschossen das Fahrzeug und drohten einem anderen Verkehrsteilnehmer mit ihren Waffen. Während sich der Verkehr staute, schnitten die Täter den Transporter von hinten mit einem Trennschleifer auf und rissen 300.000 Euro Bargeld an sich.

Auch diesen Überfall hatte die Bande nach Erkenntnissen der „Argos“ über einen langen Zeitraum generalstabsmäßig geplant. So muss den Tätern bekannt gewesen sein, dass der Geldtransporter an jenem Dezember-Samstag vor zwei Jahren den ganzen Tag über zunächst in Duisburg unterwegs gewesen war, um im Weihnachtsgeschäft die Bargeldbestände zahlreicher Einzelhändler einzusammeln, bevor er sich nach Dortmund aufmachte. Die Fahrzeuge, mit denen die Täter in Dortmund den Geldtransporter blockierten, hatten Mitglieder der Bande schon ein Jahr zuvor gestohlen.

Gleichwohl wurde der Überfall zum Wendepunkt bei der Aufklärung der spektakulären Überfallserie. Denn auf die Spur kam die „Argos“ den Männern durch einen aus ermittlungstaktischen Gründen nicht näher erläuterten Hinweis aus Dortmund. Zudem untersuchten die Kriminalisten alte Beweismittel mit neuen Methoden.

Quelle: F.A.Z.
Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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