Kriminalität
Mordprozess gegen Gabriele P.

Er hat die Gabi sehr lieb gehabt

Von Karin Truscheit
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Als der Anglistikstudent Sebastian H. sich weder Weihnachten 2008 noch in den Wochen danach bei seinen Eltern gemeldet hatte, als seine Freundin Gabriele P. dem besorgtem Vater am Telefon nur sagte, Sebastian sei mit einer anderen Frau „durchgebrannt“, mit wem oder wohin wisse sie nicht, ging der Vater schließlich im Frühjahr 2009 in München zur Polizei, um seinen 28 Jahre alten Sohn als vermisst zu melden.

Mit einer anderen Frau auf und davon? „Bedauerlich, aber kein Vermisstenfall“, belehrte ihn der Polizeibeamte. Immer wieder rief der Vater Gabriele P. an, ob sie nicht irgendetwas wisse, schließlich wohnte Sebastian zuletzt mit ihr zusammen in einem kleinen Haus in Haar, einer Gemeinde am Münchner Stadtrand. Das Haus gehörte Gabriele P. Nach ein paar Anrufen sagt ihm ihr neuer Freund, er solle damit aufhören, sie wünsche keinen weiteren Kontakt. Der Vater beauftragte einen Schuldner-Suchdienst und eine Detektei mit der Suche nach seinem Sohn. Niemand fand ihn. Sebastian H. war längst tot, sein Leichnam vergraben im Garten des Hauses in Haar.

Vater wusste nichts über „das zweite Gesicht“ des Sohnes

Sebastian H. war wenige Tage alt, als ihn das Ehepaar H. als Pflegekind aufnahm und später adoptierte. Von ihren drei Kindern, sie bekamen noch zwei leibliche Kinder, sei Sebastian das intelligenteste Kind gewesen, sagt der Vater vor Gericht aus. Während der Vater erzählt, was für ein Mensch sein Sohn gewesen sei, schaut er immer wieder zu der 32 Jahre alten Frau auf der Anklagebank hinüber, die er „Gabi“ nennt, die bei Familienfesten mit am Tisch saß und die gestanden hat, seinen Sohn mit einer Kreissäge getötet zu haben.

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Das Unvermögen des Vaters, diese unbürgerliche Tat mit seinem bürgerlichen Leben in Einklang zu bringen, ist mit Händen zu greifen. In Anzug und Krawatte sitzt der promovierte Jurist, der auch Nebenkläger ist, auf dem Zeugenstuhl, fährt sich wieder und wieder durch das weiße Haar, müht sich, den Fragen des Gerichts nachzukommen: Nein, wirklich, er habe in dem Haus in Haar keine Haken in den Dachbalken neben dem Bett, keine blauen Flecken im Gesicht von Gabriele P. gesehen, nichts von ihrer Abtreibung mitbekommen, nichts von „devianten Sexualpraktiken“ seines Sohnes gewusst, von all dem, was Gabriele P. über „die zwei Gesichter“ des Sebastian H. ausgesagt hat. Natürlich, sagt der Vater, habe er sich nach allem, was sie jetzt wissen, gefragt: „Habe ich etwas übersehen?“

Gabriele P. leugnete nicht

Am 20. Januar 2016 klingelte die Polizei um sechs Uhr morgens in Haar bei Gabriele P. und konfrontierte sie mit dem Haftbefehl. Sie leugnete die Tat nicht – obwohl man ihr diese nach so langer Zeit nicht ohne weiteres hätte nachweisen können. Sie saß auf dem Sofa, als der Leiter der Mordkommission sie fragte, wo die Leiche sei. Gabriele P. deutete in den Garten und sagte etwas von „Kompost“.

Als der Polizist wissen wollte, wie sie Sebastian H. getötet habe, machte sie kreisende Bewegungen mit der Hand. Zunächst hatte der Polizist sie nach einer Schusswaffe gefragt. Darauf habe sie aber „erschrocken“ reagiert, sagt er vor Gericht aus. Dann nannte sie als Waffe die Kreissäge. Als der Polizist sie fragte, ob Sebastian H. gleich tot gewesen sei, fragte sie zurück: „Was heißt ,gleich‘“?

Lebensgefährte entdeckte den Leichnam

Im Garten fand die Polizei unter einem Haufen von Dachziegeln und Reisig vergraben schließlich den Leichnam von Sebastian H. Gabriele P.s Lebensgefährte, ein ehemaliger Tierpfleger, den sie inzwischen nach „buddhistischem Ritus“ geheiratet hat, und ein Bekannter hatten ihr laut Staatsanwaltschaft dabei geholfen, den Leichnam – ein halbes Jahr nach der Tat – im Sommer 2009 zu vergraben.

Die Leiche von Sebastian H. wurde erst viele Jahre nach seiner Ermordung gefunden. Seine Eltern wollten ihn schon 2009 als vermisst melden.
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Beide Männer wurden inzwischen wegen Strafvereitelung zu mehrmonatigen Freiheitsstrafen verurteilt, beide haben Rechtsmittel eingelegt. Ihr Lebensgefährte hatte den Leichnam zuvor im Dachgeschoss des Hauses entdeckt, Gabriele P. gestand ihm daraufhin die Tat. Jahre später erzählte er einem Bekannten von einem „dunklen Geheimnis“ im Garten des Hauses. Der erzählte es weiter, eine andere Bekannte erfuhr davon, im Dezember 2015 ging diese zur Polizei, im Januar 2016 wurde Gabriele P. festgenommen.

Was brachte Gabriele P. zu der Tat?

Seit Februar muss sie sich nun wegen Mordes vor dem Münchner Landgericht verantworten: Sie hat nach Ansicht der Staatsanwaltschaft an einem nicht mehr zu bestimmenden Tag im Dezember 2008 ihren Freund während eines für das Paar nicht unüblichen Sexspiels auf seinen Wunsch hin gefesselt und ihn dann mit einer laufenden Kreissäge getötet. Als Mordmerkmal sieht die Staatsanwaltschaft die Heimtücke, denn Sebastian H. sei „arg- und wehrlos“ gewesen.

Was bringt eine Pädagogikstudentin, die sich für Rudolf Steiner interessiert und als Behinderten-Assistentin gearbeitet hat, die die Eltern ihres getöteten Freundes als „nett und liebevoll“ bezeichnet haben, dazu, ihren Freund mit einer Kreissäge umzubringen? Mit einer Handkreissäge, die nach ihren Angaben eingesteckt neben dem Bett lag, da Sebastian H. sie zum Ausbau des Dachgeschosses gebrauchte?

Zeugen berichten aus der „Villa Kunterbunt“

Als „fröhlich und temperamentvoll“ beschreiben sie ehemalige Mitbewohnerinnen, vor Gericht ist ihr davon nichts anzumerken. Reglos sitzt sie auf der Anklagebank, kein Haar rührt sich in den langen roten Locken, das weiche Gesicht so konturlos wie ihre Antworten, die sich meist in einem leisen „Ich erinnere mich nicht“ erschöpfen. Mit „Wie hat man sich das vorzustellen?“ beginnen somit viele der Fragen, die die Richter an die Angeklagte und ehemalige Mitbewohner richten, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie Gabriele P. und Sebastian H. ihre gemeinsamen Jahre, sieben insgesamt, verbrachten.

Es entsteht das Bild eines Paares, das, finanziert auch durch die monatlichen 500 Euro von Sebastian H.s Eltern, viel kiffte und trank und bis in die Puppen im Bett lag, während die Miete zahlenden Mitbewohner morgens zur Uni gingen. Katzen, Hühner und Hasen hielten sie in dem Haus, das von ihnen in Anzeigen als „Villa Kunterbunt“ angepriesen wurde. Von Müll und Muffgeruch, von dreckigem Geschirr, Magic Mushrooms, vielen Duftkerzen und „überall Katzenstreu“ berichtet eine Zeugin, eine andere davon, dass Sebastian H. mal gedroht habe, den Hund einer Mieterin zu erschießen. Gabriele P. soll ab und zu für Geld Kinder auf Geburtstagsfeiern „bespaßt“ haben, der Anglistikstudent Sebastian H. hingegen, das wird deutlich, saß statt im Hörsaal lieber vor seinen Spielkonsolen, kochte aber auch gern. Die beiden stritten viel.

Angeklagte spricht von Gewalt in der Beziehung

Von ständigen Streitigkeiten, auch am Tattag, spricht auch die Anklage: Die Konflikte und die Demütigungen Gabriele P.s durch Sebastian H. seien der Grund für ihren Entschluss gewesen, Sebastian H. zu töten. Vor Gericht hat Gabriele P. unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Schlägen und Erniedrigungen ausgesagt, die sie durch Sebastian H. habe erleiden müssen.

Die Angeklagte (rechts) im Februar im Landgericht München. Das Urteil wird im Mai erwartet.
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Dazu hätten auch die sexuellen Vorlieben ihres Freundes gehört, die sie habe erdulden müssen. Augenzeugen für ihr beschriebenes Martyrium gibt es indes kaum, eine Zeugin berichtet von einer Matratze mit „Blutfleck“ und von „Sexspielzeug“ im Dachgeschoss, einmal hat Gabriele P. eine psychologische Praxis aufgesucht. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters an eine ehemalige Mitbewohnerin, wer in der Beziehung denn die Hosen angehabt hätte, sagt diese: Gabriele P.

Machtverhältnisse des Paares unklar

Von Schlägen und Verletzungen hat auch Veronika K. nichts mitbekommen, eine 32 Jahre alte Studentin aus Usbekistan, die den beiden im Wortsinne am nahesten stand. Gabriele P. hatte sie 2006 in einer Bar angesprochen, daraus entwickelte sich bis Anfang 2008 eine „Dreiergeschichte“ zwischen den beiden Frauen und Sebastian H. Vor Gericht sagt Veronika K., enge Jeans, schwarze Brille, das lange Haar zu einem dicken Zopf geflochten, mal „Basti“ und mal „Alex“ – der zweite Vorname des Opfers war Alexander. Wann war er „Basti“, wann „Alex“? Die Sache mit den Namen könnte perfekt zu Gabriele P.s Aussage über seine „zwei Gesichter“ passen, so plump die Symbolik auch sein mag.

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Gabriele P. tötete ihren Freund mit einer Handkreissäge. Das Motiv bleibt im Prozess in München unklar.

Doch eindeutig zugunsten der Angeklagten sagt auch Veronika K. nicht aus. Denn einerseits war „Gabi“ nach ihren Angaben Sebastian H. „hörig“, andererseits gab sie ihm aber auch „Widerworte“. „Sie stritten oft, er hat einmal ihren Personalausweis zerschnitten, nur um sie zu ärgern.“ Und als „Gabi“ sich über die teuren Zutaten für ein Kochrezept beschwerte, habe „Basti“ die gesamten Einkäufe in den Müll geworfen. Gabriele P. sollte ihm Drogen, Männer und Frauen zum Sex besorgen, doch dann wiederum hatte Sebastian H. noch nicht einmal ein eigenes Konto. Das Geld, das er von seinen Eltern bekam, wurde auf das Konto von Gabriele P. überwiesen.

Zeugin sagt über Sexleben aus

Und Gabriele P. schaffte es immerhin auch, für ein paar Wochen aus dem Haus auszuziehen. Zwar habe sie Sebastian H., den Veronika K. als „launisch und unberechenbar“ beschreibt, „rauswerfen“ wollen. Auf die vielen Frauen, mit denen Sebastian H. parallel Sex hatte, habe „Gabi“ jedoch „entspannt“ reagiert. „Wenn ich mich darüber aufregte, sagte sie immer: ,Ja, mei, das ist halt so.‘“ Veronika K. selbst sagt unter Tränen vor Gericht, dass seine vielen Frauen für sie der Grund gewesen seien, die beiden schließlich zu verlassen.

An Haken für Fesselvorrichtungen neben den Betten, in denen sie oft auch zu dritt „gekuschelt“ hätten, und dergleichen kann sich Veronika K. nach ihrer Aussage nicht erinnern. „Sprach er mal davon, dass er beim Sex in Todesgefahr gebracht werden will?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Nein.“ Doch seine Sexualität, so die Zeugin, ging „eindeutig in die Richtung S-M“. Er schaute demnach Snuff-Videos, wollte seine Frauen in Strapsen und High Heels sehen, mit Peitschen und Fesseln Gewalt ausüben und erfahren – allerdings nicht mit Veronika K.: „Mein Nein hat er akzeptiert.“ Bei Gaby sei es jedoch eindeutig „Hard-Core“ gewesen, das habe diese ihr erzählt. Er habe sie „kontrolliert und sexuell ausgebeutet“: „Sie hat es ihm zuliebe mitgemacht.“ Was genau, das sagt sie vor Gericht nicht. Nur so viel: „Basti sagte zu mir: Ich mach’ mit ihr ganz andere Sachen als mit dir.‘“

Mutter beschreibt Sohn als unsicher

Nach Ansicht seiner Mutter, einer Fachärztin und Universitätsprofessorin, war Sebastian H. ein „liebenswerter, ein sehr intelligenter“ junger Mann. Er sei sehr „individualistisch“ gewesen, habe viel gelesen. Dass er Cannabis konsumierte, wussten die Eltern, doch von „abnormen Sexualpraktiken“ ihres Sohnes, nach denen das Gericht auch die Mutter fragt, hat sie nichts gewusst. „Darüber haben wir nicht gesprochen.“ Ihr Sohn, da ist sie sich sicher, habe „die Gabi sehr lieb gehabt“. Und auf die Frage des Gerichts, wer denn in der Beziehung der Dominante gewesen sei, antwortet sie: „Auf mich wirkten die ziemlich paarig.“

Im Januar 2016 durchsuchte die Polizei nach einem Zeugenhinweis das Grundstück von Gabriele P.
© dpa, F.A.S.

Sebastian sei kein aggressiver Mensch gewesen. „Er konnte sich schon als Kind nie wehren.“ Auf dem Gymnasium sei er mal Mobbing-Opfer geworden, sie habe ihn dann eine Zeitlang zur Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Die Eltern schickten ihn auch zu einer Psychologin: „Damit er lernt, sich zu wehren.“ Als er zur Bundeswehr kam, hielt er es nicht lange aus. Weinend habe Sebastian sie angerufen, sagt seine Mutter. Sie setzte alle Hebel in Bewegung und holte ihn da raus. Während eines Restaurant-Besuchs musste sie sich mal mit ihm an einen anderen Tisch setzen, da er glaubte, die Leute am Nachbartisch lachten über ihn. Das Verhältnis zu ihrem Sohn sei gut gewesen, auch wenn er manchmal „einfach mal nicht mehr mit mir geredet hat“.

Hatte Sebastian H. psychische Probleme?

Kein gutes Haar ließ Sebastian H. an seinen Eltern, will man den Aussagen Veronika K.s glauben. „Er schimpfte nur über sie, sagte, seine Eltern und die Behörden würden ihn ausspionieren. Daher ging er ungern aus dem Haus.“ Sebastian, so Veronika K., habe gewusst, dass er „psychische Probleme“ habe. Dass Sebastian H. noch als junger Mann auf dem Feld mit Böllern zündelte, will seine Mutter als harmlos verstanden wissen.

Veronika K. hingegen berichtet von Schwarzpulver, das er im Keller lagerte. „Er wollte damit wieder mal irgendwas kaputt machen.“ Die Polizei stellte 2016 in dem Keller des Hauses neben Schwarzpulver auch Chemikalien sicher, Gabriele P. sagte dazu, Sebastian H. habe „eine Splitterbombe“ bauen wollen.

Keine Aussagen zur Tatwaffe

Sie empfinde, sagt seine Mutter vor Gericht, auch heute keinen Hass gegen die Angeklagte. Und hebt hervor, wie liebevoll sich Gabriele P. bei Besuchen immer um die demenzkranke Schwiegermutter gekümmert hat. Als das Gericht mit den Prozessbeteiligten Bilder vom Tatort „Dachgeschoss“ in Augenschein nimmt, geht auch die Mutter zur Richterbank und steht nur einen halben Meter von der Angeklagten entfernt. Die Mutter ist auch dabei, als die Staatsanwältin aus der Kiste mit den Asservaten eine Handkreissäge heraushebt. Nicht die Tatwaffe, die hatte Gabriele P., wie sie sagt, weggeworfen. „Ist das das Modell, das Sie verwendeten?“, fragt der Vorsitzende Richter die Angeklagte. Keine Antwort. „Schauen Sie mich nicht so fragend an, Sie müssen es doch wissen.“ Gabriele P. zuckt unmerklich mit den Schultern.

Nach der Tat, im Januar 2009, traf Veronika K. in einer Disko noch einmal zufällig auf Gabriele P. Als sie sich bei ihr nach Sebastian erkundigte, sagte diese, er sei mit einer anderen Frau abgehauen. „Wirkte sie damals traurig?“, fragt der Vorsitzende Richter Veronika K. „Nein, sie wirkte entspannter als vorher.“

Im Mai soll das Urteil fallen.

Quelle: F.A.S.
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