Wie krank war Paddock?

Das Doppelleben des Attentäters von Las Vegas

Von Christiane Heil, Los Angeles
 - 19:49

Es scheint nicht zu passen. Verwandte beschreiben Stephen Paddock, der am Sonntag aus einer Hotelsuite in Las Vegas 58 Menschen erschoss und mehr als 400 weitere Besucher eines Musikfestivals verletzte, als umsichtigen, hilfsbereiten Mann. Als der Hurrikan Irma vor einigen Wochen durch Florida fegte, erkundigte er sich besorgt nach dem Wohlbefinden seiner Mutter. Als die Neunzigjährige vor zwei Wochen eine Gehhilfe brauchte, ließ Paddock ihr das Gerät ohne Zögern nach Orlando schicken. „Er war kein Waffenfanatiker. Er war ein Typ, der in einem Haus in Mesquite lebte und ab und zu nach Las Vegas zum Spielen fuhr. Er hat normale Dinge gemacht“, sagte Eric Paddock, der jüngere Bruder des Attentäters dem Sender MSNBC.

Auch Marilou Danley, die Lebensgefährtin des Schützen, soll ihn in den Berichten über die verheerendste Massenschießerei in der Geschichte der Vereinigten Staaten nicht wiedererkannt haben. Wie die 62 Jahre alte Australierin mit philippinischen Wurzeln der amerikanischen Bundespolizei (FBI) sagte, habe sie Paddock als „freundlichen, umsorgenden, ruhigen Menschen“ kennengelernt. Vor zwei Wochen kaufte er Danley ein Flugticket, um ihre Familie auf den Philippinen zu besuchen. Nach der Ankunft in Manila überwies Paddock seiner Lebensgefährtin 100.000 Dollar. „Er sagte, ich solle ein Haus für mich und meine Verwandten kaufen“, erinnerte sich Danley. Dass ihr 64 Jahre alter Partner in den nächsten Tagen 23 Waffen in den 32. Stock des Hotels Mandalay Bay schaffen würde, um während des Musikfestivals „Route 91 Harvest“ das Feuer auf etwa 30 000 Besucher zu eröffnen, ahnte sie nicht.

Nach Schießerei
Waffentouristen strömen weiter nach Las Vegas
© AFP, reuters

Ob Marilou Danley auch Paddocks Gesundheitszustand verborgen blieb, scheint vorerst ungeklärt. Wie Recherchen des „Las Vegas Review-Journal“ zeigten, nahm der frühere Buchhalter den Angstlöser Diazepam ein. Das Psychopharmakon, das bei Abhängigkeit zu einem Wandel der Persönlichkeit führen kann, wurde ihm vor vier Monaten verschrieben. Der Medikamentendatei Nevada Prescription Monitoring Program zufolge griff Paddock bereits im Jahr 2016 zu dem unter dem Markennamen Valium verkauften Angstlöser. Mel Pohl, ein Mediziner der Entzugsklinik Las Vegas Recovery Center, verglich die mögliche Wirkung von Diazepam mit Alkohol. „Wenn jemand tiefliegende Aggressionsprobleme hat und durch das Medikament beruhigt werden soll, kann er unter Umständen aggressiv reagieren“, sagte Pohl. Auch John Hinckley, der im Jahr 1981 auf den damaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan schoss, hatte vor dem Attentat Diazepam eingenommen.

„Das Land muss gesünder werden“

Der Anschlag in Las Vegas erinnerte viele Amerikaner zudem an einen Amoklauf am 23. Mai 2014. Damals tötete Elliot Rodger in dem kalifornischen Küstenort Isla Vista sechs Studenten. In den Monaten vor dem Verbrechen hatte der Zweiundzwanzigjährige, der wie Paddock Suizid beging, immer wieder Angstlöser genommen. „Wir brauchen Waffengesetze, welche die geistige Gesundheit einbeziehen. Das Land muss gesünder werden, um diese Wahnsinnstaten zu stoppen“, forderte Richard Blumenthal, ein Senator aus dem Bundesstaat Connecticut, damals. Nach Paddocks Schüssen am Strip in Las Vegas kündigte der Demokrat abermals an, die Überprüfung potentieller Waffenkäufer verschärfen zu wollen.

Massaker
Überlebender in Las Vegas berichtet von dramatischer Rettung
© Reuters, reuters

Der Sheriff des Bezirks Clark, Joe Lombardo, ließ derweil wissen, Paddock habe jahrzehntelang Waffen gehortet. Wie der frühere Postbote, der als Sohn des untergetauchten Bankräubers Benjamin Hoskins Paddock in Sun Valley bei Los Angeles aufwuchs, die Sammlung vor seiner Familie geheim hielt, gibt den Ermittlern aber weiter Rätsel auf. Auch das frühere Leben des Hobbypiloten und Immobilieninvestors blieb zunächst weiter im Dunklen. „Er führte ein Doppelleben, das wir vermutlich nie ganz verstehen werden“, sagte Sheriff Lombardo.

Quelle: F.A.Z.
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