Telefon-Betrüger

Das Geld liegt auf der Straße

Von Karin Truscheit
 - 15:44

„Guten Tag, mein Name ist Kommissar Breitenbach, Bundeskriminalamt.“ – „Guten Tag, was wollen Sie denn?“ – „Sie haben es sicher in der Zeitung schon gelesen: Es werden immer mehr Wohnungseinbrüche begangen. Ich muss Sie dringend warnen. Wir haben gerade eine Bande von Rumänen festgenommen. Da haben wir eine Liste sichergestellt. Auf der Liste stand Ihr Name.“ – „Mein Name, wie kann das sein?“ – „Auf der Liste stehen alle, bei denen jetzt ganz bald eingebrochen werden soll. Die Einbrecher observieren schon die ganze Zeit Ihre Wohnung. Sie sind in Gefahr!“ – „Ach, du meine Güte!“ – „Die schauen genau, wann das Licht an- und ausgeht. Sie müssen dringend Ihre Wertsachen in Sicherheit bringen. Schmuck, Bargeld, EC-Karten, einfach alles.“ – „Aber warum nur?“ – „Sonst wird alles gestohlen, die sind gewieft, diese Täter. Davon haben Sie doch schon gehört, oder?“ – „Ja.“

Breitenbach ist Polizist aus Leidenschaft. Wo seine Kollegen verzweifeln, weil immer mehr eingebrochen wird, hält sich der Kommissar nicht lang mit Lamentieren auf. Er ist zur Stelle, bevor die Einbrecher kommen. Denn Breitenbach, Spezialermittler beim Bundeskriminalamt, hat die Liste. Da stehen alle potentiellen Opfer drauf. Und er kümmert sich darum, dass die Opfer gewarnt werden.

„Ich rate Ihnen dringend, alles in einen Beutel zu legen und der Polizei zu geben. Nur dort sind Ihre Sachen in Sicherheit.“ – „Wirklich?“ – „Sie sind jetzt schon die dritte Person, die ich heute warnen kann. Die Einbrecher sind schon auf dem Weg zu Ihnen. Am besten, Sie lassen sofort die Rollläden runter und versperren die Türe gut!“ – „Du meine Güte!“ – „Dann legen Sie alles in einen Beutel. Den Beutel legen Sie vor die Tür und schließen dann die Tür ab. Sie dürfen niemanden hineinlassen! Sprechen Sie mit niemanden!“ – „Ja, gut.“ – „Im wievielten Stock wohnen Sie?“ – „Im zweiten Stock.“ – „Gut. Ein Kollege von mir holt den Beutel gleich ab.“

EC-Karten und den PIN dazu

Während Kommissar Breitenbach so mit der betagten Frau spricht, hört sein Logistiker das Gespräch mit. Über Nachrichtendienste tippt er die Informationen an den Abholer: Name, Straße, Hausnummer, Stockwerk.

Der Abholer ist schon in der Nähe, mal in Köln, mal in Düsseldorf, mal in München, Offenburg, Bremen, Karlsruhe, Dortmund. Kommissar Breitenbach, der je nach Region auch Fuchs oder Gerstl heißt, telefoniert sich kreuz und quer durchs Land, zigmal am Tag, anhand von CDs mit Adressen und Altersangaben bestimmter Personen – zum Beispiel derjenigen, die in Fernsehzeitschriften ein Kreuzworträtsel gelöst und eine Postkarte mit ihrer Adresse losgeschickt haben, um die Busreise an den Gardasee zu gewinnen.

Die Abholer kommen leise und verschwinden schnell. Sie holen sich die Beutel, die an Gartenzäunen und Türklinken hängen und in denen manchmal sogar EC-Karten mit Pin-Nummern sind. In Düsseldorf schickte die über einen Betrugsfall informierte Kriminalpolizei Einsatzkräfte zu der Wohnung einer älteren Frau, die gerade mit den Betrügern telefonierte: Die richtige Polizei klingelte Sturm, die falsche Polizei trichterte der Frau ein, bloß nicht die Türe zu öffnen, da „betrügerische Polizisten“ vor der Tür stünden.

Das SEK kommt jetzt vorbei

Die Betrüger brachten die panische Frau dazu, das Geld in einer Plastiktüte aus dem Fenster zu werfen – wo es die richtigen Beamten auffangen konnten. Der Abholer, vom Anrufer gewarnt, konnte wegrennen.

Auf einen Schlag umfasst die Beute oft Geld und Schmuck im Wert von mehr als 10.000 Euro, lange zusammengespart, leicht erbeutet. Denn die Anrufer bauen in dem Gespräch sofort großen Druck auf: „Sie sind in Gefahr! Sie müssen jetzt das Geld in den Beutel legen! Gleich kommt der Kollege!“ Oft werden über Tage hinweg Gespräche mit den Opfern geführt, oft telefonieren sie stundenlang mit einem Opfer, damit nicht die richtige Polizei verständigt werden kann.

In Köln riefen die Betrüger nach der Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, in der es um Einbrüche in einer bestimmten Straße ging, bei Bewohnern dieser Straße an. „Wir sind vom BKA. Die Bande aus Osteuropa ist wieder unterwegs. Sie haben doch die Sendung gesehen? Das SEK kommt jetzt vorbei!“ Die Frau übergab nach stundenlangem Telefonat ihren Schmuck im Wert von 100.000 Euro einem „SEK-Mann“. Drei Tage später riefen die Betrüger beim Nachbarn an und erbeuteten Schmuck im Wert von 60.000 Euro, den das Opfer auf Geheiß der Täter in der Mülltonne deponiert hatte.

Call-Center in der Türkei

Der manipulatorische Charakter des Betrugsdelikts „falscher Polizist“ weist große Parallelen zum „Enkeltrick“ auf. Die Opfer sind dieselben, vornehmlich ältere Frauen von 75Jahren an, meist alleinstehend. Und ebenso wie die aus Polen agierenden Enkeltrick-Täter handeln die falschen Polizisten aus dem Ausland. Die Täter rufen aus Callcentern in der Türkei an, sprechen alle in Deutschland gängigen Dialekte und sind, ebenso wie die Enkeltrick-Täter, bandenmäßig organisiert.

400 bis 500 solcher Callcenter gibt es nach Angaben der Ermittler allein in Izmir, Dutzende auch in Istanbul. In Zeitungsannoncen wird nach Mitarbeitern gesucht. Etwa acht Teams arbeiten zusammen, meist sind es bis zu 15 Personen. Von morgens bis abends telefonieren sie, am Wochenende ist meist frei.

„Für die Anrufer ist das ein richtiger Job, von neun bis 17 Uhr“, sagt ein Ermittler. Hunderte Anrufe werden jeden Tag getätigt. Von zehn Anrufen laufen neun ins Leere. Doch die Person, die auf die Masche eingeht, hat verloren – und wenn sie dafür mehrere Tage lang am Telefon bearbeitet wird. Die „Mitarbeiter“ der Center werden am Gewinn beteiligt und bekommen bis zu 20Prozent von der Beute. Manchmal werden auch richtige Gehälter gezahlt.

Opa und Oma werden Opfer

Die unterschiedlichen Center sind oft Konkurrenten um die wachsende Ressource „betagtes Opfer“. Die Täter machen sich die demographische Entwicklung zunutze – immer mehr ältere Menschen, immer weniger soziale Kontrolle durch Verwandte. Das zeigt sich schon darin, dass es oft Wochen dauert, bis die Opfer zur Polizei gehen – wenn überhaupt.

Manche zögern aus Scham, manche entdecken den Betrug erst, wenn die Enkel nach dem Schmuck fragen. Die erfolgreiche Betrugsmasche verfeinert sich immer weiter: So bringen andere Banden ihre Opfer mit dem „Gewinnspiel“-Trick um ihr Erspartes. Dabei wird ihnen vorgegaukelt, sie hätten 200.000 Euro gewonnen und müssten nur schnell 10.000 Euro für die „Bearbeitungsgebühr“ oder „Steuern“ überweisen.

Ebenso erfolgreich: angebliche Spielschulden. Die Opfer können sich an keine Schulden erinnern, die Täter umso besser. Aber gegen eine Überweisung von 2000 Euro kann jede „Spielschuld“ getilgt werden. Um das Opfer unter Druck zu setzen, wird oft auch gedroht, mit dem Gerichtsvollzieher oder mit Gewalt: „Wir können dann für Ihre Sicherheit nicht mehr garantieren.“ Die Beute geht in die Millionen: Auf rund 132 Millionen Euro beziffert das Bundeskriminalamt den Schaden, der sich allein aus den bislang 59Ermittlungsverfahren im Zeitraum von 2011 bis Mai 2015 ergibt – bei 1,1 Millionen Opfern. Das Dunkelfeld liegt weit darüber.

30 Telefonate am Tag

Vor kurzem erst wurden vor dem Landgericht Bremen 40 Fälle verhandelt, die diesmal auf „Kommissar Fuchs“ und Mittäter zurückgeführt wurden. Die 40 Fälle waren nur die Taten, die anhand aufwendiger Stimmgutachten gerichtsfest waren. Denn schon die Gutachtenerstellung ist schwierig, da die Täter nicht nur die Stimme verstellen, sondern auch in ihrer Diktion alle Bandbreiten von „Hauptkommissar“ bis „gang slang“ beherrschen.

Zwei 25 Jahre alte Männer waren wegen bandenmäßigen Betrugs angeklagt. Allein vom Handy des 25 Jahre alten Hauptangeklagten wurden an einem Werktag bis zu 30 Telefonate mit potentiellen Opfern geführt. Mit unterschiedlichen Maschen – von der „Spielschuld“ bis zum Schutz vor „Dieben“ – wurden innerhalb von elf Monaten 300.000 Euro erbeutet.

Einer der Angeklagten war der Abholer. Er sollte im August 2014 in München bei einer 88 Jahre alten Frau einen Briefumschlag mit 20.000 Euro abholen. Ihr hatte zuvor ein falscher Polizist am Telefon gesagt, sie solle ihr Geld sofort abheben und es zu Hause aufbewahren: Es werde gegen die Filialleiterin der Bank ermittelt.

80 Jahre und ein leeres Online-Konto

Bei der Bank sei Falschgeld in Umlauf. Der nächste Anruf kam prompt, nachdem sie das Geld abgehoben hatte: „Sie müssen das Geld schnell einem Kollegen geben, Einbrecher wollen ihre Wohnung ausräumen!“ Der Abholer kam, nahm das Geld und wurde festgenommen. Die Telefongespräche mit seinen Hintermännern waren überwacht worden.

Mit Headset und Laptop arbeiteten sie in den Callcentern, sagte der Angeklagte vor Gericht aus. Jeder Anrufer bekomme nicht nur eine Liste mit Telefonnummern und Namen zugeteilt, sondern auch eine Auswahl an Rollen: Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Polizist. Oft werden die Opfer dazu gebracht, Geld zu überweisen – per Geldtransfer direkt in die Türkei oder, weil unverdächtig, auf ein „gekapertes“ Konto in Deutschland.

Dazu werden ebenfalls betagte Männer oder Frauen von den Tätern so massiv unter Druck gesetzt, dass sie ihr Konto bei der Bank um die Ecke kündigen. Danach eröffnen Achtzigjährige mit Hilfe der Täter Online-Konten, obwohl sie nicht einmal einen Computer besitzen oder, wie in einem Fall, halbblind sind. Der Rest ist Routine: Die Opfer schicken den „Polizisten“ ihre Tan-Listen und Codewörter, das Konto wird leergeräumt und dann als „Referenzkonto“ verwendet.

Organisierte Kriminalität vom Feinsten

Ein besonders dreister Fall brachte selbst erfahrene Ermittler der Bremer Polizei zum Staunen: Die Polizei hatte die Vollendung einer Tat, bei der eine 80 Jahre alte Frau zu einer Überweisung genötigt wurde, gerade noch stoppen können. Das Geld konnte zurücküberwiesen werden, alle waren glücklich. Zwei Tage später riefen die Täter wieder bei der alten Frau an, gaben sich nun als in diesem Fall ermittelnde Polizisten aus. Um den Betrug beweisen zu können, so der Anrufer, müsse sie das Geld noch einmal überweisen. Sie tat es, das Geld war endgültig verloren.

„Der Callcenter-Betrug ist auf eine immens hohe Anzahl von möglichen Opfern ausgelegt“, sagt Helge Josuttis, der die Ermittlungen im Bremer Landeskriminalamt in der Abteilung für organisierte Kriminalität leitete. Es gehe im Durchschnitt um Summen zwischen 300 und 10000 Euro. Auf diese Weise würden Millionenbeträge umgesetzt.

„Das ist organisierte Kriminalität vom Feinsten.“ Für Callcenter-Betrüger bestehe nur ein „minimales Risiko“, da sie nicht im Einflussbereich der Strafverfolgung agierten, sagt Josuttis. Denn auch die Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei bezeichnen Ermittler zurückhaltend als „durchaus ausbaufähig“. Vieles könnte „schneller und besser“ funktionieren.

Die Kommissare gehen um

Die „Kommissare“ waren auch in Köln, Offenburg, Kehl, Achern und Karlsruhe aktiv. „Die Täter haben im Norden angefangen und arbeiteten sich langsam Richtung Süden vor“, sagt Mario Wagmann vom Münchner Polizeipräsidium. „Für die Opfer sind die Taten schwer zu verarbeiten. Sie trauen sich dann erst recht nicht mehr aus dem Haus. Oft haben sie alles verloren, was sie vielleicht fürs Heim, die Beerdigung und ihre Kinder angespart hatten.“ In München konnte man „Kommissar Breitenbach“ allein 30 Taten zuordnen.

„Es gibt kaum ein Opfer, das nicht vorher im Radio oder von Verwandten von dem Phänomen Enkeltrick oder ähnlichem gehört hätte. Aber sie vergessen es und werden auch von den Anrufern massiv manipuliert“, sagt Joachim Ludwig, Kriminalhauptkommissar im Kölner Polizeipräsidium und Experte des Bundes Deutscher Kriminalbeamter für Betrugsdelikte mit betagten Opfern. „Gerade bei älteren Personen macht es großen Eindruck, wenn die Polizei anruft. Und erst recht, wenn das Bundeskriminalamt am Telefon ist.“

Schneller als die falsche Polizei

Dabei sieht das Opfer oft tatsächlich die Wiesbadener oder eine andere deutsche Vorwahl im Telefondisplay – obwohl aus dem Ausland angerufen wird. Es sind „gespoofte“ Nummern: „Wenn man die Nummer wählt, landet man tatsächlich beim Bundeskriminalamt. Nur den Kommissar wird man dort nicht finden.“ Mit solchen falschen Telefonnummern (Call-ID-Spoofing) wird eine falsche Anruferidentität erzeugt, das perfekte Entrée für die Täter.

Doch manchmal gewinnt auch die richtige Polizei: In Bremen gelang es den Ermittlern Dutzende Male, durch technische Vorkehrungen „vor die Lage“ zu geraten: Sie schickte Streifenwagen in ganz Deutschland zu Opfern, die gerade mit den Betrügern telefonierten – und brachte dadurch die Täter um 265.000 Euro. Eine Frau sagte zu den richtigen Polizisten, als sie die Türe öffnete: „Das funktioniert ja wunderbar!“ Da hatten die Täter den Besuch der „Polizei“ gerade angekündigt, um den Schmuck abzuholen.

Die Polizei fühlt sich vom Gesetzgeber im Stich gelassen

Fast alles spielt den Tätern in die Hände, wenig den Ermittlern: Die Telefon-Betrüger hinterlassen keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke. Ermittlungsgrundlage sind also digitale Spuren, die Verkehrsdaten: Wer hat wen wann angerufen? Doch die Polizei fühlt sich vom Gesetzgeber im Stich gelassen: Denn auch die gerade beschlossene Neuregelung der Datenspeicherung, als Erfolg für die Strafverfolgung gepriesen, bringt sie nicht weiter.

So ist das Delikt „bandenmäßig begangener Betrug“ nicht im Straftatenkatalog des Entwurfs für das „Gesetz zur Einführung einer Speicherpflicht“ vorgesehen. Und dieser Straftatenkatalog bestimmt, welche Taten für die Abfrage gespeicherter Daten in Zukunft in Frage kommen. Nur bei „besonders schweren“ Straftaten wie Mord, Terroranschlägen oder schwerem Bandendiebstahl, also Einbruchsserien, kann die Polizei künftig auf die Daten zurückgreifen: Zehn Wochen sollen Verkehrsdaten in Zukunft von den Telekommunikationsanbietern gespeichert werden müssen.

Ob man die Telefonbetrüger nicht ermitteln wolle, weil das „nur“ alte Menschen betreffe, fragen sich daher viele Ermittler. So bleibt der Polizei bei diesen Betrugsdelikten nichts anderes übrig, als weiterhin mit dem zu arbeiten, was noch vorhanden ist, seitdem 2010 mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die verpflichtende Speicherung von Verkehrsdaten aufgehoben wurde: Sie müssen auf die Daten zurückgreifen, die zu Abrechnungszwecken von den Netzanbietern gespeichert werden. Doch hier variieren die Fristen von ein paar Tagen bis zu mehreren Wochen beliebig von Anbieter zu Anbieter - oder fallen weg, wenn es Pauschalangebote wie Flatrates gibt.

Die Telekom zum Beispiel speichert bislang die Daten zur Abrechnung nur sieben Tage, und gerade ältere Kunden sind oft bei der Telekom. „Sieben Tage sind zu kurz“, sagt Joachim Ludwig vom Kölner Polizeipräsidium. „Da hat das Opfer vielleicht gerade mal realisiert, was da passiert ist. Bis man den notwendigen richterlichen Beschluss hat, bis die Daten geliefert werden können, ist oft alles gelöscht.“ Anders wäre es, wenn die Ermittler hier auch von der einheitlichen Zehn-Wochen-Frist für Verkehrsdaten profitieren könnten, die es bald geben soll. Denn diese Verkehrsdaten umfassen dieselben Informationen wie die der Abrechnungsdaten, auf welche die Ermittler auch jetzt mit richterlichem Beschluss Zugriff haben. Nur werden eben die Verkehrsdaten künftig zusätzlich separat und zu einheitlichen Fristen gespeichert. Die Ermittler fordern also keine ausufernden zusätzlichen Datenzugriffe, sondern nur, dass sie auch mit einheitlichen Fristen arbeiten können.

Denn selbst bei vorliegenden Daten erfordern die Ermittlungen viel Zeit, da meist eingehende Anrufe nicht mehr gespeichert werden. Die Polizei muss also zunächst versuchen, über den Umweg eines „Zielwahlsuchlaufs“ an die Anrufer zu kommen. So wird bei allen Netzanbietern nach Verkehrsdaten zu der Nummer des Opfers gefragt: Wer hat diese Nummer wann angerufen?

Das funktioniert nur, wenn die Daten überhaupt noch zu Abrechnungszwecken gespeichert sind, denn die Opfer melden sich aus Angst oft erst Wochen nach dem Betrug - für viele Fristen zu spät. Der Zielwahlsuchlauf greift jedoch nicht, wenn der Anruf aus dem Ausland kommt oder wenn die Nummer „gespooft“ wurde. Hier muss die Polizei dann Standortdaten analysieren, ob also in der Funkzelle, zu der die Opferwohnung gehört, eine „relevante“ Handynummer erscheint. Kriterien hierfür können ausländische Vorwahlen sein, Tatzeiten oder mehrere kurze Gespräche im Abstand von Minuten von einem Handy aus - das typische Vorgehen für diese Anrufe. Hat man genügend Hinweise auf eine bestimmte Handynummer, kann auf diese Nummer eine Telefonüberwachung geschaltet werden. Ganze Betrugsserien lassen sich so zusammenführen.

Selbst bei Prepaid-Karten oder Handys, die nach den Anrufen weggeworfen werden und auf den Namen „Micky Mouse“ registriert sind, gibt es Möglichkeiten: Ansätze ergeben sich hier aus Anrufen an den Tagen vor der Tat, die auf Wohnorte von Hintermännern verweisen können. Je differenzierter der Filter, den die Polizei anwendet, um so weniger Daten fallen an, um so schneller können Ermittler auf den Richtigen stoßen. „Massendaten per se interessieren die Polizei nicht. Je mehr wir über die Taten wissen, desto besser werden die Kriterien, um gezielt nach den Tätern zu suchen“, sagt Ludwig. Die Standortdaten zu Handynummern, eine Untergruppe der Verkehrsdaten, sollen laut Gesetzentwurf künftig vier Wochen gespeichert werden.

Das ist für die Ermittler bedeutungslos, denn sie dürfen künftig genauso wenig auf die separat zu speichernden Standortdaten zurückgreifen, da eben diese Betrugsdelikte nicht im maßgeblichen Katalog aufgeführt sind. „Den Opfern können wir da nur sagen: leider Pech gehabt!“

Quelle: F.A.Z.
Karin Truscheit - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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