Letztes Signal

Die Planetensonde „Cassini“ hat sich aufgelöst

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 16:28

Verglühen ist nicht ganz das richtige Wort. Als die amerikanische Raumfahrtbehörde (Nasa) am Freitag um kurz vor 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit den Kontakt zur Raumsonde „Cassini“ verlor, war sie wahrscheinlich kaum wärmer, als hätte man sie irgendwo in Kalifornien in die Sonne gestellt. Doch dann brachte sie der seit Monaten minutiös geplante Eintritt in die Hochatmosphäre des Planeten Saturn ins Taumeln. Bei 124.000 Kilometer pro Stunde waren die Düsen der Lageregelung nicht mehr im Stande, gegen die Luftströmung anzukämpfen. Erst dann kam die Hitze. Nach höchstens 60 Sekunden begann das vor allem aus Aluminium bestehende Gefährt zu schmelzen.

Doch da die Atmosphäre des Saturn keinen Sauerstoff enthält, gab es kein Feuer. Das zweieinhalb Tonnen schwere und alles in allem mehr als drei Milliarden Dollar teure Instrument verdampfte. Binnen Minuten löste es sich buchstäblich in Luft auf. Im Kontrollraum der Nasa in Pasadena bei Los Angeles herrschte für Momente Grabesstille, als Projektleiter Earl Maize das „End of Mission“ verkündete.

Dabei war dieses Ende unausweichlich gewesen. Es kam 20 Jahre nach dem Start der Sonde 1997 und nach einer zweimal verlängerten Mission im Orbit um den Saturn von insgesamt 13 Jahren. Und es kam in mehreren bittersüßen Etappen, gleich dem Schluss von Tolkiens Epos „Der Herr der Ringe“. So war auch der Planet oft scherzhaft benannt worden, den Cassini all die Jahre erforschte, bis einfach kein Treibstoff für die Lageregelung mehr übrig war. Da 2005 auf dem winzigen Mond Enceladus Geysire entdeckt worden waren, die sich aus einem Ozean unter seiner Eiskruste speisen, war es nicht zu verantworten, die Tanks einfach leerlaufen und die dann unkontrollierbar gewordene Sonde im Saturnorbit treiben zu lassen.

Das Risiko, Cassini könnte auf Enceladus stürzen, war zu hoch

Neben den Bildern von dem riesigen Mond Titan mit seinen Seen aus Flüssiggas, auf dem Cassini 2005 die europäische Landesonde „Hyugens“ absetzte, war die hydrothermale Aktivität des Enceladus das spektakulärste Ergebnis der Mission. Das Risiko, Cassini könnte auf Enceladus stürzen und sein Wasser mit Material von der Erde kontaminieren, war der Nasa zu hoch.

Daher begann Cassinis epischer Abgang im April mit einem letzten nahen Vorbeiflug am Titan, dann einem waghalsigen Manöver, das die Sonde 22 Mal durch die Lücke zwischen dem Gasplaneten und dem innersten seiner Ringe schickte. Mal führte der Flug dicht an der Ringkante vorbei, mal knapp am Rand der Atmosphäre. „Wir haben den Zeh schon einige Male in den Saturn getaucht“, sagte Cassinis Chefwissenschaftlerin Linda Spilker vorvergangene Woche auf einer Pressekonferenz.

Dann ging es direkt hinein. Am Montag nahm ein allerletzter nicht ganz so naher Vorbeiflug am Titan der Sonde ein klein wenig von ihrer Bewegungsenergie. Das besiegelte den Absturz. Donnerstagabend deutscher Zeit schoss Cassini die letzten Bilder. Danach wurde die Kamera abgeschaltet und damit begonnen, alle bis dahin an Bord gespeicherten Daten zur Erde zu funken. Von nun an wurden die Daten direkt übermittelt, und sie kamen nur noch von Instrumenten, die Informationen über die durchflogenen Luftschichten liefern konnten. Sie lieferten. Bis zum Ende.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite