Forest Whitaker

„Normalerweise spiele ich in komplexeren Filmen mit“

Von Antje Wewer
 - 11:28

Wenn Forest Whitaker in einer Hotelsuite an einem großen runden Tisch sitzt, sieht der Tisch klein aus. Zur Begrüßung sagt der Hüne ein routiniertes „How are you?“ Er streckt die riesige Hand aus, doch sein Händedruck ist kaum zu spüren. Am Handgelenk trägt er ein Buddha-Armband.

Whitaker, 53, im Besitz eines Oscars, ist in Berlin, um über den Actionfilm „96 Hours – Taken 3“ zu sprechen, in dem er einen Detektiv spielt, der Liam Neeson das Leben schwermacht. In Hollywood kennt man Whitaker als gentle giant, als sanften Riesen, dessen oft extreme Filmcharaktere nicht weiter von Whitaker, dem Privatmenschen, entfernt sein könnten. Er spricht mit ruhiger, fast leiser Stimme und neigt den Kopf freundlich zur Seite, wenn er auf eine Frage wartet. Eine seiner frühen denkwürdigen Rollen: Jody, der britische Soldat in „The Crying Game“, der in die Fänge der I.R.A. gerät und seinen Kidnapper auf so rührende, lustige Weise davon abzubringen sucht, ihn zu töten, dass man die Szene kaum wieder vergisst. Damals, in den achtziger Jahren ff., war Whitaker im Filmgeschäft einer aus vielleicht einem Dutzend markanter schwarzer Darsteller; er glänzte in Jim Jarmuschs „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ und Clint Eastwoods „Bird“, besetzte prägnante Nebenrollen („Die Farbe des Geldes“, „Good Morning, Vietnam“, „Prêt-à-Porter“, „Panic Room“), war im vielgelobten Polizeidrama „The Shield“ zu sehen, aber auch in einiger amerikanischer Dutzendware.

Kinotrailer
„96 Hours – Taken 3“
© Universum Film, Universum Film

Dann aber, mit 45, katapultierte sich Whitaker endgültig in den Olymp seiner Kunst. Nach 20 Jahren im Showgeschäft bekam er 2007 den Academy Award, für den Film „Der letzte König von Schottland“, in dem er den ugandischen Diktator Idi Amin spielte, der einen jungen schottischen Arzt überzeugt, erst sein Leibarzt, später sein persönlicher Berater zu werden. Das Monster Amin versteckt Whitaker zu Beginn des Films hinter einer Charmeoffensive, hinter Augenrollen und Honigkuchengrinsen. Er brüllt bei einer Rede „Uganda! Uh, yeah!“, dass es jedem Zuhörer ins Herz fahren muss. Ein paar Szenen später wirbt er um den jungen Arzt wie um eine Geliebte, die sich ziert. Er spielt Schlange und Kaninchen mit seinem Opfer, das nicht weiß, dass es eines ist. Es war Forest Whitakers irrem Spiel zu verdanken, dass nicht nur der Arzt Idi Amins unmoralisches Angebot annimmt, sondern auch der Zuschauer.

Er lebt zurückgezogen und seit 30 Jahren vegetarisch

Seine Dankesrede bei der Verleihung des Oscars war dann das Gegenteil von „Endlich bekomme ich, was mir schon so lange zusteht“. Der Preis beweise, dass die Träume eines Jungen aus South Central L.A., der als Kind Filme nur vom Rücksitz des Autos seiner Familie im Drive-in-Kino sah, wahr werden können, wenn man an sie glaubt. Das klingt gelesen leicht kitschig, war es auf der Bühne nicht; noch heute kann man auf Youtube sehen, wie sehr dem Publikum Whitakers leicht stockendes Geständnis zu Herzen ging. Zu Beginn seiner Dankesworte hatte er einen Spickzettel mit den Worten aus der Jacketttasche gezogen, er habe sich was notiert „für den Fall, dass ich überwältigt bin, und das bin ich“.

Eine gewisse ernsthafte Zurückhaltung scheint typisch für diesen ältesten Sohn eines Versicherungsvertreters zu sein, der in Texas geboren wurde, der in Kalifornien aufwuchs, den sein Vater am liebsten auf die Militärakademie nach West Point geschickt hätte, der aber durch ein Football-Stipendium die Chance bekam, Gesang an der University of California zu studieren, und später ins Schauspielfach wechselte. Als 2013 „Der Butler“ ins Kino kam, eine lose Verfilmung der Lebensgeschichte des schwarzen Hausangestellten Eugene Allen, der im Weißen Haus acht Präsidenten diente, erschien Hauptdarsteller Whitaker auf dem Cover des afroamerikanischen Magazins „Ebony“. So was ist sonst seine Sache nicht; er war noch nie in einer Modestrecke eines Hochglanzmagazins zu sehen, macht keine Werbung, wird nie mit braunen Papiertüten beladen auf dem Parkplatz amerikanischer Biosupermärkte fotografiert. Er lebt mit seiner Ehefrau Keisha und den vier Kindern (Ocean, Autumn, True, Sonnet) zurückgezogen in Los Angeles. Whitaker ist seit 30 Jahren Vegetarier und bezeichnet sich selbst als „sehr spirituell“. Er verzichtet auf die Inszenierung seiner Person. Das gilt selbst, wenn man ihn danach fragt, wie jetzt in Berlin; dann sagt er: „Ich konzentriere mich auf meine Arbeit. Nicht mehr, nicht weniger.“

„Es ist Eskapismus, hat mit meiner Realität nichts zu tun“

Wenn er Talkshows besucht, lächelt er viel und redet wenig. Die Show? Überlässt er anderen. Zwei typische Beispiele: Oprah Winfrey, die in „Der Butler“ seine Frau spielt, sitzt auf dem Sofa eines britischen Talkmasters und erzählt munter von ihrem sexuellen Missbrauch; Whitaker streichelt ihr dabei schweigend die Schulter. Beim „Actors Roundtable“ des „Hollywood Reporter“ überlässt er den Kollegen Matthew McConaughey, Jared Leto, Josh Brolin und Jake Gyllenhaal das Redenschwingen und sagt nur etwas, wenn er direkt gefragt wird. Sein öffentliches Auftreten: elegant, zurückhaltend, bescheiden. Wie würde sich Whitaker einem Fremden gegenüber beschreiben? „Das würde ich nicht tun.“ Warum nicht? „Ich käme mir eitel vor.“

Whitaker hat in einer ganzen Reihe von Ausnahmefilmen mitgewirkt; was war seine Motivation, jetzt in einem reißerischen Werk wie „96 Hours – Taken 3“ zu spielen? „Jeder neue Charakter bedeutet fast immer ein neues Leben für mich. Normalerweise spiele ich in anderen, sagen wir: komplexeren Filmen mit, aber ich wollte diese Art von Genre ausprobieren.“ Einen Gegensatz zu seinem gesellschaftlichen Engagement mag er da nicht sehen: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist Eskapismus, hat mit meiner Realität nichts zu tun.“

Von einem Weißen des Diebstahls bezichtigt

Denn gesellschaftlich und politisch engagiert, das ist Whitaker durch und durch. Er sitzt im „Committee on the Arts and Humanities“, das den Präsidenten in kulturellen Dingen berät (und dem Michelle Obama vorsitzt), er ist „Unesco Goodwill Ambassador for Peace“ und engagiert sich seit den Dreharbeiten in Uganda mit der Organisation „Peace Earth“ für die Resozialisierung von Kindersoldaten. 2012 gründete er die „Whitaker Peace & Development Initiative“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen in Krisengebieten durch Bildung eine Perspektive zu geben. Whitaker ist ein Menschenfreund, ein Philantrop, der auf seinem Twitter-Account laufend über das Unrecht dieser Welt informiert. „Wenn ich nicht drehe“, erzählt er, „investiere ich 60 Prozent meiner Freizeit in humanitären Projekte. Ich betrachte das als Geschenk an mich selbst. Die Aktivitäten nehmen mir keine Energie, sie geben mir welche.“

Die Obamas haben kürzlich berichtet, sie hätten den alltäglichen Rassismus in den Vereinigten Staaten schon am eigenen Leib erfahren. Wie steht es mit ihm? Da gab es doch vergangenes Jahr die Geschichte in Manhattan, die durch die Presse ging; in einem Gourmet-Deli wollte Whitaker einen Joghurt kaufen und wurde beim Verlassen des Geschäft von einem (weißen) Angestellten festgehalten und des Diebstahls bezichtigt. Ein Irrtum. „Ja, das war ein sehr unangenehmer, hilfloser Moment für mich. Vermutlich wäre es nicht passiert, wenn ich weiß und blond gewesen wäre.“ Whitaker lächelt, wirkt immer noch unangenehm berührt, wenn er an den Vorfall zurückdenkt. 2013 war er auch Koproduzent des Filmdramas „Nächster Halt: Fruitvale Station“; es erzählt, basierend auf einer wahren Geschichte, wie ein junger Afroamerikaner in der Silvesternacht von weißen Polizisten erschossen wird.

Whitaker erhebt sich zum Gehen, der gentle giant reicht die Hand und gibt einem zum Abschied noch ein paar Worte mit, die klingen, als habe Jarmusch sie ihm für „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ aufgeschrieben: „Seine Kämpfe? Muss man sich gut aussuchen.“

„96 Hours – Taken 3“ ist ab Donnerstag in den Kinos.

Quelle: F.A.S.
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