Abschied von „Lindenstraße“

Die letzten Tage der Beimerer Republik

Von Jörg Thomann
 - 16:04

Das Jahr 2018 gibt sich allerhand Mühe, unser Weltbild durch einschneidende Ereignisse ins Wanken zu bringen: Beide Koreas feiern Versöhnung? Abba ist zurück? Heidi Klum ist mit Tom Kaulitz zusammen? Wahnsinn. Und als wäre all das nicht schon heftig genug, müssen wir nun noch eine Nachricht verkraften, deren Folgen für das Land noch gar nicht abzusehen sind: Hans Beimer hört auf.

Hans Beimer – nicht zu verwechseln mit Hans Meiser oder mit Hans Esser, dem Mann, der außerhalb der „Bild“-Zeitung Günter Wallraff war – wohnt in der „Lindenstraße“. Schon seit immer. Genauer, seit dem 8. Dezember 1985, als die Serie erstmals im Fernsehen lief und Hans Beimer, braver Ehemann und Vater dreier Kinder, bei der familiären Hausmusik mit der Gitarre auf dem Schoß seine ersten, leider nicht wirklich legendär gewordenen Worte sprach: „Helga, wo sind denn die Noten vom zweiten Teil?“ Helga, besser bekannt als Mutter Beimer, und ihr „Hansemann“ Hans: Diese beiden wurden, auch wenn es sich anfangs noch nicht so anfühlte, zum First Couple des deutschen Fernsehens. Ein Paar, das in seiner sozialdemokratischen Biederkeit dem christdemokratischen Spitzenduo Hannelore und Helmut Kohl gar nicht unähnlich war. Und obgleich sie sich schon 1991 scheiden ließen und fortan rührig patchworkten, denken viele Leute beim Stichwort Fernsehfamilie noch heute zuallererst an die Beimers.

Hans Beimers Darsteller Joachim H. Luger – wie der „Lindenstraßen“-Schöpfer Hans W. Geißendörfer stolzer Träger eines Mittelinitials, welches für die Serienfigur viel zu exzentrisch gewesen wäre – aber will nun nicht mehr. Luger wird im Oktober 75 und möchte, wie er diese Woche mitteilte, „noch einmal Neues wagen“. Für seinen Hans Beimer bedeutet dies das Todesurteil. In der Folge vom 2. September wird Beimer das Zeitliche segnen, eine Information, die die Zuschauer ungewollt in eine gottähnliche Rolle drängt: Alle wissen, dass der arme Beimer sterben muss, außer ihm selbst. Die Todesart immerhin wird noch geheim gehalten.

Immerhin ein erfülltes Leben

Im Fernsehen, das darf man mit Fug und Recht behaupten, wird damit das Ende einer Ära eingeläutet – die letzten Tage der Beimerer Republik. Mit Hans Beimer geht eine Ikone der Durchschnittlichkeit, ein sozialrealistischer Gegenentwurf zu den Figuren aus der wenige Monate vor der „Lindenstraße“ gestarteten, doch längst abgewickelten „Schwarzwaldklinik“. Die „Lindenstraße“ bot Schwarzbrot statt Schwarzwald, und ihre Bewohner sahen nicht aus wie Sascha Hehn, sondern eben wie Hans Beimer. Der war auch kein Chefarzt, sondern ein Sozialarbeiter, der seine Helga schon 1968 geheiratet hatte, obwohl beide da noch gar nicht wussten, dass sie dereinst in der „Lindenstraße“ dabei sein würden.

So traurig es ist, dass Beimer nun gehen muss, er hat immerhin ein erfülltes Leben gehabt – sofern man Erfüllung nicht gleich so versteht, dass man unbedingt mit ihm tauschen wollte. Aus Platzgründen hier nur ein kurzer Auszug aus seiner Biographie: 1989 begann Beimer eine Affäre mit seiner Nachbarin Anna und wurde – wovon er erst später erfuhr – Vater ihres Sohnes, 1990 flog er bei seiner Frau raus. 1991 war das Jahr der Scheidung und des spurlosen Verschwindens von Anna, die, abermals schwanger, entführt und monatelang gefangengehalten wurde von ihrem Exmann, der sich später das Leben nahm. Beimers jüngerer Sohn schoss mit dem vom rechtsradikalen Onkel überreichten Luftgewehr einem Nachbarn das Augenlicht weg, sein älterer Sohn starb bei einem Busunfall.

Den Bratpfannentod wünschen wir ihm nicht

Beimer selbst gab sein Beamtendasein auf, arbeitete als Nachtportier, als Taxifahrer und als Geschäftsführer eines Hotels, wo er aber entlassen wurde, nachdem er, um Helga und ihrem zweiten Mann zu helfen, Geld aus der Kasse entnommen hatte; daraufhin verhalf ihm Anna zurück zu seinem Job, indem sie mit seinem Chef schlief, was sie aber derart belastete, dass sie aus dem Fenster sprang und wochenlang im Koma lag. Später stürzte bei einem Handgemenge der gewalttätige Freund von Annas Tochter in den Tod, woraufhin Anna ins Gefängnis kam.

Hans selbst erlitt mehrere Zusammenbrüche, wurde zwischenzeitlich zum Alkoholiker, erkrankte an Parkinson, behandelte sich mit selbstangebautem Cannabis und versuchte seine Enkeltochter aus den Fängen einer Sekte zu befreien. In der heimischen Wohnung nahm Beimer unter anderem eine nigerianische Flüchtlingsfrau, einen Straßenjungen und eine Knastfreundin Annas auf, eine Doppelmörderin. Mit siebzig ist er noch einmal Vater geworden. Ein ganz normales Leben also in der „Lindenstraße“, deren Handlung „recht realitätsnah“ (Wikipedia) erzählt wird.

Und wie sieht in der „Lindenstraße“ ein ganz normaler Tod aus? Serienfiguren sterben laut Statistik des öfteren an Herzinfarkten (4), noch häufiger durch Suizid (6), gelegentlich auch bei Autounfällen (2), bei einem Wohnungsbrand, durch Tollwut oder den Schlag mit einer Bratpfanne (jeweils 1). Den Bratpfannentod wünschen wir Hans Beimer nicht. In unserer Wunschvorstellung kippt er, nachdem er seine letzten Worte ausgerufen hat („Ach, hier sind ja die Noten vom zweiten Teil!“), einfach kurz- und schmerzlos um.

Beimers Darsteller Joachim H. Luger wiederum wünschen wir, dass er von einer unglücklichen Zweitkarriere, wie sie große Männer oft hinlegen (Lothar Matthäus, Boris Becker, Gerhard Schröder), verschont bleibt. Und wenn das Heimweh nach der „Lindenstraße“ ihn eines Tages doch übermannt, kann er ja zurückkehren – als Hans Beimers verschollen geglaubter Zwillingsbruder. Das wäre in gewissem Sinne ja auch noch einmal etwas Neues.

Quelle: FAZ.NET
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLindenstraßeHeidi KlumGünter WallraffHelmut KohlBildzeitung