Abstimmung in Australien

Eine Frage der Ehe

Von Till Fähnders, Adelaide
 - 17:50

In der australischen Küstenstadt Adelaide haben die Befürworter der „Ehe für alle“ in bester Lage einen kleinen Laden angemietet. Das Geschäft in einer Einkaufspassage dient ihnen als Hauptquartier für ihre Kampagne. In einer Ecke stehen Tüten mit T-Shirts, auf denen die Umrisse des australischen Kontinents in Regenbogenfarben gedruckt sind. Auf dem Boden liegen Poster gestapelt, auf denen homosexuelle Paare über ihre Erfahrungen berichten. „In unserer Kampagne geht es um echte Menschen und ihre Geschichten“, sagt Emmanuel Cusack, der Kampagnenleiter für den Bundesstaat Südaustralien. „Das spricht die Leute an.“

Die Aktivisten in Adelaide sind optimistisch, dass die „Ehe für alle“ auch in ihrem Land bald eingeführt wird. Im Vergleich zu den meisten angelsächsisch geprägten Ländern hinkt Australien in dieser Frage hinterher. Erst jetzt nimmt die Sache Fahrt auf. An diesem Mittwoch soll feststehen, ob sich die Mehrheit der australischen Wahlberechtigten für oder gegen eine Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausspricht. Dann wird das Ergebnis einer Briefumfrage veröffentlicht, die von der australischen Regierung mit großem Aufwand organisiert worden war. Die Umfrage selbst war einfach aufgebaut. „Sollte das Gesetz geändert werden, so dass Paare gleichen Geschlechts heiraten können?“, stand auf den Zetteln, die die Australier schon vor Wochen in ihren Briefkästen fanden.

Die meisten Umfragen gehen davon aus, dass überwiegend mit „Ja“ abgestimmt wird. Für die 28 Jahre alte Ellen Mitchell wäre es das bevorzugte Ergebnis. Die zierliche Studentin ist eine von Hunderten Freiwilligen, die in Anrufen und Straßenaktionen die Australier daran erinnert hatten, dass jede einzelne Stimme zählt. Auch sie trägt ein Kampagnen-T-Shirt mit dem Regenbogen-Australien. Sie selbst habe vor etwa zehn Jahren ihr Coming-out gehabt, erzählt sie. „Ich habe zwar keine Pläne zu heiraten, aber ich wünschte, es wäre wenigstens eine Option. Wir sind noch immer nicht gleichberechtigt.“ Die Australierin hofft, dass ihre schwulen und lesbischen Landsleute schon bald nicht mehr ins befreundete Neuseeland reisen müssen, um heiraten zu können.

Das Ergebnis ist nicht einmal bindend

Doch das Verfahren, für das sich die Australier entschieden haben, ist ungewöhnlich. Die Form der Briefumfrage wird von fast allen Seiten kritisiert. Denn obwohl es viele Millionen Dollar verschlingt, ist das Ergebnis nicht einmal bindend. Am Ende muss doch das Parlament entscheiden. Der Grund für das Vorgehen dürfte darin liegen, dass die Regierung von Malcolm Turnbull, die mit schlechten Zustimmungswerten kämpft, verhindern wollte, dass sie von ihren konservativen Wählern am Ende für die Einführung der „Ehe für alle“ verantwortlich gemacht wird.

Ein echter Volksentscheid wird aber von der Opposition blockiert, so dass nur noch die Form der Umfrage blieb. „Man darf nicht vergessen, dass auch wir gegen die Umfrage waren. Aber nun findet sie statt, und wir machen das Beste daraus“, sagt Aktivistin Ellen Mitchell. Die meisten aus ihrem Lager wollten, dass wie in Deutschland die Abgeordneten in dieser Frage das Sagen haben. Das hätte nicht nur Geld gespart, sondern auch eine schmerzhafte Diskussion über das Für und Wider der Einführung der „Homo-Ehe“ vermieden, sagen die Aktivisten.

Die australischen Gegner der „Ehe für alle“ kommen vor allem vom rechten Rand der Regierungspartei (Premier Turnbull gehört zur „Ja“-Seite) sowie von christlich-konservativen Verbänden. In einem italienischen Café nicht weit von dem Kampagnenladen lässt sich der Vorstandsvorsitzende der „Marriage Alliance“ gerade einen Kaffee servieren. Die christliche Lobbygruppe tritt vehement gegen die Änderung der australischen Ehegesetze ein. Damian Wyld sagt, er habe in den vergangenen Wochen einige Anfeindungen und Beleidigungen erlebt. „Die Diskussion wird von Emotionen angeheizt. Die Leute haben das Gefühl, es wird über ihr Leben abgestimmt.“

Die Gegner argumentieren, dass die „Ehe für alle“ negative Folgen für die Stellung der Familien, die Religionsfreiheit und die Vermittlung von Geschlechterrollen in den Schulen haben könnte. „Wir sind sicher die ‚Underdogs’ bei dieser Wahl. Aber wir haben eine Chance“, sagt Wyld. Tatsächlich konnten die Gegner der Gesetzesänderung in den Umfragen über die Zeit ihr Ergebnis verbessern.

Die Debatte hat die australische Bevölkerung stark polarisiert. Im vergleichsweise kleinen Adelaide traten diese Konflikte vielleicht sogar noch etwas deutlicher hervor als in den liberalen Metropolen Sydney und Melbourne. Selbst zu vereinzelten körperlichen Angriffen ist es im Verlauf der Kampagne gekommen – davon waren sowohl Befürworter als auch Gegner der „Ehe für alle“ betroffen. Die aufgeheizten Diskussionen der vergangenen Wochen hätten sie belastet, sagt zum Abschied die Freiwillige Ellen Mitchell. „Aber wenn es am Ende dazu führt, dass die gleichgeschlechtliche Ehe kommt, dann wäre das phantastisch.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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