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Gauland in Badehose

Da hört der Spaß echt auf

Von Jörg Thomann
 - 10:39
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Das Foto, das hier nicht zu sehen ist, zeigt zwei Menschen von hinten, eine Frau in Polizeiuniform und einen älteren Mann in Badehosen, die nebeneinander durch eine Straße vorbei an dichten, hohen Hecken laufen.

Ungewöhnlich wird das Bild zum einen durch die so gegensätzliche Bekleidung der beiden, zum anderen erst durch das Wissen um die näheren Umstände, die, zum Beispiel, eine Überschrift der „Märkischen Allgemeinen“ erhellt: „Unbekannter bestiehlt Gauland beim Baden“. Dem AfD-Chef wurden Hemd und Hose entwendet. Ich gebe es zu: Im ersten Augenblick habe ich schmunzeln müssen.

Warum? Zum einen, weil ich Alexander Gauland nicht mag. Was nicht in erster Linie mit seiner Person zu tun hat, ich kenne ihn nicht persönlich, sondern mit den politischen Positionen der Partei, die er führt, aber dann doch auch wieder mit ihm ganz direkt, mit seinen zusehends aggressiven, verletzenden, Ressentiments bedienenden Worten.

Eigentlich ist es immer eine Komödie

Mit seiner ganz frischen Feststellung etwa, in angeblich 1000 Jahren ruhmreicher deutscher Geschichte seien Hitler und der Nationalsozialismus nur ein „Vogelschiss“ gewesen, ein hässlicher Fleck also, den eine gute Reinigung im Nu wegbekommt. Mein Lächeln entsprang also ganz banaler, spontaner, nicht sehr sympathischer Schadenfreude. Zugleich aber, was es vielleicht etwas akzeptabler macht, auch der diffusen Erinnerung an einige Filme, in denen Badende ihrer Kleidung beraubt wurden.

Es handelte sich stets um Komödien, und es kann gut sein, dass die – männlichen – Diebstahlsopfer sich im einen oder anderen Fall nicht anders zu helfen wussten, als ihrerseits Kleider zu klauen, die dann aber von Frauen stammten, worauf sie eine Weile im Fummel herumlaufen mussten.

Dieses Schicksal immerhin ist Alexander Gauland erspart geblieben, er machte sich in Badehose auf den kurzen Heimweg. Die ganze Geschichte ist nachzulesen im Artikel der „Märkischen Allgemeinen“, der anhebt wie eine Novelle: „32 Grad heiß war es, als sich Alexander Gauland am frühen Dienstagabend in der letzten Woche ins Wasser des Heiligen Sees in Potsdam begab, der ganz in der Nähe seiner Potsdamer Wohnung liegt.“

„Nazis brauchen keinen Badespaß“

Ein unbekannter Mann habe sich dann der Gaulandschen Kleider bemächtigt und ausgerufen: „Nazis brauchen keinen Badespaß!“. Andere Badegäste riefen die Polizei, doch der Mann suchte das Weite. Weil sich in der Hose auch Gaulands Wohnungsschlüssel befanden, habe der Politiker seine gesamte Schließanlage auswechseln müssen.

Das nun ist gewiss nicht mehr sehr lustig. Eine jeglicher AfD-Sympathie unverdächtige Autorin twitterte, eine derartige Aktion sei „armselig und falsch“, selbst gegenüber jemanden, der solch ein problematischer Zeitgenosse – sie benutzte einen gröberen Ausdruck – sei wie Alexander Gauland.

Und tatsächlich wirkt Gauland auf dem Foto, das wir nicht zeigen, wie ein geschlagener Mann, der spärlich bekleidet und gesenkten Hauptes den Rückzug antritt. Nicht einmal die sonst bei Persönlichkeitsrechten und entblößten Körpern ausgesprochen unbefangene „Bild“-Zeitung mochte ihren Lesern diesen Anblick zumuten. Ulf Poschardt, der Chefredakteur der ebenfalls bei Springer erscheinenden „Welt“, teilte auf Twitter sendungsbewusst mit: „Wir zeigen das entwürdigende Foto von Gauland in Badehosen nicht.“

Body-Positivity sieht anders aus

Bei diesem Satz allerdings darf man stutzig werden. Hat man das Diebstahlsopfer Gauland auch seiner Würde beraubt? Seiner Kleider hat sich der AfD-Chef ja freiwillig entledigt, und es gibt auch keinen Grund, warum er dies an einem See nicht tun sollte, abgesehen vielleicht davon, dass die Badestelle namens „Grünes Ei“ gar kein offizieller Zugang zum Heiligen See ist; aber mit Recht und Ordnung nehmen es AfD-Politiker bekanntlich nicht immer ganz genau.

Das Foto zeigt den unspektakulären Anblick eines älteren Herren, wie sie im Sommer in Scharen an unseren Stränden anzutreffen sind. Selbst Gaulands karierte Badeshorts wirken halbwegs gediegen. Offenbart der distinktionssichere Poschardt in seinem Tweet womöglich Altersrassismus? Wäre ein Kleiderdiebstahl bei jüngeren, athletischeren Parteikollegen wie Poggenburg oder Höcke demnach weniger verwerflich gewesen? Ein Wladimir Putin jedenfalls würde zu strengsten Sanktionen greifen, würde ihn die Presse nicht mehr mit freiem Oberkörper zeigen.

Egal, ob man über das Gauland-Bild nun spottet oder sich darüber empört (im Netz finden sich beide Reaktionen zuhauf): Die vielbeschworene Body-Positivity sieht anders aus. Und vielleicht ist Gaulands Kopf ja auch gar nicht deshalb gesenkt, weil er so geknickt ist, sondern weil er es vermeiden will, auch noch zu stolpern – was, wenn man nur leichtbekleidet ist, noch bösere Folgen haben könnte; die Polizistin scheint auf dem Foto überdies ebenfalls zu Boden zu blicken.

Nicht zuletzt handelt es sich bei der Zeitung, die das umstrittene Bild veröffentlichte, ausgerechnet um jenes Blatt, das Gauland selbst einst als Herausgeber führte und dem er mutmaßlich noch verbunden ist. Kurzum: Jeder Auftritt Gaulands am Rednerpult ist entwürdigender als besagter Badehosen-Schnappschuss.

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Fragwürdig ist freilich auch die Absicht des Diebes, „Nazis“ keinen „Badespaß“ zu gönnen. Mal ganz unabhängig davon, wie man Alexander Gauland politisch einordnen möchte: Nazis in Badehosen sind solchen in Bomberjacke und Springerstiefeln unbedingt vorzuziehen, können sie doch weit weniger Schaden anrichten.

Ein Bad im See tut außerdem nicht nur dem Körper, sondern auch manch gepeinigter Seele gut. Ohnehin ist es nachgerade rührend, dass ein Mann mit einer so düsteren Weltsicht wie Gauland so fröhlich naiv seinen Schlüssel am Badestrand zurücklässt – in der irrigen Annahme, dass ihm am idyllischen Heiligen See, wo sich in der Regel keine von der AfD so gefürchteten immigrierten Jungmännerhorden herumtreiben, nichts zustoßen kann.

Lieber den Spaß im Bundestag nehmen

Statt jedenfalls Gauland den Badespaß zu nehmen, sollten sich die anderen Parteien und die mündigen Bürger besser daranmachen, ihm und seinen Parteifreunden den diebischen Spaß im Bundestag zu nehmen.

Ist aber nun der Griff nach Gaulands Hemd und Hose ein Dummerjungenstreich oder ein weiterer Ausdruck des Niedergangs der politischen Auseinandersetzung im Lande, ja ein Vorbote, dass wir uns Weimarer Verhältnissen nähern? Immerhin hat, da laut einer Polizeisprecherin „ein politischer Hintergrund der Tat nicht ausgeschlossen werden“ kann, der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen. Andererseits sind schon vor zwanzig oder dreißig Jahren Politiker von vergleichbaren Attacken getroffen worden, etwa Joschka Fischer von einem Farbbeutel und Helmut Kohl von rohen Eiern.

Ein vermutlich unbeabsichtigter Nebeneffekt solcher Aktionen ist, dass sie ihre Opfer höchst menschlich wirken lassen. Der Anblick von Fischer, wie er sich mit schmerzverzerrter Miene das Ohr hielt, konnte auch das Mitleid seiner politischen Gegner wecken, während die Wut und die Wucht, mit der Kohl auf seinen Angreifer losging, schier beeindruckend war.

Prominente Schicksalsgefährten

Und auch ein Gauland wirkt mit einem Mal verletzlich auf dem Badehosen-Foto – das wir im Übrigen unseren Lesern nicht deshalb vorenthalten, weil wir den Mann nicht demütigen oder ihm gar neue Sympathisanten zuführen wollten, sondern weil wir Paparazzi-Bilder in dieser Zeitung generell vermeiden.

Trösten mag es Gauland, dass er einen prominenten Schicksalsgefährten hat. Im Film „Hochwürden Don Camillo“ flüchtet der Titelheld vor der Hitze zwar nicht in den Heiligen See, der für einen Priester fraglos ein angemessenes Gewässer wäre, aber in den Fluss Po, worauf ihm eine Frau die am Ufer zurückgelassenen Gewänder stiehlt; sie ist überzeugte Kommunistin, es ist also eine politische Tat.

Jesus Christus, an den sich der in Unterbekleidung planschende Don Camillo in seiner Not wendet, antwortet gelassen: „Als sie mich ans Kreuz geschlagen haben, war ich nackter als du.“ Es handelt sich auch bei diesem Film um eine Komödie.

Wie nun der Fall Gauland einzuordnen ist, als Komödie, als Tragödie oder als Farce, und welchen Stellenwert man ihm in der 1000-jährigen deutschen Geschichte beimessen mag – es sollen andere beurteilen. Die „New York Times“ hielt die Sache immerhin für bedeutsam genug, um sie einem internationalem Publikum bekanntzumachen. In ihrem Text zitiert sie einige der hämischen Twitter-Kommentare und reportiert: „Doch weil dies Deutschland ist, lachte nicht jeder.“ Für ihren Artikel hat die Zeitung eine Schlagzeile gedichtet, die man wie folgt übersetzen könnte: „Ein Führer der äußeren Rechten ging in Deutschland schwimmen. Seine Kleider gingen spazieren.“ Man könnte meinen, dass die Kollegen dabei geschmunzelt haben.

Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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