Dokumentarfilm

Eine Frau muss er alleine finden

Von David Wünschel
 - 19:16
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Stellen Sie sich vor, Sie wären so arm, dass Sie nicht einmal einen Euro hätten, obwohl Sie ihn dringend brauchten. Es geht zwar nicht um Ihre Existenz, trotzdem wäre dieser eine Euro Ihnen enorm wichtig.

Also hoffen Sie, dass Ihnen jemand hilft. Aber niemand ist dazu bereit, und der Euro, den Sie brauchen, bleibt ein Euro, den Sie nicht haben. Zum Verzweifeln, oder?

Genau das zeigt ein Dokumentarfilm, der kommende Woche in die Kinos kommt. In einer Szene von „Als Paul über das Meer kam“ steht Paul Nkamani am Bahnhof Eisenhüttenstadt. Nach der Flucht durch die Wüste, übers Meer und durch halb Europa ist der Bus 454 ins Asylheim die letzte Etappe. Aber Mitfahren kostet einen Euro, und Nkamani ist pleite. Der Busfahrer hilft nicht, die anderen Fahrgäste ebenso wenig, und nicht mal Jakob Preuss, der Regisseur, der Nkamani mit der Kamera von Marokko bis hierher begleitet hat. Der Fahrer schließt die Tür, der Bus fährt ab, und Nkamani bleibt allein an der Bushaltestelle stehen.

Ein Euro für den Bus

Nkamani: „Ich war sehr, sehr traurig. Ich bekomme keine Bezahlung für den Film. Jakob begleitet mich fast jeden Schritt und läuft den ganzen Tag mit mir herum. An der letzten Station fehlt mir nur ein Euro. Und er kann ihn mir nicht geben. Ich war wütend und traurig.“

Preuss: „Ich war mir sicher, dass Paul in den Bus einsteigt – ob mit oder ohne Ticket. Ich war damit beschäftigt, dem Busfahrer zu zeigen, dass er aus dem Bild fahren soll, aber dann nocheinmal anhält. Sonst wären wir an der Haltestelle zurückgeblieben. Pauls flehende Blicke habe ich erst beim Sichten im Schnittraum entdeckt. Ich weiß nicht, wie ich sonst reagiert hätte. Ich hoffe, dass ich hart geblieben wäre. Ich hoffe, dass ich gesagt hätte, ich greife nicht ein.“

Unterkunft im Jugendzimmer

Eingreifen oder nicht eingreifen: Vor diese Frage wurde Preuss während der Arbeit an seinem neuen Film mehr als einmal gestellt. „Als Paul über das Meer kam“ ist ein filmisches Tagebuch, in dem der Einundvierzigjährige die anfänglich zufällige Begegnung zwischen sich und dem 38 Jahre alten Nkamani beschreibt. Oft war der Flüchtling in Situationen, in denen er Hilfe brauchte, nicht immer blieb Preuss so hart wie in Eisenhüttenstadt. In Paris besorgte er Nkamani eine Unterkunft, von Frankfurt aus nahm er ihn im Auto mit nach Berlin, und am Ende quartierte er ihn sogar in seinem ehemaligen Kinderzimmer ein.

Kinotrailer
„Als Paul über das Meer kam“
© Weydemann Bros. GmbH, farbfilm

Zwei Jahre später wohnt Nkamani immer noch dort. Er und Preuss sitzen im Garten hinter dem Haus und diskutieren über den Film, Preuss’ Mutter serviert Kaffee und Tomatenchips. Obwohl ihm mehrmals angeboten wird, auf Französisch zu antworten, führt Nkamani fast das gesamte Gespräch auf Deutsch. Er lernt die Sprache seit zwei Jahren, Preuss’ Vater hat ihm einen Deutschkurs bezahlt.

Preuss wird Teil der Handlung

Es ist diese enge Beziehung zwischen Nkamani und Preuss, die „Als Paul über das Meer kam“ zu einem ungewöhnlichen Dokumentarfilm macht. Preuss ist kein stummer Beobachter, sondern ein Teil seines Films. Indem er Nkamanis Schicksal verändert, wird er Teil der Handlung. Was macht das aus einem Dokumentarfilm, wenn aus Protagonist und Regisseur plötzlich Flüchtling und Helfer werden? Und was macht das aus der Beziehung zwischen den beiden?

Nkamanis Geschichte beginnt rund anderthalb Jahrzehnte zuvor in Kamerun. Damals träumt er noch davon, eines Tages als Diplomat zu arbeiten. Doch sein Jura- und Politikstudium ist schon vorbei, bevor es richtig begonnen hat: Einige seiner Kommilitonen demonstrieren gegen die schlechten Studienbedingungen. Weil Nkamani im Studentenrat sitzt, wird er dafür verantwortlich gemacht und von der Universität geworfen.

Einziges Ziel ist Europa

Nkamani zieht zurück in das Dorf, in dem seine Mutter wohnt. Er hält sich mit dem Anbau von Ölpalmen über Wasser. Einige Jahre später wird sein Vater krank und stirbt, weil niemand die Behandlung bezahlen kann. Nkamani ist Anfang 30, hat keine Frau, keine Kinder. Und in seinen Augen auch keine Zukunft. Also entscheidet er sich zum Aufbruch in die Sahara. Sein großes Ziel: Europa.

In Algerien verdient er sich das Geld für die Überfahrt, dann zieht er weiter nach Marokko. In der Nähe der spanischen Exklave Melilla schlägt er sein Zelt in einem Wald auf, in dem schon andere Flüchtlinge leben. Sie alle wollen entweder über den Grenzzaun oder das Mittelmeer nach Europa. Hier, vor Melilla, trifft Nkamani das erste Mal auf Preuss.

Wer hat wen rausgesucht?

Nkamani: „Am Anfang war ich vorsichtig. Wir lebten illegal im Wald. Und dann kam plötzlich ein weißer Mann und stellte Fragen. Ich dachte, vielleicht arbeitet er für die Behörden. Aber Jakob hat mir das Thema seines Films geschildert und mich überzeugt. Ich dachte: Vielleicht ist das eine Gelegenheit, um auf unsere Probleme aufmerksam zu machen. Deshalb habe ich den anderen Leuten gesagt, dass er nicht gefährlich ist.“

Preuss: „Paul war von Anfang an sehr wichtig, weil er uns in diese Gruppe im Wald eingeführt hat. Er wollte kein Geld, und was er erzählte, war sehr interessant und differenziert. Und er hatte keine Familie in Europa. Da war es für ihn vielleicht nicht schlecht, jemanden von der anderen Seite zu kennen. Ich werde wohl nie herausfinden, ob ich ihn ausgesucht habe oder er mich.“

Viele andere Passagiere sterben

Einige Wochen bleibt Preuss vor Ort. Damals plant er noch einen Film über Europas Außengrenzen. Nkamani ist nur einer von vielen, mit denen er spricht. Dann fliegt Preuss zurück nach Deutschland. Nkamani wagt unterdessen einen Fluchtversuch: Mit Hilfe eines Schleppers will er nach Spanien übersetzen.

Es kommt zur Tragödie. Das Benzin geht aus, und das Boot treibt zwei Tage lang über das Meer. Die Hälfte der Passagiere stirbt. Die andere wird von der Küstenwache gerettet. Aufnahmen im Internet zeigen, wie Nkamani spanischen Boden betritt. Seine Hände zittern. Er trägt eine orangefarbene Jacke und scheint zu schwach zum Weinen.

Preuss findet die Bilder im Internet

Nkamani: „Da sind Menschen gestorben, die mit mir zusammen im Wald gelebt haben. Du siehst, wie diese Menschen sterben. Du willst ihnen helfen, aber du kannst es nicht. Du musst dich selbst schützen. Ich habe mehrmals erbrochen. Ich war kalt und schwach, hatte Hunger und Durst. Alles.“

Preuss: „Ich wollte zurück nach Marokko, aber ich erreichte Paul nicht mehr. Ich saß in Berlin am Laptop und habe im Internet diese Bilder gefunden. Wenn man dort jemanden sieht, den man zwei Wochen vorher noch getroffen hat, ist das eine ganz andere Sache. Ich wusste nicht, ob Paul sich noch einmal davon erholt. Da musste ich mir das erste Mal die Frage stellen, wie ich mit der Situation umgehe. Ob ich helfen soll. Ich bin direkt nach Spanien geflogen und habe versucht, Paul zu kontaktieren. Aber das war unmöglich, er saß in Abschiebehaft.“

Über Paris nach Deutschland

Weil Nkamani keinen Pass besitzt, können die Behörden ihn nicht nach Kamerun schicken. Knapp zwei Monate später wird er freigelassen und kommt zunächst in einem Flüchtlingsheim, später bei einem Freund in Bilbao unter. Weil Spanien in der Krise ist, will Nkamani kein Asyl beantragen. Er hält sich illegal im Land auf, darf es aber nicht verlassen. Trotzdem plant er seine Weiterfahrt nach Deutschland.

Einige Wochen bleibt Nkamani in Bilbao, dann geht plötzlich alles ganz schnell: Mit einer Mitfahrgelegenheit fährt er nach Paris. Er ruft Preuss an, der ihm einen Schlafplatz bei Bekannten organisiert. Einen Tag später fährt er weiter nach Frankfurt. Dort wartet Preuss und nimmt ihn mit nach Berlin. Kurz darauf beantragt Nkamani Asyl: Jetzt darf er vorerst in Deutschland bleiben.

Ohne Arbeit und ohne Beschäftigung

Von Berlin aus fährt Nkamani nach Eisenhüttenstadt. Der Bus zum Asylheim verlässt den Bahnhof zwar zunächst ohne ihn, nach einer halben Stunde drückt ihm eine junge Frau jedoch fünf Euro in die Hand. Nkamani nimmt den nächsten Bus. Später zieht er in ein anderes Asylheim. Obwohl er endlich in Deutschland ist, fühlt er sich nicht wohl. Inmitten von Flüchtlingen, ohne Arbeit oder eine andere sinnvolle Beschäftigung: Das ist nicht das Leben, das er sich hier vorgestellt hat.

Nach zwei Monaten verlässt er das Asylheim wieder. Preuss hat ihn seinen Eltern vorgestellt. Weil die Behörden es tolerieren, darf Nkamani in ihrem Haus wohnen. Eine dunkle, enge Wohnung im Kellergeschoss: Nkamani zieht dort ein, wo Preuss als Jugendlicher wohnte.

Was dokumentiert der Film?

Nkamani: „Es wäre schwer für mich geworden, wenn Jakob nicht geholfen hätte. Ich brauche momentan Hilfe. Ich weiß nicht, wie lange ich hier noch wohnen darf. Jakob und seine Eltern können sich nicht ihr ganzes Leben um mich kümmern. Es wird eine Zeit kommen, da muss ich meinen eigenen Weg finden.“

In Berlin-Schmargendorf endet der Film – und vorerst auch Nkamanis Geschichte. „Als Paul über das Meer kam“ ist ein ergreifender Film, weil er einfühlsam ist, aber ohne Klischees und Kitsch auskommt. Er behandelt viele Facetten der europäischen Flüchtlingspolitik und verzichtet auf oberflächliche Urteile. Trotzdem bleibt die Frage, was Preuss’ Werk dokumentiert. Ist es noch eine typische Flüchtlingsgeschichte? Ist es, wie der Untertitel des Films lautet, das „Tagebuch einer Begegnung“? Oder beides?

Nkamani arbeitet im Pflegeheim

Preuss: „2015 und 2016 hatten in Deutschland wahnsinnig viele Menschen das Gefühl, helfen zu wollen. Ich glaube, dass man in Deutschland viele Geschichten wie die von Paul finden kann. In Paris wäre es genauso möglich gewesen, dass Paul unter der Brücke schläft, wie dass ihm jemand hilft. Es wäre doch Unsinn zu sagen: Weil ich jemandem helfe, verfälscht das die Geschichte. Ich mache Dokumentarfilme, weil ich Begegnungen so spannend finde. Und davon bin ich Teil.“

Heute pflegt Nkamani Demenzkranke in einem Altenheim. Er arbeitet Vollzeit im Schichtdienst, manchmal auch an Wochenenden oder Feiertagen. Es ist kein Traumjob, aber Nkamani erledigt ihn sehr verlässlich. Von seinem Gehalt versorgt er sich selbst und zahlt eine kleine Miete. Mittlerweile spricht er so gut Deutsch, dass er sich flüssig unterhalten kann. Er versucht, sich zu integrieren.

Abschiebung ist nicht möglich

Trotzdem wurde sein Asylantrag vor einigen Wochen abgelehnt. In Kamerun gibt es keinen Krieg, Nkamani gilt als Wirtschaftsflüchtling. Er hat gegen die Ablehnung geklagt, aber die Chance auf Erfolg ist klein. In einigen Monaten verliert Nkamani womöglich sein Bleiberecht. Was dann passiert, weiß niemand: Solange Nkamani keinen Pass hat, kann er nicht abgeschoben werden.

Nkamani: „Es ist sehr schwer für mich. Ich hatte Gründe, meine Heimat zu verlassen, aber sie haben die Behörden nicht überzeugt. Ich versuche trotzdem, meinen Optimismus zu bewahren.“

Das System verunsichert ihn

Im Film strahlt Nkamani Zuversicht und Fröhlichkeit aus. Als in einer Szene in Berlin Hagel auf ihn niederprasselt, muss er laut lachen. Während des Gesprächs zwei Jahre später bleibt er ernst und spricht leise. Als er gebeten wird, etwas lauter zu sprechen, reagiert er nicht.

Preuss: „Ich bewundere Paul für seine positive Energie. Aber ich finde es spannend, dass er diese Haltung teilweise verliert. Er arbeitet, lernt Deutsch, woran liegt es denn noch? Dieses System verunsichert ihn, weil er es nicht versteht. Weil vieles nicht mehr in seiner Hand liegt und andere Menschen über ihn entscheiden, auf Grundlage von Kriterien, die ihm nicht einleuchten.“

Auf der Suche nach einer Frau

Nkamani ist der Meinung, dass er ein Bleiberecht verdient hätte. Nicht nur, weil er sich anstrengt und sich integriert. Sondern auch, weil er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um hierher zu kommen. Preuss stimmt ihm zu. Er und seine Eltern unterstützen Nkamani gerne.

Eine mögliche Lösung wäre eine Familie. Nkamani darf bleiben, wenn er heiratet oder Vater wird. Er sucht schon seit zwei Jahren. Mit seiner sportlichen Figur und dem markanten Gesicht sieht er nicht so aus, als würde er Frauen verschrecken. Trotzdem sei dies schon bei einigen seiner Freundinnen passiert, sagt Preuss. Das liege daran, dass man in Kamerun Frauen eben auf andere Weise kennenlerne als hier.

Die beiden sind oft unterschiedlicher Meinung

Nkamani hatte gehofft, dass Preuss ihm bei der Frauensuche hilft. Preuss sagt aber, dass Nkamani sich selbst darum kümmern muss. Es ist nicht das einzige Thema, bei dem die beiden unterschiedlicher Meinung sind. Nkamani sagt, es müsse eine Obergrenze für Flüchtlinge geben. Preuss stellt die Frage, ob man nicht über offene Grenzen nachdenken sollte. Nkamani glaubt, dass vieles in seinem Leben in Gottes Hand liegt. Preuss glaubt das nicht. Nkamani hat konservative Ansichten, Preuss liberale.

Obwohl die beiden seit ihrer ersten Begegnung in Marokko sehr viel Zeit miteinander verbracht haben, gehen sie distanziert miteinander um. Sie scheinen sich zu vertrauen und zu respektieren. Aber sind sie befreundet? Nach dieser Frage herrscht einige Sekunden Stille.

Nkamani: „Ich würde sagen, Jakob ist fast schon wie Familie.“

Vertraute, aber keine Freunde

Nach dem Gespräch stehen die beiden auf dem Rasen und unterhalten sich. „Eigentlich wollte ich ein Bild davon, wie ihr euch umarmt“, sagt der Fotograf, „aber so scheint eure Beziehung ja nicht zu sein.“ Preuss verneint, und Nkamani sagt nichts.

Dann muss Nkamani zur Arbeit. Die Demenzkranken warten. Preuss hat noch ein wenig Zeit. Also geht er zurück zur Sitzecke, wo immer noch die Kaffeekanne und die Tomatenchips stehen. Er kommt noch einmal auf die Frage nach seiner Beziehung zu Nkamani zurück.

Preuss: „Ist er ein Freund? Ich weiß es nicht. Am Anfang habe ich probiert, ihn auf Partys oder ins Kino mitzunehmen, aber das war schwierig. Paul ist erzkonservativ. Es gibt eine Sympathie, und wir diskutieren gerne miteinander über Weltpolitik. Aber ohne diese Sache wären wir uns vermutlich nicht so nahe gekommen. Ich würde es wie eine Verwandtschaft beschreiben. Man hat sich nicht gegenseitig ausgesucht. Aber trotzdem fühlt man sich verantwortlich und stellt die Verbindung nicht in Frage.“

Quelle: F.A.S.
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