Anneliese Uhlig ist tot

Die Frau, die sich Goebbels widersetzte

Von Rosemarie Killius
 - 16:03

Am 1. August sollte es eine Hommage zu Anneliese Uhligs Geburtstag geben, der sich am 27. August zum 99. Mal jährt. Den Termin hatte ich vor einigen Wochen mit dem Filmmuseum Frankfurt ausgemacht, möglichst zeitnah, denn Anneliese Uhlig ging es nicht mehr so gut. Sie selbst freute sich riesig, dass in Deutschland an sie erinnert werden sollte und sogar ihr liebster Film „Solistin Anna Alt“ eingespielt würde.

Am 16. Juni schickte sie per Mail noch ihre Grußworte, am 17. Juni ist sie dann abends in ihrem Haus in Santa Cruz in Kalifornien für immer eingeschlafen. An ihrem Geburtstag soll sie im Pazifik bestattet werden.

Bis kurz vor ihrem Tod saß Anneliese Uhlig noch an ihrem Schreibtisch und arbeitete am Computer – die große Dame des Ufa-Films und der drei Karrieren. Kennzeichen: Fleiß, Intelligenz, Zivilcourage. Eine außergewöhnliche Biografie.

Viele Filme mit den großen Kollegen dieser Zeit

Ihr Lebensweg führte sie von Essen, wo sie 1918 geboren wurde, zur Schauspielausbildung nach Berlin. Dort wurde sie von Thea von Harbou, der zweiten Ehefrau von Regisseur Fritz Lang, entdeckt. 1937 debütierte sie mit der Hauptrolle in „Manege“ an der Seite von Attila Hörbiger und unter der Regie von Carmine Gallone.

1938 stand sie im Schillertheater in Berlin auf der Bühne („Der Richter von Zalamea“ von Calderón) und ging auf eine mehrmonatige Europatournee unter der Leitung von Heinrich George. Danach folgten gleich mehrere Filme mit den großen Kollegen dieser Zeit: Willy Birgel, Gustav Diessl, Hans Söhnker, Will Quadflieg. In ihren Filmen („Die Stimme aus dem Äther“, Regie Harald Paulsen; „Kriminalkommissar Eyck“, Regie Boleslav Barlog oder „Der Vorhang fällt“ mit Gustav Knuth) verkörperte sie hintergründige und verdächtige Frauen. Schon mit 20 Jahren galt sie so als die „geborene Dame“.

Es folgten Bühnenrollen etwa in Goldonis „Diener zweier Herrn“ mit Joachim Gottschalk und René Deltgen. Anneliese Uhlig gehörte bald zur Spitzengarnitur der deutschen Schauspieler. Doch als sie 1940, mit 22 Jahren, die Avancen des Propagandaministers Joseph Goebbels, dem Schirmherrn des deutschen Films, abwies und ihm ihr „Nein“ ins Gesicht schleuderte (er darauf: „So werden sie natürlich keine Karriere machen“), rächte er sich, indem er sie für den deutschen Film sperrte.

1943 wurde sie nach Deutschland zurückbeordert

Durch Vermittlung ihrer besten Freundin, der bekannten Kammersängerin Maria Cebotari, gelang ihr aber die Verpflichtung im italienischen Film. Dort fand sie sich als Protagonistin unter der Regie von Carlo Ponti (dem späteren Ehemann von Sophia Loren) in einem gemeinsamen Filmprojekt („La Fornarina“) mit der aus Deutschland verjagten Goebbels-Geliebten Lída Baarová wieder. Nach ihrem fünften italienischen Film wurde sie aber 1943 kriegsdienstverpflichtet nach Deutschland zurückbeordert und bei der Truppenbetreuung eingesetzt.

Dank ihrer Italienischkenntnisse war sie vor Kriegsende eine Zeit lang als Dolmetscherin und Gesellschafterin für die sich in Deutschland befindliche Familie des entmachteten Mussolini in einem bayrischen Schloss beschäftigt. Zugleich konnte sie noch in einigen Hauptrollen in weiteren Erfolgsfilme brillieren, etwa in „Der Majoratsherr“ mit Willy Birgel und in ihrer „schönsten Rolle in einem deutschen Film“, wie sie in ihrer Autobiografie schrieb, in „Solistin Anna Alt“ mit Will Quadflieg. Ihr letzter Film vor Kriegsende war „Frau über Bord“ von Wolfgang Staudte und mit Heinrich George.

In den Nachkriegsjahren musste sie wie so viele um ihre Existenz kämpfen. So produzierte sie Shows für amerikanische Truppen in Österreich und Frankfurt und trat mit Marika Rökk und Loni Heuser in „Glory Road“ auf. 1948 ging sie mit ihrem amerikanischen Ehemann, dem Oberleutnant und Kunsthistoriker Douglas B. Tucker, als Soldatenfrau in die Vereinigten Staaten. Dort begann sie eine erfolgreiche Karriere als Journalistin. Als solche war sie sogar im Weißen Haus akkreditiert.

Auslandskorrespondentin für deutsche Zeitungen

Anneliese Uhlig war ungewöhnlich vielseitig. So drehte sie zwar auch weiter Filme in Deutschland, 1956 spielte sie zum Beispiel in „Dany, bitte schreiben Sie“ (Regie Eduard von Borsody) an der Seite der bekannten Nachkriegsstars Sonja Ziemann und Rudolf Prack. Doch sie lehrte auch als Dozentin für Dramaturgie und Deutsch an der Thammasat-Universität in Bangkok, nachdem ihr Mann 1963 nach Vietnam und Thailand versetzt worden war.

Seit den fünfziger Jahren schrieb sie zudem als Auslandskorrespondentin für deutsche Zeitungen, Agenturen und Radiosender, spielte nebenher immer mal wieder Theater und seit den Siebzigern wiederholt auch in deutschen Fernsehproduktionen mit – in Filmen wie „Das Klavier“, Regie Fritz Umgelter, „Der Winter, der ein Sommer war“, ebenfalls unter Umgelters Regie, und 1983 mit Heinz Rühmann „Es gibt noch Haselnußsträucher“, Regie Vojtěch Jasný. Zuletzt war sie in einer Dokumentation über Heinrich George aus dem Jahr 2013 zu sehen.

Anneliese Uhlig hat in rund 30 Kino- und mehr als 15 Fernsehfilmen sowie vielen Theaterproduktionen mitgewirkt, unter anderem auch bei den Jedermann-Festspielen in Heppenheim. Sie war eine mutige Frau, die in der Diktatur Goebbels persönlich Widerstand leistete und die sogar genug Zivilcourage hatte, ihren Jugendfreund Friedrich Goes vor dem Volksgerichtshof zu verteidigen.

Sie lebte bis zum Schluss in ihrem Haus

Ihre Autobiografie „Rosenkavaliers Kind: Eine Frau und drei Karrieren“ ist ein lesenswertes Werk der Zeitgeschichte und übertrifft alles, was sich sonst an Schauspielerbiografien auf dem Markt findet. Und ihr Buch „Einladung nach Kalifornien“ ist ein immer noch gut zu lesender Reiseführer. Anneliese Uhlig wurde 1989 für ihre Verdienste um die deutsch-amerikanische Verständigung mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse geehrt. Vor ihrer zweiten Ehe mit Douglas Tucker, er starb 2009, war sie kurz mit dem Schauspieler Kurt Waitzmann verheiratet – ihr gemeinsamer Sohn Peter starb 2013.

Mit fast 99 Jahren, bis kurz vor ihrem Tod, lebte Anneliese Uhlig noch in ihrem Haus in Santa Cruz. Ich habe sie dort vor einigen Jahren besucht, als ich über Joachim Gottschalk recherchierte. Sie war wohl der letzte Mensch auf Erden, der Gottschalk noch kannte und mit ihm noch kurz vor seinem Tod auf der Bühne gestanden hatte. Gottschalk, verheiratet mit einer Jüdin, tötete sich mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn 1941 in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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