Explodierende Kosten

Zahl der fettleibigen Kinder hat sich verzehnfacht

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 20:17

Die Zahl stark übergewichtiger Kinder und Jugendlicher im Alter von fünf bis 19 Jahren hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verzehnfacht. Lag die Zahl 1975 bei knapp einem Prozent aller Jungen und Mädchen, so waren es 2016 fast sechs Prozent. Fettleibig waren vor gut 40 Jahren elf Millionen Fünf- bis Neunzehnjährige (fünf Millionen Mädchen und sechs Millionen Jungen), im vergangenen Jahr waren es 124 Millionen (50 Millionen Mädchen und 74 Millionen Jungen). Weitere 213 Millionen galten 2016 als übergewichtig, wie eine Studie des Imperial College London zeigt, die zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch, dem Welt-Adipositas-Tag, vorgestellt wurde. Zuvor war sie im britischen Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht worden.

Besonders stark vom Anstieg der Fettleibigkeit betroffen sind die pazifischen Inseln Polynesien und Mikronesien, gefolgt von den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland, Irland und dem Vereinigten Königreich sowie einigen Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas. In Europa sind heute mehr als elf Prozent der Mädchen auf Malta und fast 17 Prozent der Jungen in Griechenland fettleibig, was den höchsten Raten auf dem Kontinent entspricht. Die wenigsten fettleibigen Kinder und Jugendlichen gibt es in Moldau.

Als fettleibig oder adipös werden Menschen angesehen, wenn ihr Körper-Masse-Index (BMI) 30 oder mehr beträgt. Beim BMI wird das Gewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Größe in Metern geteilt. Ein 1,80 Meter großer Mann gilt bei einem Gewicht von etwa 98 Kilogramm an als fettleibig (98 : 1,80 × 1,80 = 30,25), von gut 80 Kilogramm an ist er übergewichtig. Für die aktuelle Studie wurden das Gewicht und die Größe von fast 130 Millionen Menschen vermessen. Setzt sich der von den Wissenschaftlern nachgewiesene Trend fort, wird es in vier Jahren mehr übergewichtige Mädchen und Jungen auf der Welt geben als untergewichtige (BMI unter 18,5). Zwei Drittel aller untergewichtigen Fünf- bis Neunzehnjährigen lebten 2016 in Südasien, besonders in Indien. Insgesamt brachten 75 Millionen Mädchen und 117 Millionen Jungen zu wenig Gewicht auf die Waage. Von Normalgewicht sprechen Mediziner bei einem BMI von 18,5 bis 25.

Die Welt-Adipositas-Gesellschaft (WOF) verwies am Mittwoch auf die explodierenden Kosten, die mit der starken Zunahme übergewichtiger Menschen einhergehen. Die WOF rechnet damit, dass 2025 schon 2,7 Milliarden Menschen übergewichtig und fettleibig sein werden. Die Kosten für die Behandlung der Krankheiten, die sich daraus ergeben, würden bis dahin auf mehr als eine Billion Euro pro Jahr steigen. Am stärksten betroffen wären die Vereinigten Staaten mit Kosten von 470 Milliarden Euro – 2014 waren es schon 275 Milliarden Euro. In den nächsten acht Jahren wird Amerika nach WOF-Berechnungen für durch Übergewicht und Fettleibigkeit entstandene Krankheiten 3,6 Billionen Euro ausgeben. Im gleichen Zeitraum werden sich die Kosten für Deutschland auf 330 Milliarden, für Brasilien auf 212 Milliarden und für das Vereinigte Königreich auf gut 200 Milliarden Euro summieren.

Die WOF geht davon aus, dass 2025 nur unwesentlich weniger Erwachsene in Deutschland leben werden als heute, statt 66,1 etwas mehr als 66 Millionen. Allerdings wird die Zahl der Übergewichtigen in dieser Zeit von 37,1 auf 40 Millionen ansteigen (siehe Grafik). In den 180 Ländern, für die Zahlen vorliegen, wird ein Zuwachs von Übergewichtigen von 1,81 auf 2,42 Milliarden erwartet. Auch die Kosten für die mit dem Übergewicht einhergehenden Krankheiten hat die WOF aufgeschlüsselt. Demnach lagen sie 2014 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei 400 Milliarden Euro, für Diabetes bei 340 Milliarden Euro, für Depressionen bei fast 300 Milliarden Euro, für Leberschäden bei 255 Milliarden Euro und für Krebs-Erkrankungen bei gut 140 Milliarden Euro.

Die WHO fordert dringend politische Konsequenzen. Entscheidend sei, gesundes Essen wie Vollkornprodukte, frisches Obst und Gemüse für Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bezahlbar und zugänglich zu machen. Zudem könnten gesetzliche Grundlagen und Steuern auf zum Beispiel stark zuckerhaltige Lebensmittel helfen, junge Menschen vor ungesundem Essen zu schützen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philipp (pps.)
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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