Häftlinge in Chile

Hinter Mauern von der Welt vergessen

Von Arne Dettmann
 - 14:17
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Ist es Zufall oder Absicht? Vom Sonnenlicht geblendet, betritt der Besucher das Museo de Arte Contemporáneo der Universität Chile, in dem der Deutsch-Schweizer Künstler Louis von Adelsheim noch bis zum 24. Juni seine Ausstellung „Los Muros de Chile“ („Die Mauern von Chile“) über chilenische Gefängnisse präsentiert. Die Fensterläden sind verbarrikadiert, die Atmosphäre ist beklemmend. Selbst die Toilette liegt im Dunkeln. Hilflos tastend sucht die Hand nach dem Lichtschalter. Gehört das zum Konzept? Oder hat die Museumsleitung ihren Besucher hier einfach achtlos vergessen, so wie Chile seine Bürger hinter den Gefängnismauern?

Das Gefühl der Enge und Angst lässt den Gast in der Ausstellung nicht mehr los. In zwölf Räumen zeigt Louis von Adelsheim mit seinen Videoinstallationen die harte Realität chilenischer Haftanstalten – und verwandelt das Museum dazu selbst in einen Knast. Hinter eisernen Gitterstäben flimmern großflächige Filmsequenzen über das Alltagsleben der Insassen. Nackte Oberkörper stemmen Gewichte, andere trinken Tee, verrichten Tischlerarbeiten oder spazieren im Kreis. Ein Wirrwarr aus Menschen in einem viel zu engen Gefängnishof, über den sich Wäscheleinen und Stacheldraht spannen. Die virtuelle Reise in das menschenunwürdige Strafvollzugssystem ist das Ergebnis von jahrelangen Dreharbeiten im Gefängnis der Hafenstadt Valparaíso.

Angehörige erzählen

Die desaströsen Zustände in chilenischen Haftanstalten sind im Land ein offenes Geheimnis. Allein in der Ex Penitenciaría in der Hauptstadt Santiago de Chile sitzen 4586 Häftlinge ein. Von 17 Uhr bis 8.30 Uhr morgens werden jeweils sechs von ihnen in eine Zelle von drei mal vier Metern gesperrt. Was dort passiert, weiß niemand. Zumindest nicht die 25 Wächter, die eigentlich für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. Aber da ein Wachmann auf 183 verurteilte Straftäter kommt, ist er Ordnungshüter nur auf dem Papier. Offiziell sind die chilenischen Haftanstalten zu 188 Prozent überbelegt.

In der Stille der Nacht ist ein ratschendes Geräusch von Metall zu hören. Vier Wächter projiziert Louis von Adelsheim in einem dunklen Raum an die Wände. Unbeteiligt blicken sie in die Mitte, wo auf dem Boden eine andere Filmszene zeigt, wie ein Häftling an Stahlstreben aus seinem Metallbett sägt, um eine Stichwaffe herzustellen. Von 2010 bis heute gab es in der Ex Penitenciaría bei Kämpfen und Bandenkriegen 350 Tote. Mit Hilfe eingeschmuggelter Handys organisieren Häftlinge den gefährlichen Drogenhandel innerhalb und außerhalb der Anstalt.

Im Raum „condena x2“ („Strafe für zwei“) zeigt von Adelsheim Videobilder von einer Frau im Hochzeitskleid, die Supermarkt-Tüten zum Gefängnis trägt. Aufopferungsvoll warten die Ehefrauen der Häftlinge in langen Besucherschlangen, um dem inhaftierten Ehemann ein paar Aufmerksamkeiten zu bringen. Dann kehren sie mit gesenktem Blick wieder zurück nach Hause, wo Kinder, Arbeit und Armut sie erwarten.

In einem nachgestellten Gefängnistrakt lässt von Adelsheim Straftäter selbst über ihre erschütternden Schicksale berichten. Zwischen engen Mauern steht der Besucher vor einzelnen Videobotschaften, in denen es um Drogen, falsche Freunde und letzte Hoffnungen geht, immer wieder auch um den Halt, den nur noch die Familie gibt. Im Raum „Trauer“ stehen sieben Särge, brennende Kerzen werden an die Wand projiziert, Angehörige von Mordopfern erzählen berührend über den Schmerz des Verlusts, über Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und die schwierige Frage der Vergebung.

Kindergefängnis

Neben den verwahrlosten Verhältnissen im Gefängnis thematisiert Louis von Adelsheim auch den aktuellen Skandal um das chilenische Jugendamt Sename, in dessen Räumen in den vergangenen elf Jahren 1313 Minderjährige starben. Etwa 43 Prozent aller Häftlinge in den Gefängnissen waren zuvor in diesem Heim untergebracht. Trotz der Kritik an den unmenschlichen Lebensbedingungen dort hat sich die Lage immer weiter verschlechtert. In der Ausstellung sind die traurigen Gesichter von Kindern zu sehen, die von hier aus ihren vorbestimmten Weg in die Finsternis antreten. Programme zur Resozialisierung von Straftätern gibt es in Chile kaum. Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät, kommt aus dem Teufelskreis nicht mehr heraus.

In chilenischen Gefängnissen ist das einzelne Menschenleben nicht viel wert. Im Dezember 2010 erstickten und verbrannten bei einem Feuer im Gefängnis San Miguel in Santiago de Chile 81 Insassen. In der Ausstellung wird das tragische Unglück in Form eines Quaders aus Mauern dargestellt, hinter dem die Flammen lodern. In ihnen verbrannten die letzten Hoffnungen der Häftlinge auf ein Leben in Freiheit, auf einen Rest von Glück. Über eine ärmliche Wellblechhütte im letzten Raum laufen, untermalt mit melodischer Musik, Bilder von bunten Blumenwiesen – der Traum von der heilen Welt, in der sich ohne Angst vor Gewalt und Unrecht leben ließe. Er bleibt eine verlorene Illusion, eine Paradiesvorstellung für die Häftlinge in Chile, die hinter Gefängnismauern von der Welt vergessen wurden. Louis von Adelsheim kann ihre Verzweiflung nicht mildern, aber er fasst sie in Bilder, die sich in die Erinnerung einbrennen – politische Kunst, über die in der chilenischen Hauptstadt zurzeit viel diskutiert wird.

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Quelle: F.A.Z.
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