Vorwürfe gegen Mode-Fotografen

„Testino war ein Triebtäter“

Von Alfons Kaiser
 - 14:01
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Wie hat er das nur geschafft: Kate Moss entspannt, Prinzessin Diana sinnlich, Gisele Bündchen nackt? Auf die Frage dieser Zeitung sagte Mario Testino vor fünf Jahren: „Ich verbringe Zeit mit ihnen. Da baut man Vertrauen auf.“

Und dieses Vertrauen, so die nächste Frage, das enttäusche er nicht? „Ich habe allen gezeigt, dass die Person, die fotografiert wird, wichtiger ist, als ich es bin. Ich lasse sie gut aussehen. Und sie wissen das. Daher fühlen sie sich beschützt.“

Heute wirken die Worte des aus Peru stammenden Fotografen wie Hohn. Denn der Dreiundsechzigjährige mit dem unwiderstehlichen Lächeln scheint sich zuweilen doch wichtiger genommen zu haben als die Person, die fotografiert wurde.

Die „New York Times“ schrieb am Samstag, zahlreiche Zeugenberichte belegten, dass Testino und sein Berufskollege männliche Models und Mitarbeiter sexuell belästigt hätten, unter ihnen bekannte Männermodels wie Ryan Locke, Robyn Sinclair und Terron Wood.

Berühmt-berüchtigt obszöne Gucci-Kampagnen

Schon Anfang Dezember hatte Model Jason Boyce dem 71 Jahre alten Weber vorgeworfen, ihn sexuell genötigt zu haben. Nun bestätigen 15 Models (und ehemalige Models), der amerikanische Fotograf habe sie bei Aufnahmen gebeten, sich auszuziehen, habe sie zu Atem- und „Energie“-Übungen angehalten und dazu gebracht, sich selbst und den Fotografen zu berühren, wo auch immer sie ihre „Energie“ fühlten. Weber habe ihre Hand geführt, habe seine Finger in den Mund der Models gesteckt und sie an die Geschlechtsteile gefasst.

Im Fall von Mario Testino behaupten 13 männliche Assistenten und Models, dass er übergriffig geworden sei. „Er war ein Triebtäter“, behauptet Ryan Locke, der für die berühmt-berüchtigten obszönen Gucci-Kampagnen des Fotografen vor der Kamera stand oder besser: lag. Als er das Casting im Hotelzimmer des leicht bekleideten Fotografen bestanden und Gucci ihn gebucht habe, sei Testino „aggressiv und fordernd“ vorgegangen.

Am letzten Tag der Aufnahmen habe der Fotograf ihm vorgeworfen, die Szene nicht richtig zu erfühlen, alle Mitarbeiter aus dem Hotelzimmer ausgeschlossen, sich auf das auf dem Rücken liegende Model gesetzt und gesagt: „Ich bin das Mädchen, Du der Junge.“ Locke sagt, er habe sich aus der Lage befreit, sich angezogen und sich schleunigst entfernt.

Auch Testinos ehemaliger Assistent Hugo Tillman behauptet, der Fotograf habe sich in einem Hotelzimmer auf ihn gesetzt und seine Arme aufs Bett gedrückt. Andere ehemalige Assistenten behaupten, er habe sie und weitere Personen immer wieder befummelt und vor ihnen masturbiert. „Sexuelle Belästigung war eine ständige Realität.“ Von Vergewaltigung ist nicht die Rede.

Wer sich Möglichkeiten entgehen lasse, schade seiner Karriere

Beide Fotografen ließen nun mitteilen, die Vorwürfe seien unwahr, die Zeugen nicht glaubwürdig. Wie um zu beweisen, dass er ganz anders ist, veröffentlichte Testino auf Instagram Fotos, die ihn als Wohltäter in Peru zeigen, der eine aus Spenden finanzierte Klinik besucht. Viele der Kommentare unter den Fotos lauten allerdings „#timesup“ – das ist der neue Hashtag der Me-too-Bewegung.

Noch etwas untergräbt allerdings die Anwürfe. Unter männlichen Models ist schon lange bekannt, dass man bei Bruce Weber oder Mario Testino Gefahr lief, unsittlich berührt zu werden. Warum also sollte man sich solchen Aufnahmen aussetzen?

Dazu behaupten die Chefs von Modelagenturen immer wieder, wer sich solche Möglichkeiten entgehen lasse, der schade seiner Karriere – schließlich arbeitete Weber für Calvin Klein, Ralph Lauren oder Moncler, Testino für Gucci, Burberry oder Versace, und beide machten Aufnahmen für die besten Magazine der Welt. Testino nahm sogar Prinzessin Diana für die „Vanity Fair“ auf, schoss das Verlobungsfoto von Prinz William und Kate Middleton und hat gerade Serena Williams mit Baby für die amerikanische „Vogue“ abgebildet.

Aber zwingt solche Autorität zu Hörigkeit? Ist nicht vielmehr Vorsicht angesagt? Viele Booker, also Manager von Models, raten explizit von bestimmten Anfragen ab und vermitteln ihre Schützlinge nicht. Es geht also auch anders.

Condé Nast kündigt die Zusammenarbeit auf

Das Urteil ist aber nun gefällt, bevor auch nur eine einzige der Behauptungen gerichtlich bestätigt worden wäre. Denn in den Vereinigten Staaten ist man jetzt sensibilisiert, erst recht in der Modeszene, wo Ansehensverlust schnell in Umsatzeinbußen münden könnte. Der New Yorker Verlag Condé Nast, der Magazine wie „Vogue“, „GQ“, „Vanity Fair“ und „Glamour“ herausgibt, teilte mit, man werde „in absehbarer Zukunft“ nicht mehr mit Weber und Testino zusammenarbeiten.

Somit folgen die beiden Fotografen ihrem Kollegen Terry Richardson ins Abseits, der im Herbst, als erste Vorwürfe gegen ihn laut wurden, vom bedeutendsten Verlag für Modezeitschriften vor die Tür gesetzt wurde.

Der Bann ist nicht wegen der zu erwartenden Einnahmeausfälle schmerzhaft für die Stars der Branche. Mit Editorials, also den Modestrecken für Magazine, gibt es ohnehin nicht viel zu verdienen. Schwerer wiegt der Reputationsschaden: Die amerikanische „Vogue“-Chefin Anna Wintour und der Condé-Nast-Vorstandsvorsitzende Robert A. Sauerberg Jr. zeigen sich „sehr beunruhigt“ über die Vorwürfe.

Da wird auch die werbende Wirtschaft hellhörig. Und so werden nun auch „money jobs“ ausbleiben, also die lukrative Arbeit an Anzeigenkampagnen für Modemarken oder Kosmetikkonzerne.

Schwierigkeiten durch Abhängigkeitsverhältnisse

Erst durch die Skandale in der Filmbranche reagiert auch die Modeszene auf Fälle möglichen Missbrauchs. Seit den Vorwürfen gegen den Film-Produzenten Harvey Weinstein, der gern gesehener Gast bei vielen Modenschauen war, arbeitet der Condé-Nast-Verlag an einem Verhaltenskodex, der bald in Kraft treten soll. Eine der Grundlagen des Geschäfts, nämlich die Beziehung der Fotografen zu ihren Objekten, wird nun kodifiziert.

Das ist an der Zeit. Schon die vielen Liebesbeziehungen zwischen Fotografen und Models deuten darauf hin, dass es beim fotografischen Akt nicht um eine Zusammenarbeit geht wie zwischen Kollegen im Büro. Bei Modeaufnahmen, die oft an entlegenen Orten stattfinden, ergibt sich oft eine emotionale und körperliche Nähe.

Schwierigkeiten entstehen durch Abhängigkeitsverhältnisse. Unerfahrene Models glauben, ihren Auftraggebern etwas schuldig zu sein. Bewertungsmaßstäbe gibt es in dieser Branche nicht. Der Nachwuchs muss auf Zuspruch hoffen und tut viel für die richtigen Jobs.

Fotografen sind durch die Macht der Bilder selbst zu Stars geworden und glauben, ihr subjektives Urteil sei objektive Norm. Erst jetzt, durch den Preisverfall der Instagram-Kultur, wird ihre Autorität langsam auf Normalmaß zurechtgespart.

Auf der „Vogue“ ist eine Sechzehnjährige

Die neuen Condé-Nast-Regeln besagen laut „New York Times“ vom Sonntag, dass man Models unter 18 Jahren nicht mehr engagieren wird, dass es an den Sets keinen Alkohol mehr geben soll, dass Fotografen das Set nicht mehr für anschließende eigene Aufnahmen nutzen dürfen und dass Models nicht mehr mit Fotografen, Make-up-Leuten oder anderen Mitarbeitern alleine gelassen werden sollen. Szenen, in denen das Model nackt oder in aufreizenden Posen erscheinen solle, müssten zuvor abgesprochen sein.

Auch der New Yorker Verlag Hearst („Harper’s Bazaar“, „Elle“, „Esquire“, „Cosmopolitan“) hat seine Regeln verschärft. Dort müssen freie Mitarbeiter wie Fotografen oder Stylisten Belästigungsklagen, die gegen sie anhängig sind, vorher offenlegen.

Für manche Condé-Nast-Redakteurin werden die Vorschriften eine Herausforderung bedeuten. Ehe das Reglement den französischen Ableger des amerikanischen Verlags erreicht hat, glänzt die französische „Vogue“ noch schnell mit einer sexy in Szene gesetzten Sechzehnjährigen auf dem Titel: Kaia Gerber, Tochter von Supermodel Cindy Crawford, trägt auf dem Cover der Februar-Ausgabe, die dieser Tage in den Handel kommt, eine schulterfreie Bluse und knappe Shorts von Saint Laurent. Hoffentlich hat Chefredakteurin Emmanuelle Alt das vorher mit dem Subjekt – oder Objekt? – des Titel-Shootings abgesprochen! Das zarte Alter hat sie jedenfalls billigend in Kauf genommen.

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Ein Zeichen setzenDer rote Teppich ganz in Schwarz

Wie er denn bei den Aufnahmen so sei, fragten wir Mario Testino vor fünf Jahren. „Ich folge meiner Intuition. Wenn ich eine Idee habe, mache ich es einfach“, sagte er. Und dabei bleibe er nett? „Klar“, sagte er. Habe er nie geschrien am Set? „Noch nie!“ Wirklich nie? „Vielleicht habe ich mich selbst mal angeschrien“, sagte er. „Manchmal verliere ich die Geduld mit mir selbst. Aber das war’s dann auch. Wenn man etwas haben möchte, ist es nicht gut, kleinlich zu sein. Mit einem Lächeln bekommt man mehr.“

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die Vorwürfe gegen Terry Richardson seien 2010 laut geworden. Tatsächlich war das erst sieben Jahre später der Fall.

Quelle: FAZ.NET
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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