Ben Affleck im Interview

„Ich gehörte nie zu den coolen Jungs“

Von Bettina Aust
 - 10:52
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Herr Affleck, Ihr neuer Film „Live By Night“, in dem sie Regie führen und die Hauptrolle spielen, ist eine Literatur-Adaption. Was ist Ihr Lieblingsbuch?

Es ist witzig. Das haben mich meine Kinder auch gerade gefragt.

Und was haben Sie geantwortet?

Das erste Buch, das einen großen Eindruck auf mich hinterlassen hat, war eine Geschichte aus zwei Städten von Charles Dickens. Das habe ich in der sechsten Klasse gelesen. Und mir wurde zum ersten Mal bewusst, was gutes Schreiben bedeutet. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, mit dem ich das Ende gelesen habe. Ich dachte: Das hat sich dieser Charles Dickens toll ausgedacht!

Und was lesen Sie aktuell?

Um ganz ehrlich zu sein, lese ich in letzter Zeit sehr viele Bücher über Meditation. Das fasziniert mich gerade sehr und hilft mir auch ganz praktisch im Leben weiter. Was ich besonders interessant finde, ist die Tatsache, dass Meditation schon so lange praktiziert wird und Wissenschaftler heute bestätigen, was für einen positiven Effekt sie wirklich auf uns hat.

Und jetzt meditieren Sie?

Ja, ich versuche es so oft wie möglich. Und ich habe das Gefühl, es hilft mir wirklich. Ich kann klarer denken, mich besser konzentrieren, bin ruhiger und weniger angespannt als früher. Ich kann sogar besser Regie führen.

Haben Sie vor unserem Interview meditiert?

Ja, ich habe heute morgen meditiert. Aber nur kurz: 15 Minuten. Ich bin manchmal noch nicht so gut, wenn es darum geht, mir auch wirklich die Zeit zu nehmen. Und ich bin noch weit davon entfernt, ein Meister, Guru, Yogi oder etwas in der Art zu sein. Aber wer weiß, vielleicht schaffe ich morgen 20 Minuten. Ich werde mich langsam steigern.=)

„Live By Night“ basiert auf einem Roman von Dennis Lehane. Sie haben bereits das Buch „Gone Baby Gone“ von ihm verfilmt. Warum noch einmal Dennis Lehane?

Meine spontane Antwort ist relativ simpel: Ich bin ein Fan seiner Bücher. Seine Geschichten berühren mich. Ich bewundere seine Art zu schreiben. Er hat dieses Talent, lebendige Charaktere zu entwickeln, und schreibt hervorragende Dialoge, und seine Geschichten saugen mich förmlich auf. Und ich scheine ja nicht der Einzige zu sein, dem es so geht. Zwei weitere Lehane-Verfilmungen stammen von Martin Scorsese und Clint Eastwood.

Zwei Regie-Legenden. Haben Sie da nicht das mulmige Gefühl, mit diesen Kino-Giganten in eine Art Wettbewerb zu treten?

Ich hoffe nicht, dass das Publikum es als Wettbewerb sieht. Die beiden sind genial, und das sind nun wirklich nicht die Jungs, mit denen ich verglichen werden will. Die spielen in ihrer eigenen Liga. Ich finde es ja besser, wenn die Messlatte für mich niedriger liegt und man mir noch den Anfänger-Bonus zugesteht. So nach dem Motto: Ben Affleck der Neuregisseur (lacht). Im Vergleich mit deren Meisterwerken kann ich ja nur den Kürzeren ziehen.

Sie beschäftigen sich in Ihren Filmen immer auch mit der Kehrseite des amerikanischen Traums. Warum?

Was mich immer interessiert hat, ist die moralische Doppeldeutigkeit dieser Geschichten. Dir werden im Leben immer die moralischen Lektionen präsentiert. Wie soll ich mich verhalten? Was ist richtig, was ist falsch? Und als Filmemacher ist es mein Job, so etwas zu hinterfragen. Es existieren all diese Verhaltensregeln, die uns von der Gesellschaft oder dem Gesetz auferlegt werden. Aber was passiert eigentlich, wenn man nicht nach diesen Regeln leben will? Das finde ich spannend. Was geschieht, wenn ich nach meinen eigenen Gesetzen lebe? Irgendwie ist das eine der ewigen großen Fragen der Menschheit.

Kritisieren Sie mit Ihren Filmen die aktuelle amerikanische Gesellschaft?

Ich sehe meinen Film nicht als politisches Statement. Ich versuche mich eher auf gesellschaftliche Themen zu konzentrieren, die damals relevant waren und auch heute noch aktuell sind.

Damals glaubte man noch an den amerikanischen Traum und dass er für jeden wahr werden kann. Existiert dieser Traum heute überhaupt noch?

Ich glaube, in gewisser Weise existiert er immer noch, aber mit Einschränkungen. Die Menschen haben das Gefühl, dass dieser Traum immer mehr erodiert. Unsere Gesellschaft wird immer unfairer, und wir haben weniger Möglichkeiten. Die Ungleichheit wird immer größer. Das lässt das Vertrauen in diesen Traum immer mehr in sich zusammenfallen. Diese Idee besagt ja, du kannst es mit Anständigkeit, Fleiß und harter Arbeit schaffen, ein besseres Leben zu führen als deine Eltern. Und jetzt sehen wir die erste Generation, die sogar weniger erreichen wird als ihre Eltern. Sie gehen einen Schritt zurück. Eine Menge dieser Art von Frustration war auch während der großen Depression präsent. Und das ist die Verbindung zwischen meinem Film und der Gegenwart.

Haben Sie als junger Mann an den amerikanischen Traum geglaubt?

Ich habe schon sehr früh verstanden, dass der amerikanische Traum für einige leichter zu realisieren ist als für andere. Wenn du ein bestimmtes Geschlecht oder die richtige Hautfarbe hast, wirst du einfach besser dran sein, was den Zugang zu Möglichkeiten angeht, mit denen du deine Zukunft gestalten kannst. Zu einem großen Teil ist es ein manipuliertes Spiel mit gezinkten Karten. Es ist unfair. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass mich die Vorstellung, theoretisch sei alles möglich, auch immer sehr inspiriert hat.

Auf welche Art?

Ich habe an mich geglaubt. Ich habe daran geglaubt, dass ich ein Drehbuch schreiben kann und dass es möglich ist, von diesem Viertel in Boston, in dem ich aufgewachsen bin, irgendwie ins Showgeschäft zu gelangen.

Ihre Filme sind auch immer wieder eine Liebeserklärung an Ihre Heimatstadt Boston. Sind Sie ein Lokalpatriot?

Ich bin dort aufgewachsen, und Boston ist so eine Art Prüfstein in meinem Leben, an dem ich mich messen kann. Ich habe nie vergessen, woher ich komme. Und so sehr mich der Rest der Welt manchmal zweifeln lässt, diesen Teil kenne ich. Ich weiß, wie er tickt, kenne seinen Pulsschlag. Die Stadt hat mich geformt. Und obwohl ich dort schon seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr lebe, ist sie immer noch ein wesentlicher Teil meiner Identität. Deswegen fühle ich mich vor diesem Hintergrund sicher, wenn ich eine Geschichte erzähle. Es ist immer noch mein Zuhause. Und praktischerweise sind viele von Dennis Lehanes Geschichten in Boston angesiedelt. Würde er über Menschen in Baltimore schreiben, hätte ich ihn wahrscheinlich gar nicht verfilmt. Matt Damon, Dennis Lehane, mein Bruder Casey und ich, wir sind so eine Art Boston-Gang.

„Manchester by the Sea“
Ein großes Stück Wirklichkeitskino
© dpa, F.A.Z., Universal Pictures Germany

Sie haben häufig Männer gespielt, die nicht Teil des etablierten gesellschaftlichen Systems sein wollen. Wo sehen Sie sich in diesem System?

Ich bin älter geworden und etwas erwachsener. Ich bin selbst Vater geworden und begreife einige der Regeln, die zum Beispiel Eltern aufstellen, wesentlich besser als früher. Viele dieser Regeln haben früher für mich nie einen Sinn gemacht, da fand ich sie einfach albern und antiquiert. Ich bin ruhiger geworden. Ich setze heute andere Prioritäten.

Welche Prioritäten?

Ich möchte ein Umfeld schaffen, in dem meine Kinder sicher aufwachsen können und die Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln. Insofern habe ich mich einige Schritte auf das System zubewegt. Ich habe mich schon immer wie ein Außenseiter gefühlt. Da war nie eine Gruppe, zu der ich gehört habe oder mit der ich mich identifizieren konnte. Der Großteil der Menschen war mir einfach fremd. Und deswegen mache ich wahrscheinlich auch so gerne Filme über Außenseiter. Ich gehörte auch nie zu den coolen Jungs, bin auch nicht aufs College gegangen. Diese Erfahrung hatte ich also auch nicht.

Sie arbeiten gerade mehr als jemals zuvor. Was treibt Sie an?

Das Verlangen nach etwas, das mein Leben bereichert. Und ich will Dinge, die ich fühle oder die mir wichtig sind, mitteilen und im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Publikum teilen. Die Ideen haben sich im Laufe der Jahre verändert. Aber die Motivation ist immer noch dieselbe. In den vergangenen Jahren hat sich alles mehr in Richtung Regie entwickelt. Aber genau das war eigentlich von Anfang an mein Ziel.

Sie wollten nie ein Filmstar werden?

Meine erste Liebe war immer Regie. Und wenn ich mich zwischen Regie und Schauspielerei entscheiden müsste, würde ich immer die Regie wählen. Die Wahrscheinlichkeit, ein Projekt zu finanzieren, ist allerdings immer größer, wenn ich nicht nur Regie führe, sondern auch eine Rolle darin spiele. Deswegen ist es schwierig, diesen Job an den Nagel zu hängen.

Die Hauptrolle in Ihrem Regie-Debüt „Gone, Baby, Gone“ hat dann trotzdem Ihr Bruder Casey gespielt. Warum haben Sie ihn damals besetzt?

Ich dachte damals, meinen ersten Film zu inszenieren und gleichzeitig die Hauptrolle zu spielen ist dann doch etwas zu viel auf einmal. Ich hatte damals enormen Stress, weil ich ja gar nicht wusste, ob ich überhaupt Regie führen kann. Aber ich wusste, er würde das großartig machen. Und ich wollte ihm die Chance geben, etwas zu zeigen, was man vorher noch nicht von ihm gesehen hatte. Kurz vorher hatte er dann ja seinen Durchbruch mit dem Film „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“. Aber ich wusste schon vorher, wozu er imstande ist. Ich habe ihn entdeckt! Er hat ein ganz besonderes Talent. Und das kann man jetzt wieder in „Manchester by the Sea“ sehen.

Dieser Film Ihres Bruders und Ihr eigener Film starten bei uns in Deutschland fast zeitgleich in den deutschen Kinos. Wer wird das Rennen gewinnen?

Ich hoffe, in Deutschland existieren genügend Affleck-Fans, um sich beide Filme anzusehen. Ich schlage vor, man sieht einen am Samstag und den anderen am Sonntag. Aber ich würde jetzt auf keinen der beiden Filme wetten.

Sind Sie als Regisseur immer mit Ihrer Leistung als Hauptdarsteller zufrieden?

Wenn ich mit einem Regisseur wie David Fincher arbeite und der mir dann erzählt, ich war in der Szene gut, kann ich davon ausgehen, dass es in Ordnung war. Ich kann mich selbst als Regisseur gar nicht auf diese Weise sehen. Am Ende bin da nur ich und das, was ich auf dem Monitor sehe. Ich versuche dann immer möglichst viele Extraszenen zu drehen, damit ich später auf der sicheren Seite bin.

Sie werden auch den nächsten Batman-Film inszenieren, in dem Sie zusätzlich die Hauptrolle spielen. Warum lassen Sie sich auf dieses Risiko ein?

Zurzeit bin ich tatsächlich sehr unsicher, was dieses Projekt angeht. Denn wir arbeiten immer noch am Drehbuch, das Budget steht noch nicht, und wir haben noch nicht einmal ein Zeitfenster, in dem die Dreharbeiten stattfinden sollen. Wissen Sie, wenn man so einen Film macht, muss er wirklich grandios werden oder man hat versagt. Da gibt es nur einen Weg. Wenn du einen Film dieser Größenordnung in den Sand setzt, wird es ja richtig peinlich. Du versagst auf sehr extravagante, sehr öffentliche Art. Man macht sich zum Gespött der Branche. Und die Batman-Rolle zu spielen ist natürlich auch ein großes Risiko. Aber ich muss solche Risiken eingehen, sonst wird es langweilig.

Welchen Effekt haben zwei Oscars auf Ihr Selbstvertrauen?

Ich bin wirklich dankbar für die beiden Auszeichnungen. Das waren die herausragenden Momente meiner bisherigen Karriere. Und trotzdem bedeutet das nicht, dass ich denke, ich wüsste besser wie man Filme macht, als andere in Hollywood. Es ist ein schönes Kompliment, das ich in aller Bescheidenheit akzeptiere. Es hat aber keinen Einfluss auf mein Selbstvertrauen. Das kommt mit zunehmender Erfahrung als Regisseur. So langsam weiß ich, was ich tue. Wenn ich Zweifel habe, sehe ich mir jedenfalls nicht meine Oscars an, um mich aufzubauen.

Zur Person

Geboren 1972 in Kalifornien als Sohn eines Sozialarbeiters und einer Lehrerin. Sein Bruder Casey ist auch Schauspieler, beide haben schon als Kinder Schauspielrollen übernommen.

Einen Oscar erhielt er zusammen mit seinem Freund Matt Damon 1998 für das gemeinsame Drehbuch zu „Good Will Hunting“, und 2013 folgte für den Film „Argo”, bei dem Affleck Regie führte, die Hauptrolle spielte und Koproduzent war, der Oscar für den besten Film. Affleck erhielt aber auch mehrmals in seiner Karriere die Goldene Himbeere für die schlechteste schauspielerische Leistung.

Von 2005 bis 2015 war er mit Schauspielerin Jennifer Garner verheiratet. Nun leben sie getrennt, sie haben zwei Töchter und einen Sohn.

Sein aktueller Film „Live By Night“ startet am 2. Februar in den deutschen Kinos.

Quelle: F.A.S.
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