Kameramann und Regisseur

Bergsteiger Norman Dyhrenfurth gestorben

Von Stephanie Geiger, München
 - 20:04

Auf Berge steigen kann jeder. Ideen zu entwickeln, die dem Bergsteigen neue Dimensionen eröffnen, ist dagegen schon schwieriger. Wenn es dann noch gelingt, auch jene Menschen in Staunen zu versetzen, denen das Bergsteigen ganz fremd ist, dann ist das eine außergewöhnliche Leistung. Norman Dyhrenfurth, der, wie erst am Dienstag bekanntwurde, am Sonntag im Alter von 99 Jahren in Salzburg gestorben ist, konnte all das für sich reklamieren.

1918 in Breslau geboren, erlebte er als Kind, wie seine Eltern in den Himalaja und den Karakorum aufbrachen, um dort auf hohe Berge zu steigen. Zwar sei seine Mutter Hettie eine bessere Tennisspielerin als Bergsteigerin gewesen, sagte Norman Dyhrenfurth einmal, aber sie hielt mehr als zwei Jahrzehnte lang den Höhenrekord der Frauen. Vater Günter scheiterte als Expeditionsleiter zwar am 8586 Meter hohen Kangchendzönga, brachte aber erste fundierte Erkenntnisse über die Tektonik der Himalaja-Region zurück.

Norman Dyhrenfurth ging 1937 mit der Mutter in die Vereinigten Staaten. Er war schon in jungen Jahren Professor für Film an der Universität von Kalifornien in Los Angeles geworden. Das hielt ihn nicht davon ab, im Herbst 1952 an der zweiten schweizerischen Mount-Everest-Expedition teilzunehmen. Er war für Fotos und Bewegtbilder zuständig. Die Kamera war auch im Gepäck, als er 1955 eine internationale Expedition zum Lhotse leitete und als er sich 1958 auf die Suche nach dem Yeti machte. Bei der schweizerischen Expedition zum Dhaulagiri war er 1960 bergsteigender Filmmann.

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Außergewöhnlichen Pioniergeist bewies Dyhrenfurth bei der von ihm geleiteten amerikanischen Expedition zum Mount Everest 1963. Obwohl der Everest schon zehn Jahre zuvor erstbestiegen worden war, gelang es Dyhrenfurth, Aufsehen zu erregen. Er hatte die Idee, den Berg zu überschreiten, also für Auf- und Abstieg jeweils eine andere Route zu wählen. Drei Jahre feilte Dyhrenfurth an dem verwegenen Vorhaben und der Auswahl der Teilnehmer. Tom Hornbein und Willi Unsoeld realisierten das Projekt schließlich. Um zeigen zu können, welch unvorstellbare Leistung den Bergsteigern am Everest abverlangt wird, stieg der Expeditionsleiter Dyhrenfurth mit der schweren Kamera im Rucksack selbst fast bis zum Gipfel auf. Nur 150 Höhenmeter fehlten ihm bis zum höchsten Punkt. Dieser Tag sei der Höhepunkt seines bergsteigerischen Lebens gewesen, sagte Dyhrenfurth später. Er machte daraus einen so spektakulären Film, dass die National Geographic Society ihr Fernsehprogramm 1965 mit „Americans on Everest“ eröffnete und das Bergsteigen in die Wohnzimmer von Millionen Zuschauern brachte. Seit kurzem ist der Film in vier Teilen bei Youtube zu sehen.

Bei allem Erfolg teilte Norman Dyhrenfurth das Schicksal vieler Kinder berühmter Eltern. Er war ein erstklassiger Bergsteiger, ein erfolgreicher Expeditionsleiter, ein preisgekrönter Kameramann und Regisseur – und stand trotzdem zeit seines Lebens im Schatten seiner Eltern, ganz zu Unrecht.

Quelle: F.A.Z.
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